Das Denkmal wankt nicht

- Trotzig sang John Lennon im Jahr 1970: "I don't believe in Zimmerman." Mit diesem Statement hätte er sich vorletzte Woche beim Bob-Dylan-Kongress in Frankfurt nicht blicken lassen dürfen - man hätte ihn mit kiloschweren Doktorarbeiten zum Thema beworfen. Die Verehrung für diesen Robert Zimmerman, alias Bob Dylan, nimmt bisweilen wahrhaft religiöse Züge an. Diesen Mittwoch wird der Mann, der die Popmusik geprägt hat wie kein anderer, 65 Jahre alt.

Die Stimme:

Die Plattenfirma CBS gab in den 60ern den Slogan aus: "Nobody sings Dylan like Dylan". Das konnte man schon damals als Drohung auffassen. Ein Kritiker meinte, diese Stimme klinge, "als ob sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums geweht wäre". Von Anfang an war sie unverwechselbar, und doch von Platte zu Platte neu: fordernd, cool, arrogant, schmeichelnd, klug. Heute klingt Dylan wie ein alter Blueser, zerdehnt und verheult live die alten Klassiker, um sie frisch zu halten. Das klingt schauderhaft oder aber grandios.

Quecksilber-Klang:

Dylan mag's schlicht. Die Folk-Anfänge wurden ihm freilich irgendwann zu fad, sein zunehmend persönlicher und surrealer Stil verlangte nach Krach: Er machte mit Gleichgesinnten ruppige Rockmusik, einen "dünnen, wilden Quecksilber-Sound", wie er es ausdrückte. Später kam Country hinzu, heute gemahnt er gar an alte Songwriter wie Hoagy Carmichael. Er probt nicht gern, schafft Momentaufnahmen. In den 60ern ließ er die Begleiter im Studio völlig darüber im Unklaren, was sie gleich spielen werden - und schuf so Melodien für Millionen.

Messias und Judas:

Folk-Fans begeisterte er mit seinem rebellischen Gestus, er wurde für sie zur "Stimme einer Generation" - und ließ keine Gelegenheit aus, sich darüber lustig zu machen. Bald erntete er "Judas"-Rufe für seine Auftritte mit elektrisch verstärkter Band. Später bissen sich Akademiker mit Begeisterung an seinen Texten fest. Aber mancher, der ihn für Adorno gehalten hatte, verachtete ihn Ende der 70er für seine Hinwendung zum Christentum.

Erfinder:

Möglicherweise war Dylan der Erfinder des Rap (der atemlose Sprechgesang "It's Alright Ma, I'm Only Bleeding"), sicher der des Musikvideos: ein gelangweilter Dylan steht im Film "Don't Look Back" von D.A. Pennebaker herum, während das Lied "Subterranean Homesick Blues" läuft, und hält Schilder in die Kamera. Ob Musikvideos ein Gewinn sind, sei dahingestellt - dafür müssen Popstars seit Dylan nicht mehr per se über belangloses Zeug singen. Wer Pop belächelt, sollte sich den assoziativen Sog von "Desolation Row" oder das surrealistische Ehe-Epos "Isis" anhören. Zum Beispiel.

Der Neue:

Sensation: Anfang der 70er-Jahre machte Dylan ein paar mediokre Platten. Die Musikindustrie hob nun im Halbjahrestakt "New Bob Dylans" auf den Schild - keine leichte Hypothek für Bruce Springsteen und die 50 anderen.

Das Erbe:

Immer mal wieder rüttelt jemand am Denkmal, aber am Ende kommt doch keiner an Dylan vorbei. Auch heute machen Bands wie die White Stripes aus ihrer Verehrung keinen Hehl. Das letzte Wort hat Bob Johnston, der etliche von Dylans besten Platten produzierte. Er hat seine eigene Theorie: "Ich glaube nicht, dass Dylan viel damit zu tun hat. Gott hat, anstelle ihn zu berühren, ihm regelrecht in den Hintern getreten. Er kann nichts für das, was er tut. Er hat den Heiligen Geist in sich."

Mi. 23.20 Uhr, BR: "No Direction Home - Bob Dylan", Dokumentation von Martin Scorsese.

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