Der Denker im Lenbachhaus

München - Die Wiedereröffnung des Lenbachhauses am 8. Mai ist ein Ereignis für München – und ein Medienereignis. In drei Runden werden die Abteilungen vorgestellt. Da unsere Zeitung der Partner der Städtischen Galerie ist, durften wir vorab ins Schatzhaus.

Der Besucher stolpert geradezu in Beuys – genauer: in das Environment „vor dem Aufbruch aus Lager I“ (1970/80). Dieses ausgetüftelte Arrangement konnte vor einem Jahr vom Lenbachhaus aus der Sammlung Lothar Schirmer erworben werden (wir berichteten), jetzt endlich darf man es begutachten: Ab 8. Mai ist das Museum für jeden wieder zugänglich.

Die intime Beuys-Abteilung ist auf der gleichen Etage wie „Kunst nach 1945“ im Südflügel des Altbaus angesiedelt. Und setzt deswegen dort den richtigen Akzent, denn der Bildhauer und Denker soll als die prägende Figur der europäischen Kunst nach Kriegsende herausgestellt werden. Obendrein knüpft er als Philosoph an die Überlegungen der „Blauen Reiter“-Künstler Wassily Kandinsky und Franz Marc an. Die kubischen Objekte, pudrig eingefärbt in Rostrot, aus „vor dem Aufbruch aus Lager I“ erinnern außerdem an den Beginn der Moderne. Beuys (1921-1986) reflektiert hier auch über seinen Standort in der Kunstgeschichte. Und er zeigt per Kunstwerk, wie Kunst beziehungsweise seine Kunst entstehen: Die klassisch geometrischen Formen findet er im Alltag, schält sie heraus, verwandelt sie. Das Chaotische, Matschige, Unordentliche übersieht er freilich genauso wenig. Der Fett-Batzen auf dem Teller erzählt von dem einen (Ur-)Zustand, die kleine Fett-Pyramide vom ordnenden Zugriff, dazwischen das Messer: ein Aufbruch aus dem ersten Lager zur Expedition ins Reich der Kunst – und in das des menschlichen Geistes.

Dass so etwas geplant sein will, signalisiert Beuys mit drei Tafeln. Zwei sind kunstverzaubert in ungegenständliche, monochrome Gemälde: ein straffes, ein zusammensinkendes. Die dritte Tafel blieb schultauglich, und der Künstler skizzierte mit Kreide seine Ideen zum kreativen Energiefluss von „unbestimmt“ (wildes Krakelknäuel) zu „bestimmt“ (Pyramide).

Wer sich in diese feinsinnige und, ja, heitere Installation vertieft hat, ist gut gerüstet für das Weitere. Zunächst wieder Tafeln – mit der Aufschrift „zeige deine Wunde“: die hochberühmte Installation von 1974/75, um die beim Kauf 1979 ein stadtpolitischer Kampf tobte. Das Zweier-System mit den kahlen, von häufiger Nutzung ermatteten Totenbahren, unter ihnen die Fett-Kästchen, erschüttert den Betrachter, so oft er es auch sieht. Ein großartiges Werk, das in heutiger Kunst-Sprache sehr wohl an die Tiefe so mancher Kreuzigungen von einst heranreicht. Überhaupt sind die Themen Geburt, Leben/Werden/Wandel und Tod, der ebenfalls ein Wandel ist, zentral für Beuys’ Œuvre. Die Babybadewanne ist nicht umsonst mit Mullpflastern beklebt, das „Hasengrab“ (beides im Korridor) ist nicht umsonst eine kleine Müllhalde. In diesem Verrotteten steckt unser ganzer Alltag – vom Tonklumpen über Sicherungen und Spielzeug bis hin zu Tabletten.

Dass die Tiere für Joseph Beuys unglaublich bedeutsam sind, wurde jedoch schon vor dem Flur im großen Raum klar. Der „Mäusestall“ berichtet von artgerechter Haltung und dem künstlerischen Zugriff auf die Lebewesen. Immer voller Respekt vor den Viecherln ob aus dem Wissen über Verhaltensforschung (so Direktor Helmut Friedel), Nahrungsmittel oder über Symbole heraus: Fisch – auch urchristliches Zeichen für Jesus –, Schaf, Biene, die in „Bienenkönigin“ zur Magna Mater wird. Gerade hier sind die Schenkungen und Leihgaben von Sammler Lothar Schirmer ein wunderbarer Zuwachs fürs Lenbachhaus.

Simone Dattenberger

Informationen

zugänglich ab 8. Mai, bis 12. Mai kostenloser Eintritt von 10-22 Uhr. 14.5.-30.9., Di.-So. 10-20 Uhr, ab 1.10., Di.-So. 10-18 Uhr; Karten: ab 14. Mai 10, ermäßigt 5 Euro. Buch: „Joseph Beuys – Lenbachhaus – Schenkung Lothar Schirmer“. Schirmer/Mosel, 160 Seiten; 49,80 Euro.

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