Die Demut vor der Rolle

- Eine Ballett-Partnerschaft München-Stuttgart wäre doch ideal. Zum einen Austausch von Solisten - da ohnehin beide, Stuttgart und Staatsballett, die Crankos tanzen - und gegenseitige Gastspiele. Der große Erfolg des Stuttgarter Ensembles jetzt im Prinzregententheater spricht hundertprozentig dafür: Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht", von John Neumeier 1983 für und auf Stuttgarts Direktorin und Primaballerina Marcia Haydée hin entworfen, wurde euphorisch bejubelt.

Natürlich hatte Maria Eichwald, bis 2003 herausragende Münchner Solistin und jetzt zurück als Blanche du Bois, die Publikumsneugier ein bisschen angeschoben. Legitim. Die Eichwald war dann auch - ganz anders, feminin-lieblicher als die Haydé´e - diese zerbrechliche Südstaaten-Schönheit, die am Trauma des Selbstmordes ihres homosexuellen Ehemannes und an einer radikal sich verändernden Gesellschaft zerbricht.Das Publikum wusste aber auch die anderen Stuttgarter Solisten zu schätzen - und die Qualität dieses Neumeier-Balletts, das seine 22 Jahre erstaunlich gut wegsteckt. "Endstation" trifft sehr genau den Ton dieses für die 40er/50er-Jahre typischen US-Dramas. Man ist versucht, über Längen zu mäkeln. Aber für Williams' poetischen Psychorealismus nimmt sich Neumeier einfach die Zeit, die er braucht. Das muss man aushalten. Der Lohn: eine kompliziert-interessante Tanzsprache, die zu Prokofjew und Schnittke Seelensprache wird.Vom Ende her erzählt, faltet sich in Akt I höchst sinnlich-dramatisch Blanches Vorgeschichte auf, bei Williams ja lediglich eine erzählte Erinnerung. Und in dieser Rückblende hochsubtil die homoerotische Anziehung/Pas de deux zwischen Blanches Bräutigam Allan Gray und dessen Freund. Hochsubtil, weil Mikhail Kaniskin, großartiger Eichwald-Partner sowieso, und Marijn Rademaker als Freund ihre Rollen aus einer Gefühlstiefe heraus gestalten. Wunderbar dann im "New-Orleans-Akt" Douglas Lee als sensibel-gutmütig werbender Mitch. Vor so viel Rollen-Demut muss man niederknien. Jason Reillys Kowalski hingegen nimmt man kaum wahr bis auf seine Vergewaltigungs-Turnerei und Silberrücken-Gehabe. Da kann man nicht umhin, an Marlon Brandos komplex-sanften Kowalski-Brutalo zu denken. Blass auch Katja Wünsches Stella. - So nahe am Theater ist dieser Neumeier immer nur so gut wie seine Protagonisten.

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