"Denn alle Lust will Ewigkeit": Luxus der Schauspieler

- In der Aufführung "Dunkel lockende Welt" an den Münchner Kammerspielen trägt sie einen Song vor. Und jeder weiß sofort: Diese Frau muss singen. Nun ist es soweit. Von Freitag, an ist die Schauspielerin Wiebke Puls in Franz Wittenbrinks Liederabend "Denn alle Lust will Ewigkeit" zu erleben: ein sinnenfrohes Fest über den Verlust der Lebensgeister. Außer Wiebke Puls sind dabei: Doris Schade, Caroline Ebner, Anne Weber und Stefan Merki.

Sie haben erst vor wenigen Wochen ein Zwillingspärchen geboren ­ und Ihre erste Produktion danach ist eine lustvolle Feier des Todes. Wie passt das mit Ihrem momentanen realen Leben zusammen?

Wiebke Puls: Bei Hermann Hesse gibt es in "Narziss und Goldmund" eine Szene, in der Goldmund einer Frau beim Gebären zusieht und feststellt, dass ihr Gesichtsausdruck im äußersten Schmerz identisch ist mit dem beim Orgasmus. Die Lust und der Tod hängen zusammen. Bei der Geburt meiner Zwillinge habe ich intuitiv gespürt: Das ist jetzt ein ganz existenzieller Moment. Pein, Not, Schmerz, Glück, Angst ­- sie sind eins. Und auch jetzt, wo die Kinder da sind, ist es so: die Angst um sie und gleichzeitig die Freude. Das liegt alles sehr nah beieinander.

Die Premiere des Liederabends war schon 1999, bei den Salzburger Festspielen. Seitdem sind acht Jahre vergangen: Sie haben sich verändert, was wird sich an der Aufführung verändern?

Puls: Nun, der Abend hat uns jahrelang begleitet, wir haben ihn immer wieder in Hamburg gespielt. Wenn man selber drinsteckt, kann man die Veränderungen nicht so leicht feststellen. Mir ist ­- zumindest was mich betrifft ­- aufgefallen, dass es in Salzburg viel mehr szenisch akkurat gebaute Gags gab. Ich aber habe im Laufe der Jahre immer mehr Spaß an der Musik bekommen und zunehmend auf die Gags verzichtet. Die szenische Gestaltung erfolgt über den Gesang. Das gefällt mir sehr.

Haben Sie eine Lieblingsnummer, einen Lieblingskomponisten innerhalb dieses Abends?

Puls: Ja, aber das ist auch gleichzeitig das schwierigste Stück: Brahms‘ "Der Tod, das ist die kühle Nacht". Und ich mag sehr gerne die Pergolesi-Stücke. Aber ich bedaure, dass sie in der Aufführung beide abgebrochen werden.

Hatten Sie Gesangsunterricht?

Puls: Nein. Aber es ist ja der Luxus der Schauspieler gegenüber den Sängern, hier nicht wirklich perfekt sein zu müssen. Das ist unsere interpretatorische Freiheit. Und ich glaube, das Publikum genießt das ebenso wie wir.

Welche Rolle in welchem musikalischen Stück, Oper oder Operette, würden Sie für sich denn gerne anpeilen?

Puls: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, ich kenne mich da auch gar nicht aus.

Ich könnte mir eine "Schöne Helena", natürlich musikalisch für Schauspieler bearbeitet, durchaus vorstellen.

Puls: Dass Sie mich mit dieser schönen Frau in Verbindung bringen, dafür bedanke ich mich erst einmal herzlich. Obwohl ich ja aus der Oper weiß, dass mitunter die hässlichsten Weiber die schönsten Rollen singen. Aber ja, eine tolle Gesangspartie, das würde mich schon sehr reizen. Nur ­- die Zuschauer müssen wissen, wer da singt, dann ändert sich auch die Erwartungshaltung. Als ich in Worms bei den Nibelungen-Festspielen die Brunhild spielte, haben wir die Hebbel-Monologe genommen, vertont und in einem Extra-Programm gesungen. Das waren keine Songs im üblichen Sinne, aber jedes Stück war ein Trip.

Das Singen auf der Bühne ­ hat das für den Schauspieler, die Schauspielerin eine extra Erotik?

Puls: Nein, das finde ich nicht. Aber eigentlich betrachte ich jede Textvorlage unter musikalischen Gesichtspunkten. Es macht mir große Freude, Texte melodiös zu gestalten. Ich kann das musikalische Moment gar nicht ausklammern. Trotzdem habe ich immer auch noch große Lust zu singen. Denn da gibt es in der Beziehung zum Publikum durchaus eine besondere erotische Komponente. Was man sich schauspielerisch hart erarbeiten muss, bekommt man von der Musik einfach geschenkt. Musik ist wie ein Gleitmittel, man rutscht ins Publikum hinein. Das macht es so leicht, gemeinsam ein Fest zu feiern.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Marionetten der Macht im Volkstheater
Der indische Regisseur Sankar Venkateswaran entwickelte fürs Münchner Volkstheater das Stück „Indika“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Marionetten der Macht im Volkstheater
Schon der kleine Tim wusste, dass Bendzko eines Tages singen wird
Er ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Sänger – jetzt spielt Tim Bendzko in München. Wir trafen den 32-Jährigen vor seinem Konzert in der Olympiahalle zum …
Schon der kleine Tim wusste, dass Bendzko eines Tages singen wird
Puppetry Slam Festival von 20. bis 22. Juni 2017 im Pressehaus
Vier virtuose Puppenspielende - ein großes Spektakel: Münchner Merkur und tz veranstalten im Pressehaus das erste Puppetry Slam Festival Deutschlands.
Puppetry Slam Festival von 20. bis 22. Juni 2017 im Pressehaus
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik

Kommentare