"Der die Geschichte führt"

- Er war einer der großen französischen Historiker des 20. Jahrhunderts: Georges Lefebvre (18741959). Sein wissenschaftliches Ansehen begründete er als akribischer Empiriker, der der Wirtschafts- und Sozialgeschichte entscheidende Impulse gab. Außerdem machte er sich einen Namen als Verfasser von Gesamtdarstellungen, die sich an ein breites Publikum richteten.

<P>Dazu zählt auch seine Napoleon-Biografie von 1935, mit der er Maßstäbe setzte. Sie gilt Historikern heute als herausragender Klassiker, der für eine Neuausrichtung der Geschichtsschreibung zu Bonaparte steht. Der Klett-Cotta-Verlag legt das Werk nun neu auf, basierend auf der von Lefebvre autorisierten Übersetzung von 1955.<BR><BR>Der Wissenschaftler verfasste keine Lebensbeschreibung im engeren Sinn, sondern eine umfassende Schilderung der napoleonischen Ära, die nach der Französischen Revolution von 1789 Europa ein anderes Gesicht gab. Er skizzierte den epochalen Umbruch von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft durch Napoleon: "In keinem der Länder, die er beherrscht hat, wäre vom Donner seiner Kriegszüge etwas übrig geblieben, wenn er nicht überall die Grundprinzipien des modernen Staats- und Gesellschaftslebens durchgesetzt hätte", schrieb der Historiker.<BR><BR>Lefebvres Buch war somit erster Höhepunkt einer Napoleon-Forschung, die sich nicht mehr auf die Person des Korsen und dessen Privatleben, auf die Diplomatie und das Kriegsgeschehen beschränkte, sondern auch die großen Strukturen analysierte. Trotzdem kommt Lefebvre in seiner Charakterstudie nicht umhin, dem genialen Feldherrn seine Bewunderung auszusprechen: "Im Laufe jener nur kurzen Epoche scheint alles vor ihm zurückzutreten: Er ist es, der die Geschichte führt."<BR><BR>Natürlich entspricht dieser "Napoleon" nicht dem neuesten Forschungsstand, den Daniel Schönpflug, Dozent an der Freien Universität Berlin, im Nachwort der Neuauflage skizziert. So hat sich etwa in der Gesellschaftsgeschichte viel bewegt: Die Historiker haben nach dem Zweiten Weltkrieg eine Fülle statistischer Daten ausgewertet, zum Beispiel zu den Eliten der napoleonischen Zeit. Aber Lefebvre hat die Richtung gewiesen. Durchgesetzt hat sich auch seine Ansicht, dass Europa für den von Bonaparte ausgelösten Modernisierungsschub einen hohen Preis zu zahlen hatte. Mit ihm etablierte sich ein aggressiver Nationalismus.<BR><BR>Lefebvres Napoleon-Biografie ist nach wie vor Pflichtlektüre für historisch Interessierte - auch fast sieben Jahrzehnte nach dem ersten Erscheinen. Ein ebenso scharfsinniges wie gut lesbares und spannend erzähltes Buch.</P><P>Georges Lefebvre: "Napoleon"<BR>Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen, ohne namentliche Nennung des Übersetzers, bearbeitet und herausgegeben von Peter Schöttler. <BR>Verlag Klett-Cotta, Stuttgart<BR>608 Seiten, 29,50 Euro<BR><BR></P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Georges Lefebvre: "Napoleon" </P>

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