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Selbst gebastelte Traumwelt: Adrianne Pieczonka als Senta in Jan Philipp Glogers Bayreuther Debüt-Inszenierung.

Bayreuth

Festspielkritik: "Der fliegende Holländer“

Bayreuth - In der technokratischen, beschönigenden Sprache der Wirtschaftler heißt das „Geschäftsklimaindex“. Wenn der – wie gerade – ins Minus kippt, dräuen Orkane am Börsenhorizont.

Auch Dalands Firma hat schon bessere Zeiten gesehen. Das Geschäft mit den Ventilatoren summt und brummt nicht mehr wie früher. Da kommt der fremde Mann mit Gepäck und Coffee to go gerade recht. Voller erlösender Scheine ist sein Rollkoffer. Und am Ende taugt der Typ sogar für eine neue Geschäftsidee: Die finale Umarmung von Dalands Tochter ist die perfekte Vorlage für eine Kitsch-Statuette – auf die Ventilatoren sei also künftig gepfiffen.

Die Handlung

Der verfluchte Holländer ist dazu verdammt, über die Meere zu fahren. Alle sieben Jahre darf er ans Land. Wenn er eine Frau findet, die ihm ewige Treue schwört, ist er erlöst. Senta ist schon lange fasziniert von dieser angeblichen Sagengestalt. Als er – auf Betreiben ihres Vaters Daland – in ihr Haus kommt, verlieben sich beide ineinander. Und das, obwohl Senta mit Jäger Erik verlobt ist. Sie schwört ewige Treue bis in den Tod, der Holländer ist erlöst.

Der „Fliegende Holländer“ als Kapitalismusdrama, das ist so neu nicht. Calixto Bieito hat daraus zuletzt in Stuttgart einen räudigen, ungehobelten Zweistünder gezimmert. Eine Haltung, die freilich Kollege Jan Philipp Gloger bei dieser Bayreuth-Premiere fremd ist. Gloger ist ein zurückhaltender Regisseur. Ein vorsichtiger, abwartender, dadurch genauer Figurenbefrager. Das hat man bei Mozarts „Figaro“ in Augsburg gesehen und spürt es auch jetzt beim „Holländer“. Und dies am stärksten, herzzerreißendsten bei Senta und Erik.

Er: Dalands Hausmeister, ein verletzlicher und verletzter Bulle, von übergroßer, unerwiderter Liebe erfüllt, was aus jedem Ton von Michael Königs verschattetem, naturbelassenem und gar nicht so heldenglänzenden Tenorgesang zu hören ist. Und sie? Hält nur noch aus Mitleid an der (Nicht-)Beziehung fest. Hat sich dafür aus Pappe ein Schiff und eine Figur gebastelt, ein diffuser Ersatzheld, Fetisch und Anbetungsobjekt zugleich.

Das ist Glogers Stärke. In ein paar Sekunden liegt da die Geschichte zweier Menschen wie ein offenes Buch da. Aber eben: nur dieser beiden Menschen. Denn was Senta an diesem Fremden findet, der wie eine regungslose Firmenheuschrecke plötzlich auftaucht, warum sie sich von ihm die Flucht aus einem Leben erhofft, das (zumindest in dieser Regie) so schlecht nicht scheint, das sieht man kaum.

Die Erotik des Holländers, seine dämonische Magnetwirkung, an was er überhaupt leidet, all das vermisst man. Und dies liegt nicht unbedingt an Einspringer Samuel Youn, der dank Evgeny Nikitins Tattoo-Affäre zum Zug kam. Auch Nikitin, so wird aus den Proben erzählt, war zu eher neutraler Darstellung verdammt. Youn, der sich mit einem Kniefall für die Ovationen bedankte, nutzte immerhin die Chance. Sein Bariton entwickelt in der oberen Lage eine scharf kanalisierte Durchschlagskraft. Töne, die sich durchs Haus fräsen. Die Erdung seiner Stimme, die mehrdimensionale Breite, das wird dem Koreaner noch zuwachsen.

Die Besetzung

Dirigent: Christian Thielemann.

Regie: Jan Philipp Gloger.

Bühne: Christof Hetzer.

Kostüme: Karin Jud.

Video: Martin Eidenberger.

Chor: Eberhard Friedrich.

Darsteller: Franz-Josef Selig (Daland), Adrianne Pieczonka (Senta), Michael König (Erik), Christa Mayer (Mary), Benjamin Bruns (Steuermann), Samuel Youn (Holländer).

Ganz anders Adrianne Pieczonka. Jede Silbe, jede Mikro-Phrasierung hat sie sich (wohl in Zusammenarbeit mit Christian Thielemann) überlegt. Eine ungewohnt lyrische Senta. Mit zart gesponnenen Tönen, die sich weiten und sich Raum erobern können. Ein aparter, intimer Mozart-Gestus schleicht sich da herein, was Wagner sehr gut tut – und Senta auf eine völlig andere Weise zum Fremdkörper in dieser graublauen Anzug- und Abendkleidwelt macht.

Das funktioniert nur, weil Thielemann seine Senta keine Sekunde mit Pathos überfährt. Hier, bei Pieczonkas Querbesetzung, zeigt sich die Qualität dieses Sängerkenners und -liebhabers. Und das ist nur eine Facette von Thielemanns so heftig gefeiertem „Holländer“. Das Raue, Ungezähmte von Wagners Früh-Stück gischtet aus dem Orchestergraben. Die Chöre, von Eberhard Friedrich auf extremes Textverständnis eingeschworen, haben Saft und Profil. Und im Duett von Holländer und Senta öffnet sich der Klangraum zu einer Utopie, die – man ahnt’s beim Hören – für beide immer nur Traum bleiben wird.

Thielemann gibt gerade bei Wagner den Lustmusiker, der sich an seinen Ritardandi (und Generalpausen) nicht satthören kann, aber auch extrem an Details gearbeit hat und all seine Bayreuth-Erfahrung nun vorführt. Dieser „Holländer“ klingt wirklich, als sei er fürs (viel später entstandene) Festspielhaus mit seinem Grabendeckel komponiert. Und das ist das eigentliche Ereignis dieser Premiere – weniger das Bayreuth-Debüt eines vielversprechenden Regisseurs.

Mit dem Mythischen des Stücks, dem Anderssein des Titelhelden hat Gloger so seine Probleme. Der Holländer ist (samt Mannschaft) der ebenso Business-gestylten Daland-Fraktion viel zu ähnlich, als dass sich hier der Zusammenprall zweier Entwürfe, ja zweier Welten ableiten ließe. Sicher: Da gibt es grandiose Schauwirkungen wie den riesigen, videoflimmernden Chip (Bühne: Christof Hetzer), vor dessen Datenbahnen Daland (Franz-Josef Selig mit grobkörnigem Bass-Wohlklang) samt Schifferl strandet. Oder wenn zur ersten Verwandlungsmusik der Chor die „Spinnstube“ mit ihren sanft wehenden Wandplanen an die Rampe zieht. Aber es gibt eben auch viel Kleinformatiges, zu kurz Gedachtes. Und Rückstürze ins Regiemuseale. Etwa choreographierte, folglich zu harmlose Chorszenen, überhaupt viel auf den Takt und Punkt Inszeniertes. Wagner als Revue?

Buhs brandeten Gloger entgegen, Enttäuschung über einen vermeintlich Braven war da herauszuhören. Dabei hat der 30-Jährige gezeigt, dass er ein musikalischer Regisseur ist und sich Sänger bei ihm wohlfühlen. Ein versierter Handwerker, der es schafft, dass man trotz Einwände gebannt bleibt. Gerade im Verzicht auf szenischen Tand riskiert Gloger ja Blößen. Bescheiden und ehrlich ist das. Und zurzeit etwas Fremdes – nicht nur in Bayreuth.

Markus Thiel

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