Der demonstrative Akt

- "Versteht man unter Architektur Veränderungen im natürlichen Umfeld des Menschen durch Konstruktionen, hatte es zuvor in keiner anderen Kultur eine derart dichte Folge von Eingriffen gegeben (als in der römischen)", erklärt der Kölner Archäologieprofessor Henner von Hesberg in seiner Darstellung "Römische Baukunst". In verständlicher Form und illustriert durch klug ausgewähltes Bildmaterial führt Hesberg seine These aus: Es sind die Spitzenleistungen der römischen Ingenieurskunst, das weitgehend gepflasterte Straßennetz, die Wasserleitungen, der Brückenbau, die die Orte des Reichs verbinden und jene geschlossene Infrastruktur erzeugen, die das römische Selbstwertgefühl stärkt.

Missachtung des Gemeinsinns

Nach der römischen Ideologie sollte ein Bauwerk den Nutzen für die Gemeinschaft mit seinem Aussehen verbinden und durch seine Ausstrahlung (auctoritas) der Autorität des Imperium Romanum Ausdruck verleihen. In der Praxis demonstrierte aber der ungeheure Luxus beim Bau von privaten Wohnpalästen und Gartenanlagen eine gewisse Missachtung des (in der Theorie) viel beschworenen Gemeinsinns. Im Grunde fungierte römische Architektur aber als Zeichen für die Überlegenheit der eigenen Kultur gegenüber der fremden und gab den damit verbundenen politischen und religiösen Ritualen erst den passenden Rahmen und die entsprechende Legitimation.

Anhand der Geschichte der Baumaterialien und des Bauornaments werden in zwei kurzen Einleitungskapiteln die Perioden römischer Architekturgeschichte vorgestellt, danach werden in einem Hauptteil die öffentlichen und privaten Bautypen erläutert und am Ende Auftraggeber und Architekten vorgestellt. Bauen - das wird in dem Buch sehr deutlich - beginnt weit vor der materiellen Existenz des Werks und schließt auch die spätere Pflege, Nutzung und Erhaltung des Gebäudes mit ein. Bauten sind also auch Ausdruck der Mentalität und Lebensweise der einzelnen Epochen.

In der Königszeit werden die Städte vor allem auf die Sakralbauten hin konzipiert. In der Zeit der Republik spiegeln die unterschiedlichen Konzepte und Bautraditionen den politischen Kampf der einzelnen Familien wider. Neben Rom bilden sich auch andere Städte zu eigenständigen Zentren aus und betonen ihre Autonomie durch Stadtmauern als Zeichen der Verteidigung und Tempel als Zeichen der Bindung an die Götter. In der Kaiserzeit werden Bauimpulse vom Kaiser monopolisiert.

Zur selben Erkenntnis, einem tiefgreifenden Strukturwandel zwischen Republik und Kaiserzeit gelangt auch Historikerin Elke Stein-Hölkeskamp in "Das römische Gastmahl". War in der Republik das convivium (Gastmahl) eines der zahlreichen Foren für einen inneraristokratischen Austausch und ein Freiraum für die kleinen Fluchten aus dem Alltag, so bietet es in der Kaiserzeit die Gelegenheit für den Gastgeber, in einem einzigen demonstrativen Akt den Besitz aller jener Güter, Eigenschaften und Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, die "man" in der Kaiserzeit haben musste, wenn man zur Elite gehören wollte. Der Verlust der politischen Macht konnte durch Besitzdemonstration und Kulturaktivitäten ausgeglichen werden: Gastmähler wurden mit höchster Raffinesse inszeniert.

So wird das Tranchieren zur Theaterunterhaltung: Aus einem gebratenen Eber fliegen lebende Drosseln, und diese werden dann von als Vogelsteller verkleideten Sklaven mit Leimruten gefangen und den Gästen als kleines Geschenk überreicht; solche Varieté´-Einlagen sahen die Gastgeber als Teil eines Zerstreuungsprogramms in einer Reihe mit gelehrten Tafelgesprächen mit Dichtern und Philosophen.

Henner von Hesberg: "Römische Baukunst". C.H. Beck Verlag, München, 259 Seiten mit 59 Abbildungen; 34,90 Euro.

Elke Stein-Hölkeskamp: "Das römische Gastmahl". Gleicher Verlag, 364 Seiten; 29,90 Euro.

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