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„Eine Animation Richtung Wotan“: Dieter Dorn schlüpft auf der Bauprobe in die Rolle des Gottes.

„Dem Publikum die Hand reichen“

München - Münchens Theaterlegende Dieter Dorn inszeniert in Genf Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Im Merkur-Interview spricht er über die Herausforderung.

Ursprünglich wollte er den „Ring des Nibelungen“ einmal für München stemmen. Doch Intendant der Kammerspiele und Regisseur für nebenan, für die Bayerische Staatsoper also, das wäre im Falle dieses Mammutwerks zu viel gewesen. Nun inszeniert Dieter Dorn, bis 2011 Chef des Bayerischen Staatsschauspiels, Richard Wagners Opus summum für das Grand Théâtre in Genf. „Das Rheingold“ hat am kommenden Samstag Premiere, die übrigen drei Opern kommen bis März 2014 heraus. Die Ausstattung besorgt, wer sonst bei Dorn, Jürgen Rose. Ingo Metzmacher dirigiert.

Bleiben Sie bei Ihrem Konzept, das schon einmal verwirklicht werden sollte?

Wir machen das, was wir uns damals gedacht haben – und was schon immer das Prinzip unserer Theaterarbeit war. Wir wollen keine großen Dekorationen, keine starken inhaltlichen Festlegungen. Wir gehen wie so oft von der leeren Bühne aus.

Das heißt konkret fürs „Rheingold“?

Mit dem ersten Orchesterbrummen ziehen die drei Nornen, die ja erst in der „Götterdämmerung“ auftauchen, ein mannshohes Garnknäuel über die Bühne. Alte Kartons, alte Kisten sind dann in der ersten Szene zu sehen, die im Rhein spielt. Geschichte, die quasi ins Wasser gespült wurde – Wotan hat schließlich schon einiges verursacht in dieser Welt. Das Knäuel taucht in allen vier Opern auf und wird immer kleiner, bis das Garn, so will es auch Wagner, am Anfang der „Götterdämmerung“ reißt.

Durch die unzähligen Inszenierungen scheint es, als ob die eigentliche „Ring“-Geschichte hinter den vielen Konzepten verschwunden ist.

Da gebe ich Ihnen absolut Recht. Man wird ja meistens immer nur nach Konzepten beurteilt. Gerade beim „Ring“ ist es wichtig, dass man die Sache ganz naiv erzählt. Wie man Kindern etwas mit einfachen Mitteln nahebringt. Die Deutung muss man dann den Zuschauern überlassen. Man sollte nicht in großen Zeichen hängen bleiben, sondern Widersprüche in und zwischen den Figuren, ihre Psychologie zeigen.

Wie geht der „Ring“ aus? Am Ende kommt noch einmal dieses emphatische Sieglinde-Motiv. Eine reale, positive Verheißung – oder doch eine zu ferne Utopie?

Welches Bild man auch dazu erfindet, ob positiv oder negativ: Gegen diese positive Musik kommt man nicht an. Es klingt, als sei da Hoffnung. Die Götter sind weg, vieles andere auch. Ich weiß noch nicht, ob wir die Hoffnung der Musik überlassen oder ob wir ein bestimmtes Zeichen finden. Auch hier gilt: Mit endgültigen Formulierungen geht jede Möglichkeit des Widerspruchs verloren.

Es gibt ja international eine relativ kleine Sänger-Besetzung, die in allen „Ringen“ auftritt. Wie geht man damit um?

So ein weltweites Ensemble, das dauernd mit denselben Rollen herumtourt, war ich im Schauspiel weniger gewöhnt. Wir haben damals miteinander etwas gesucht und entwickelt und uns dafür viel Zeit gelassen.

Manche Regisseure sagen allerdings, mit Sängern zu arbeiten sei unproblematischer als mit Schauspielern, weil Sänger schon etwas Gefestigtes in ihrer Arbeit haben...

Ja, man muss nicht diskutieren, ob man einen Satz so oder anders betont. Ein Großteil des Rollengerüsts ist bereits in der und durch die Musik vorhanden. Das macht schon auch Spaß. Andererseits sind Sänger voller Vorurteile. Weil sie sich sicher sind: Das macht meine Figur so. Das Komische ist dann: Wenn einer krank wird und durch einen Kollegen ersetzt wird, der wenige Stunden vor der Aufführung einspringt, dann ist dieser Ersatz oft der König fürs Publikum. Weil sich alle anderen nach ihm ausrichten und auf ihn eingehen. Eine solche Irritation bringt oft Vorteile. Es ist halt ein Hin und Her.

Und wie leicht macht es Wagner dem Regisseur? Wenn man allein den ersten Akt der „Walküre“ nimmt, dann ist doch hier jede Geste in der Musik vorgezeichnet.

Das kann ein Korsett sein. Bei Mozart gibt es das ja auch. Man muss schlicht aus der Musik heraus inszenieren. Man darf sich dabei aber nicht zur Illustration verleiten lassen. Wenn’s bei Wagner so richtig rummst, muss ich keine Riesengeste draufklatschen. Oft kann man auch mit dem Gegenteil etwas erzielen.

Warum spielt jedes noch so kleine Opernhaus den „Ring“? Weil sich jeder Intendant diesen Repertoire-Mercedes leisten will?

Nein. Man kann es drehen und wenden, wie man es will, aber diese vier Opern sind schon eine ungeheure Herausforderung. Ein mit der Papierschere zusammengeschnittener, neuer Mythos. Und das mit einem politischen Impetus: Schaut, alles geht den Bach runter, wenn wir so handeln. Aber Wagner liefert eben kein Rezept. Er zeigt nur, wohin man im negativsten Falle kommen kann.

Da wird das Stück also dauernd inszeniert – und keiner lernt etwas daraus...

Theater verändert nicht die Welt. Es ist nur dazu da, den Einzelnen auf irgendeine Weise, und sei es nur für ein paar Stunden, zu sich selbst zu bringen und seine Assoziationen finden zu lassen.

Sie würden also nicht so weit gehen wie Klaus Zehelein, der der Opernszene gern eine „Ring“-Pause verordnen würde?

Das klingt ja nach Reichsdramaturgie. So was kann natürlich nur vom Bühnenverein kommen. (Lacht.) Ich finde: jeder wie er will und – auch finanziell – kann.

Sie sind in Genf nicht mehr Herr des gesamten Theaterverfahrens, sondern „nur“ noch Gast. Ein Problem für Sie?

Man braucht schon großes Vertrauen. Ich bin es von früher gewohnt, dass alles in der künstlerischen Arbeit genau aufeinander abgestimmt ist. Dass alles dauernd geändert und optimiert werden kann. Opernhäuser arbeiten anders. Deshalb gibt es natürlich Entzugserscheinungen.

Welche Rolle spielt der Ort der Inszenierung? Würden Sie für Bayreuth anders inszenieren?

Nein. Es gibt vielleicht einen Unterschied zwischen subventionierten und nicht subventionierten Theatern. Ich denke da an meinen „Tristan“ für die New Yorker Met, die von Privatgeldern sehr abhängig ist. Daraus könnte sich eine andere Regie-Haltung ergeben. Bei subventionierten Häusern droht allerdings ein Problem: Dem Publikum wird nicht mehr die Hand gereicht. Daher kommt ja der Übermut vieler meiner jungen Kollegen. Die sagen: Ist doch sowieso subventioniert, also zeige ich meine eigenen Obsessionen – und komme damit sogar noch in die Zeitung.

Ist Ihnen die Figur Wagner eigentlich sympathisch?

Das Einzige, das ich grauenhaft finde, ist sein Antisemitismus. Und der kommt im Grunde aus einer Nicht-Anerkennung seiner Person. Ansonsten bilde ich mir ein, dass ich den Wagner ziemlich genau kenne. Weil ich Sachse bin. (Lacht.) Das kommt einem alles so vertraut vor: Zwischen absoluter Passion und Scharlatanerie liegt ja nur ein Millimeter. Diese Gernegroße, die alles mit Über- und Unterbau versehen wollen. Eine Parodie davon haben wir ja mit der DDR gehabt.

Wagner schildert ganz starke Frauengestalten. Ist er womöglich ein verkappter Feminist?

So weit kann man schon gehen, ja. Und komisch ist dann, dass er es im realen Leben immer auf die Frauen seiner Freunde abgesehen hat, anstatt sich ’ne Dame zu suchen, die frei ist. Auch wieder typisch Sächsisch: Was soll ich mir die Mühe machen...?

Das Gespräch führte Markus Thiel

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