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München grüßt ins türkische Gefängnis: Deniz Yücel, Doris Akrap und Cem Özdemir (stehend, v. li.) nutzten die Lesung im ausverkauften Literaturhaus, um dem in türkischer Untersuchungshaft sitzenden Politiker und Autor Selahattin Demirtaş mit diesem Foto ein eindrucksvolles Zeichen der Solidarität zu senden.

Lesung im Münchner Literaturhaus

München zeigt Solidarität mit Selahattin Demirtaş

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Journalist Deniz Yücel und Grünen-Politiker Cem Özdemir lesen im Münchner Literaturhaus Texte des in der Türkei inhaftierten Politikers und Autors Selahattin Demirtaş. Das Publikum schickt einen Foto-Gruß ins Gefängnis. 

Stille. Keine Hand rührt sich zum Applaus, nachdem Cem Özdemir die letzten Sätze vorgetragen hat: „Drei Männer hatten am Abend Sehers Träume gestohlen. Drei Männer stahlen in der Nacht ihr Leben.“ So endet die Geschichte der jungen Frau, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde – und nach diesem Verbrechen von Vater und Bruder hingerichtet wird, um die Familienehre wiederherzustellen.

„Seher“ bedeutet aus dem Türkischen übersetzt „Morgengrauen“. Das ist zugleich der Titel des im Penguin Verlag erschienenen Buchs von Selahattin Demirtaş, das Grünen-Politiker Özdemir und der Journalist Deniz Yücel am Donnerstagabend im voll besetzten Münchner Literaturhaus vorstellen. „Dass Demirtaş als Mann und Politiker den Mut hat, das Thema Ehrenmord anzusprechen, gereicht ihm zu großer Ehre“, sagt Özdemir. „Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, dafür braucht es Menschen wie ihn.“

„Er ist Erdogans persönlicher Gefangener“

Selahattin Demirtaş, Jahrgang 1973, war Chef der prokurdischen Partei HDP und Gegenspieler des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Im Oktober 2016 wurde er festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. „Er ist Erdogans persönlicher Gefangener“, sagt Özdemir. Bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Juni erhielt Demirtaş 8,4 Prozent der Stimmen – obwohl er aus dem Gefängnis heraus keinen Wahlkampf machen konnte. Nicht nur deshalb sagt Yücel: „Vor Demirtaş hat Erdogan Angst.“

„Anerkennung jener Menschen in der Türkei, die nicht mehr zu Wort kommen“

Der Journalist der Tageszeitung „Die Welt“, 1973 in Flörsheim am Main geboren, saß selbst mehr als ein Jahr wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ im türkischen Gefängnis. Natürlich geht es auch darum an diesem Abend, den die „taz“-Journalistin Doris Akrap kenntnisreich, unterhaltsam und konzentriert moderiert. In der Türkei, sagt Yücel, könne „jederzeit alles passieren“ – das mache Prognosen zur Entwicklung des Landes so schwierig. Erdogans Herrschaftsstrategie sei es, „das Land permanent unter Spannung zu halten“. Dadurch werde sein Regime aber auch angreifbar. Westliche Politiker und Unternehmen wie Siemens, die in der Türkei investieren, sollten ihre Reisen nutzen, „um denen auf die Nerven zu gehen“, fordert Yücel, der zugleich warnt, „unter dem Deckmantel der Erdogan-Kritik ordinären Rassismus zu betreiben“.

Die meisten von Demirtaş’ zwölf Geschichten erzählen von Frauen und/ oder von den sogenannten einfachen Leuten. Sein Buch sei daher auch die „Anerkennung jener Menschen in der Türkei, die gar nicht mehr zu Wort kommen“.

Der Grünen-Politiker Cemal Bozoğlu hat die Wahl in Istanbul vor Ort beobachtet. Wir haben ihn nach Wahlverlauf und Ergebnis befragt. Der Landtagsabgeordnete hat eine große Hoffnung.

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