Denkhäppchen und Liebesschmerz

- Na klar, wenn Tobias Moretti Hitler spielt, dann darf niemals Blondie neben ihm auftauchen: Schließlich würde man plötzlich in Breloers Fernsehmehrteiler "Speer und Er" den Kriminaler aus "Kommissar Rex" entdecken - und aus ist's mit der würdevollen TV-Nazi-Aufarbeitung. Ein möglicher Ausweg wäre, Blondie von einem Pudel darstellen zu lassen . . . Die Schauspieler (Sophie Rois, Caroline Peters, Christine Groß, Volker Spengler), die aufgeregt und aufgedreht diese fast schon valentineske Diskussion führen, ventilieren damit das Lieblingsthema des Autors und Regisseurs René´ Pollesch.

Sein Stück "Cappuccetto Rosso" hatte Mittwochnacht seine Uraufführung als Zusammenarbeit der Salzburger Festspiele mit der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Pollesch, zurzeit angesagter Theatermacher für das, was man so Avantgarde nennt, ist seit 2001/ 2002 Künstlerischer Leiter des dortigen Praters. Ihm ist das "Repräsentationstheater" zuwider, das Moretti (heuer in Salzburg als Teufel im "Jedermann" und als Grillparzers Ottokar) von sich selbst, zum Beispiel seinem Kommissar-Rex-Leben, trennt. Und deswegen macht Pollesch "Diskurstheater", wie er in Interviews erklärt. Dieses braucht sich dann um das titelgebende Rotkäppchen so wenig zu kümmern, wie Rex, Blondie oder der Pudel der böse Wolf sind.

"Sein oder nicht sein"

Der Autor-Regisseur (1962 geboren) ist bekannt geworden mit eher sozialkritischen Stücken wie das Drama "Stadt als Beute", das verfilmt wurde, die "Heidi Hoh"-Reihe oder "Telefavela". Bei den wild daherpurzelnden, durchaus auch komischen Gesprächen - die Texte entstehen nicht streng am Schreibtisch des Autors - ist immer irgendwie der von der Arbeit geprägte Mensch unserer Gesellschaft der "neoliberalen Glücksversprechen" im Mittelpunkt.

"Cappuccetto Rosso" kümmert sich aber nicht um die Armen und Beladenen, sondern um Schauspieler und Regisseur, um Theater über Theater also - und ein bissl um Glück und Liebe. Das passt zum festspielenden Salzburg (Sophie Rois Buhlschaft bleibt nicht unerwähnt), wird aber auch ab 1. Oktober in Berlin zu sehen sein.

Halt machte Polleschs Thespiskarren - Jahrmarktszelt und drei Bühnencontainer von Bert Neumann (Kostüme: Tabea Braun) - neben dem Mozartdenkmal, gerade wegen Restaurierung auch in ein Zelt gehüllt. Rechts steht eine "Garderobe", in der sich die Schauspieler versammeln, die drei Schauspielerinnen und einen Regisseur spielen. Dabei werden sie gefilmt. Das Video (Kamera: Ute Schall) ist zeitgleich links auf der Projektionswand zu erleben. Eine Art von Doppelsichtigkeit entwickelt sich, der gute alte Verfremdungseffekt; Kino- und Fernsehassoziationen tauchen auf, wozu die gefühlige Musikuntermalung passt.

In der Mitte ist die "Bühne", auf der etwas geprobt wird, was ganz entfernt an Ernst Lubitschs Film "Sein oder nicht sein" erinnert. Denn Ausgangspunkt des Stücks ist ein herrlich satirischer "Diskurs" über den "Nazi-Park" von Eichinger, Breloer und Konsorten, die damit unsere aufgeklärte Haltung finanziell ausbeuten.

Was Theater und Schauspieler ganz real politisch leisten können, will Lubitschs Komödie über Widerstandskämpfer auf der Bühne wissen. Und genau das ist auch Polleschs immerwährende Frage. Beantworten kann er sie nicht. Das macht er im Stück fröhlich deutlich.

Amüsante Selbstironie

Es bietet ganz der uralten Theatertradition folgend Belehrendes und Unterhaltung: Denkhäppchen garniert mit Liebesschmerz und sehr viel Gaudi, denn die Schauspieler machen sich über die eigene Zunft lustig - Probenhysterie ("Ich hab' meinen Zauber verloren"), Rollenneid, Konkurrenzgekeife, Regisseur-Sadisten. Da Schauspieler nicht mehr "repräsentieren" sollen, reflektieren sie ihre eigenen Probleme. Das ist hochamüsant, wenn jemand wie die phänomenale Sophie Rois all dem Geplapper zahlreiche selbstironische Ebenen einzieht: "Ich bin vielleicht nicht gut, aber ich bin da." Sie ist, angeheizt von Sparringspartnerin Caroline Peters, eine irrwitzig schillernde Figur. Indem sie Polleschs Theatertheorie praktisch vollzieht, widerlegt sie diese auf atemberaubende Weise. Sie ist wie eine Diskokugel mit Tausenden von Facetten, die alles spiegeln, alles brechen und doch alles verzaubern. Rois ist das alte ewig junge Theater. Sie ist der Triumph des Schauspielers über Theoretiker, Regisseure und Autoren. Und über uns Zuschauer. Wegen ihr lieben wir dieses Spiel, sind uns "Repräsentation" und "Diskurs" wurscht - sogar das Geschwafel über den Kuchen-gefütterten Pilz, der den Schauspielerinnenkörper übernimmt. Herzlicher Applaus.

Weitere Vorstellungen: nur noch heute, 20.30 Uhr und 22.30 Uhr. Kartentelefon 0043/ 662 80 45-500

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