Denn es ist Kunst, sonst könnte es ja jeder

- "Es ärgert mich, wenn ich nicht beachtet werde, und es tut mir auch leid für meine Oma, wenn ich nicht beachtet werde." Mag sein, dass aus diesem kindlichen Geltungsbedürfnis heraus jener Berufswunsch entstand: "Ich würde am liebsten Verbrecher in Amerika werden." Diese Sorge seiner Kindheit ist er längst los. Manfred Krug ist hierzulande bekannt wie ein bunter Hund - als "Liebling Kreuzberg" und "Tatort"-Kommissar, ein bisschen auch als Jazzsänger und neuerdings als Autor.

<P>Wenn morgen Abend die Münchner Bücherschau im Gasteig eröffnet wird, ist Manfred Krug der prominente Gast zum Auftakt. Er liest aus seinem in diesem Herbst erschienenen Buch "Mein schönes Leben", Autobiografisches aus frühen Jahren. Das Panorama einer Kindheit in den letzten Kriegs- und den ersten Nachkriegsjahren.<BR><BR>"Mein schönes Leben" lautet die Behauptung des Titels. Nun aber ist die Geschichte seiner ersten 17 Lebensjahre ganz und gar nicht das, was wir heute als schön bezeichnen würden. Ein mehr oder weniger typisches Kinderschicksal der 40er-Jahre. Schlichte Verhältnisse; Vater, der Ingenieur des Stahlwerks Hennigsdorf bei Berlin, eingezogen als Soldat; Bombenangriffe; Schutzbunker; Wohnortwechsel en masse; Hunger; Schläge; Scheidung der Eltern; Westen, Osten, immer wieder hin und her; Flucht über die so genannte grüne Grenze sowohl in die englische als auch in die russische Zone und jeweils wieder zurück; dann ziemlich endgültig DDR; harte Lehre als Stahlkocher; schließlich Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule in Ost-Berlin. Wir schreiben das Jahr 1954. Das erste Leben des Manfred Krug ist damit abgeschlossen.<BR><BR>So authentisch wie Krug als Darsteller, so unverstellt und wahrhaftig, so unsentimental und distanziert heiter ist auch dieses Buch. Denn Krug erzählt die Geschichten seiner frühen Lebensjahre von der Warte des Buben aus, der er jeweils ist. Da ist kein Platz für formulierte Trauer und Sentimentalitäten, da werden die Dinge hingenommen und konstatiert. Nur aus dieser Sicht, aus der Logik des kleineren und später größeren Kindes ist es Krug möglich, seine Kindheit als schönes Leben zu bezeichnen. Der Widerspruch zur tatsächlichen Wirklichkeit, zu dem, was der Leser hier objektiv erfährt, macht das Buch so besonders. Dabei folgen wir gespannt dem Autor in seiner Familiengeschichte und sind berührt.<BR><BR>Wie wurde er zu jenem Manfred Krug von heute? Ein paar begabte Weiber waren schon unter seinen Ahnen. Die Urgroßmutter Johanna aus Kattowitz zum Beispiel, deren Leben Krug in mehreren Sonderkapiteln zwischen seine eigene Biografie setzt. Eine taubstumme junge Frau mit vier Kindern, die vom Mund ablesen konnte, deutsch und polnisch. Ein Schicksal zwischen Leid, Pflicht und Lust.<BR>Begabt auch Krugs Oma aus Duisburg. Seine wichtigste Bezugsperson, zu der er mit einem Pappschild um den Hals in überfüllten Kriegszügen reist und die ihn abgöttisch liebt. Sie nimmt ihn selbst dann noch in Schutz, als sie ganz genau weiß, dass er es war, der des Stiefgroßvaters goldenen Ring geklaut hat, um ihn auf dem Schwarzmarkt zu verhökern.<BR><BR>Nicht ohne Talent schließlich Manfreds schöne und heitere Mutter, durch die er die vielen Lieder kennt, die er immer wieder und gern vorsingt. Im Zug etwa den Soldaten: "Na gut, dann fang an", sagen die mitfahrenden Soldaten. "Ich lege die Hände an die Hosennaht, wie mein Vater es mir beigebracht hat, und singe: . . . denn wir fahren, denn wir fahren, denn wir fahren gegen Engelland, Engelland." Erste Verdienstmöglichkeiten tun sich auf. "Ich gehe mit nur einer Hand an der Hosennaht von Abteil zu Abteil und singe das Lied aus vollem Hals, bis ich auch die andere Hand noch brauche, um den Hut festzuhalten, der sich mit Groschen und Pfennigen füllt."<BR><BR>Manfred Krug erzählt von all seinen Kinderlieben, worunter auch Petronella fällt, das Kriegsflüchtlingskind aus dem Hennigsdorfer Haus, das kaum seine Knabenannäherungen während des Fliegeralarms erwidert. Als er Hennigsdorf verlassen muss, um nach Duisburg zu ziehen, schenkt er ihr des Vaters Rechenschieber, sein kostbarstes Stück. Als der Jahre später unversehens als Heimkehrer an der Haustür der Großmutter klingelt, ist das das erste, was er zu ihm sagt.<BR><BR>"Alles kann ich spielen. Und von nichts muss ich eine Ahnung haben."<BR>Manfred Krug</P><P>Später, nach einigem Hin und Her, zieht Vater Krug mit seinem Sohn in die russische Zone. Und Manfred kommt - nun schon junger Stahlkocher im Dreischichtbetrieb in Brandenburg - erstmals mit mit Künstlern in Berührung. Die Defa dreht im Stahlwerk einen Film. "Schauspieler wäre ein Beruf für mich. Vielleicht ist er wirklich langweilig, aber angenehmer als die Schinderei am Ofen ist er sicher." Und sogleich beginnt er zu Hause vor dem Spiegel mit der Menschendarstellung. "Da kann ich einen Mathematikprofessor spielen und einen Stahlwerkchef, einen Mörder und eine Leiche. Alles. Alles kann ich spielen. Und von nichts muss ich eine Ahnung haben."<BR><BR>Noch Zweifel? Überhaupt nicht. "Du sprichst, wie du immer sprichst, du isst, schläfst, küsst, gehst und stehst - genau so, wie im wirklichen Leben . . . Darin muss der Zauber liegen. Dafür sollen sie dir Geld zahlen. Denn es ist Kunst, sonst könnte es ja jeder." Manfred Krug gehört zu jenen, die's können. Nach überraschend bestandener Schauspielprüfung lässt er sofort Porträtfotos von sich machen. "Ich werde Schauspieler", sagt er großspurig dem Fotografen. "Wollen Sie den Romeo spielen?", fragt der. Krug: "Bestimmt nicht." "Wen sonst?" "Mich."<BR><BR>Manfred Krug: "Mein schönes Leben". <BR>Econ Verlag, München. <BR>452 Seiten<BR>24 Euro.<BR></P>

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