Denunzianten

- Für die Nationalsozialisten spielte der Terror bei der Durchsetzung ihrer Machtansprüche eine zentrale Rolle. Nach dem Krieg haben Historiker und Publizisten die Gestapo dafür verantwortlich gemacht. In letzter Zeit jedoch wird die Rolle der Geheimen Staatspolizei relativiert: Der Geheimdienst der Nazis habe zu wenig Geld, Material und Personal gehabt, um das Volk wirksam zu kontrollieren. Deshalb sei man auf die Denunziationen "treuer Volksgenossen" stark angewiesen gewesen.

Der US-amerikanische Historiker Eric A. Johnson widerlegt diese These in seinem neuen Grundlagenwerk über die Gestapo nicht, aber modifiziert sie. Die systematische Auswertung von 1100 Gestapo- und Sondergerichtsakten in Köln, Krefeld und Bergheim bestärkte ihn in der Überzeugung, dass man bislang die Effektivität der Gestapo sowie einzeln auftretenden Widerstand unterschätzt hat. Die Erkenntnis, dass sich die Bevölkerung im Wesentlichen selbst kontrollierte, bleibt aber auch für Johnson gültig. Generell ging die Gestapo selten gegen Deutsche vor, viele triviale Äußerungen von "Volksgenossen" blieben selbst dann ohne Konsequenzen, wenn sie den "Führer" betrafen. Johnsons Resümee: "Die große Mehrheit der Bevölkerung bekam vom NS-Terror nichts mit." <BR><BR>Drangsaliert wurden dagegen die öffentlich proklamierten Gegner des Regimes: Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten, Homosexuelle und die Zeugen Jehovas. Ausführlich zitiert Johnson aus den Verhörprotokollen, zeigt anschaulich die Perversität der Beamten, die bei Fällen von vermeintlicher "Rassenschande" oder Homosexualität pornografisch dichte Berichte anfertigten. Interessant ist das Denunziantenprofil, das Johnson skizziert. Der durchschnittliche Denunziant war jung, männlich und Angehöriger bürgerlicher Mittelschichten. In der Regel waren ihm seine Opfer nicht gut bekannt, in nicht wenigen Fällen aber handelte es sich durchaus um Rachefeldzüge von Nachbarn oder früheren Liebhabern. <BR><BR>Überhaupt keine Anzeigen liegen für die Verfolgung der Zeugen Jehovas oder der Kirchen vor: Im religiösen Feld wurde die Gestapo durchgehend selbst aktiv. Johnsons Studie ist flüssig geschrieben. Wichtige Fragen zur Funktion der Gestapo innerhalb des NS-Herrschaftsdualismus von Verlockung und Zwang bleiben ungeklärt. Bestechend ist aber die oft erschütternde Anschaulichkeit des Buches sowie die Argumentation des Autors. Jan Schleusener <BR>Eric A. Johnson: "Der nationalsozialistische Terror. Gestapo, Juden und gewöhnliche Deutsche." Siedler-Verlag, Berlin. 640 Seiten, 34 Euro. <BR>

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