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In der Schmarrn-Schmiede: Stefan Sichermann, Gründer der Internet-Satire-Tageszeitung „Postillon“, an seinem Schreibtisch in Fürth.

Gründer der Satire-Seite

Er ist der Kopf hinter dem "Postillon"

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Fürth - Der Mann macht Witze – und verdient damit sein Geld: Stefan Sichermann ist der Kopf hinter dem „Postillon“. Er ist der Star im Netz – dabei ist ihm die virtuelle Turbo-Welt eher fremd.

Stefan Sichermann steht jeden Tag früh auf. Er geht ins Kinderzimmer seiner kleinen Tochter, setzt sich an den Schreibtisch und fährt den Computer hoch. Dann brütet er über seinem Text. Die gemeinsten, irrsten, lustigsten Geschichten fallen Sichermann, 33, zwischen Babypuder und Bobbycar ein. Hier, in einem kleinen, verwinkelten Haus in Fürth, steht sie: die Schmarrn-Schmiede des Stefan Sichermann.

Einen Artikel pro Tag veröffentlicht er, im Internet. Schon die Titel seiner Texte sind Knaller. Zu Halloween schrieb er: „Polizei nimmt 500.000 vermummte minderjährige Schutzgelderpresser fest.“ Ein anderes Mal stand in der Überschrift: „Eltern vergessen Namen ihres Kindes, weil sie ihn sich nirgends tätowiert haben.“ Frei erfunden – und saukomisch. Willkommen beim „Postillon“.

Sogar seriöse Medien fallen auf den "Postillon" herein

Der „Postillon“, das ist eine Satire-Internetseite, mehrfach preisgekrönt. Im Sommer räumte Sichermann beim Grimme-Preis gleich in zwei Kategorien ab. Hunderttausende lachen Tag für Tag über seine Artikel – oder regen sich darüber auf. Sichermanns Erfolg ist gewaltig. Und inzwischen kann er sich und seine kleine Familie vom „Postillon“ und der Werbung auf der Seite ernähren. Das schaffen in der Szene nur wenige.

Sein Zuhause ist sein Arbeitsplatz. Doch Privates und Öffentliches trennt Sichermann strikt. Interviews gibt er selten und ungern, und wenn, dann nach seinen Regeln: maximal eine Stunde, keine Fragen zum Privatleben. Das klingt weniger lustig als seine Texte. Der „Postillon“-Macher – ein verschrobener Internet-Typ? Einer, der sich daheim einkastelt? Wir überreden ihn zu einem Besuch.

Es ist ein grauer, ganz und gar witzloser Nachmittag, als Stefan Sichermann, nach mehreren Anfragen, endlich Zeit hat. Es ist 16 Uhr, der Artikel des Tages ist seit einer Stunde online – jetzt hat er den Kopf frei. Früher lässt er keine Journalisten in die Wohnung, das würde ihn nerven, hat er zuvor per Mail mitgeteilt. Weil hier wuselt die Kleine rum und seine Freundin. Außerdem: Was soll schon zu sehen sein, wenn er arbeitet – ein Mann, der am Computer hockt und nachdenkt. Wie langweilig.

Jetzt sitzt er am Esstisch, trägt einen schwarzen Kapuzenpulli mit Reißverschluss, Jeans und Opa-Schlappen aus Samt. Auf dem Tisch liegt ein verkratztes Skateboard „von früher“, hinter ihm steht der Kinderstuhl seiner Tochter. Sichermann ist der Typ junger Papa, er trägt Locken und Acht-Tage-Bart. Der erfolgreichste Satire-Macher Deutschlands ist vor allem mal – ein lässiger Familienvater.

Stefan Sichermann ist ein Star im Netz. Ihm selbst aber ist diese Welt fremd. Er sagt: „Ich verstehe den Sinn von einem Facebook-Profil nicht.“ Klar: Er hat eines, weil er glaubt, heutzutage eines haben zu müssen. Gerade als der Typ, der mit dem „Postillon“ ganz Deutschland unterhält. Nur: Er benutzt es kaum.

Denn Stefan Sichermann hasst es, Privates preiszugeben. Aber genau das, die Selbstdarstellung, ist der Treibstoff der sozialen Netzwerke, denen Sichermann seinen Erfolg verdankt. Wer dort Fotos von der Kneipenrunde veröffentlicht, will zeigen: Ich hab’ Spaß, ich hab’ Freunde, ich bin cool. Und wer Sichermanns lustige Artikel herumschickt, will zeigen: Ich hab’ Humor. Und so schwirren die ganzen Postillon-Texte durchs Internet. Erstleser teilen sie mit Freunden, die teilen wieder und so weiter. Schneeball-Prinzip, rund um die Uhr.

Sichermann, der Familienvater aus Franken, fremdelt eigentlich in der Turbo-Welt des Internet. Trotzdem hat er eine eigene Stilform unter die Netzgemeinde gebracht: die „Newsticker“. Das sind zweideutige Zweizeiler, die mit Sprache spielen. Der zum Beispiel: „Fauler Hund: Straßenarbeiter will Tierkadaver nicht wegräumen.“ Oder: „Angebohren: Elefant prahlt mit riesigen Lauschern.“ Früher hat Sichermann die selbst gebastelt. Jetzt nutzt er die „Schwarmintelligenz“, wie er sagt, das Wissen seiner Fans. Die schicken ihm jeden Tag hunderte Vorschläge. Sichermann pickt sich die besten raus und stellt sie ins Netz. Im Radio, auf „Bayern 3“, bringen sie die in einer eigenen Sendung, täglich. „Postillon 24“. Und neuerdings produziert Sichermann Internet-Videos für das Nachrichtenportal von Yahoo.

Den „Postillon“ kennen Hunderttausende. Das Gesicht dahinter nicht. Das hat Stefan Sichermann neulich erst wieder gemerkt. Er war privat bei einem Kabarett-Abend in Nürnberg, der Künstler veralberte einzelne Gäste – zufällig auch Sichermann. Widerwillig stieg er auf die Bühne, vor 400 Leuten. Keiner brachte ihn mit dem „Postillon“ in Verbindung. Und das will er genau so. „Es geht nicht um meine Person“, sagt er.

Öffentliche Auftritte kann er eh nicht leiden: Er hat Lampenfieber. Einladungen zu TV-Shows sagt er ab, wenn es irgendwie geht – auch für richtig prominente Formate. Sichermann braucht kein Klimbim. So wie er kein cooles Büro in einer angesagten Großstadt braucht, um kreativ zu sein. Sondern Franken. Fürth. Kinderzimmer. Zwei Fenster, rechts Wickelkommode und Baby-Bett. Und links den „Postillon“-Schreibtisch.

So viel ist klar: Schmarrn verzapfen ist harte Arbeit. Wer übertreibt, dass sich die Balken biegen, wer beharrlich die Grenzen des guten Geschmacks ausreizt, kurz: wer Satire macht, der muss Hirnschmalz investieren. Aber wie? Also: Wie geht Satire, Herr Sichermann? Hier ein Geistesblitz, da eine geniale Idee und dann noch ein bissl Geschreibsel?

Sichermann schüttelt den Kopf. „Kann schon sein, dass mir in einer Alltagssituation mal was Lustiges einfällt“, sagt er auf Fränkisch. Meistens aber braucht er für seine Satire Disziplin – und Zeit. Er war ein fauler Schüler, jetzt ist er „Workaholic“, sagt er. Schule machte ihm keinen Spaß. Satire schon.

Die Grundidee sollte schon irgendwie „aus der Hüfte geschossen kommen“, sagt Sichermann, rutscht auf seinem Stuhl herum. Das ist das Schwierigste. Ein Trick: Er überlegt, was ihn persönlich auf die Palme bringt. Tagesaktuelles wie die Koalitionsverhandlungen? Der Limburger Bischof und sein Prunkbau? Oder Grundsätzliches wie der Halloween-Wahnsinn? Hat er ein Thema, dreht er auf – überspitzt, überzeichnet, überdreht. Und befolgt beim Schreiben strenge Regeln. Denn der Satiriker Sichermann ist ein Handwerker.

Eine Regel: „In jedem Absatz muss ein Witz sein.“ Noch eine: „Meine Überschriften verraten immer die Pointen.“ So wie: „Tebartz-van Elst reagiert auf Kritik und lässt überteuerte Bischofsresidenz wieder abreißen.“ Sichermann findet: „Es ist ein Fehler zu denken, man darf den Witz nicht zu früh verraten.“ Denn Sichermann weiß: Wenn er seine Fans im schnelllebigen Internet nicht auf den ersten Blick amüsiert, lockt, neugierig macht, sind sie weg. Zu viel Zeug surrt auf den Bildschirmen der Handys an ihren Augen vorbei. Nur Kracher, die sofort zünden, verleiten zum Anklicken. Und Klicks sind die harte Währung im Netz.

Das sind die lustigsten Artikel des Postillon

Im Text selbst tut Sichermann recht sachlich. Als ob seine Geschichte wahr wäre. Er erfindet keine albernen Namen – zitiert dafür Personen und Institutionen, die es wirklich gibt. Den Limburger Bischof, das Bundeskriminalamt. Oder solche, die es geben könnte. Den „Zentralrat der Kinder“ etwa, der sagt: „Das mit den Schulden ist okay! Wir hinterlassen sie einfach unseren Kindern.“ Manche Geschichten schauen auf einen ersten Blick recht plausibel aus – und das hat manchmal Folgen.

Nicht wenige fallen auf Sichermann rein: Sie glauben aufs Wort, was er schreibt. Manchmal gehen ihm sogar Journalisten auf den Leim. Über den Extremsportler Felix Baumgartner vermeldete er: „Linie übertreten: Rekordsprung aus 39 Kilometern Höhe für ungültig erklärt.“ Sogar seriöse Nachrichtenseiten ließen sich verschaukeln – sie kupferten vom „Postillon“ ab, berichteten, dass der Rekord futsch sei.

Damit nicht genug: Die Nachricht machte schnell die Runde im Netz. Und Fans des österreichischen Weltraum-Springers schrieben erboste Kommentare – gespickt mit Kraftausdrücken, die wir hier nur andeuten können: „Was seid ihr für Hu***?? Der Mann hat Eier und springt aus 39 Kilometern und auf einmal kommen irgendwelche Nu*** und sagen oh, der ist ja 7 Millimeter zu weit draußen!“

Dabei warnt Stefan Sichermann auf seiner „Postillon“-Seite mehrfach: „Achtung, Satire!“ Das Logo der Seite ist ein plüschiges Steckenpferd in einem goldenen Posthorn, einst von Sichermanns Freundin gezeichnet. Es müsste eigentlich skeptisch machen. Und spätestens der Untertitel „Ehrliche Nachrichten – unabhängig, schnell, seit 1845“ – nun ja.

Allerdings: Sichermann arbeitet auch mal ernste Themen ab, manchmal mit einer Mission. Er ist Atheist, „sehr links“ und „sehr liberal“, dazu SPD-Gegner, CDU- und CSU-Gegner, letzteres „ganz besonders“. Die Grünen mag er „auch nicht allzu sehr“, und bei den Linken stört ihn „eine Menge“. Das verschafft einen freien Blick.

Für Satire gilt sowieso: „Sie soll und darf jedes Thema anfassen.“ Dafür ist sie da. Doch Satire ist wie ein Minenfeld – überall lauert Sprengstoff, irgendjemand bekommt immer etwas ab. Auch Sichermann bekam das schon zu spüren.

Rarer Live-Auftritt: Sichermann mit Laudatorin Carolin Kebekus bei der Verleihung des Grimme-Preises.

Nach dem Flüchtlingsdrama vor Lampedusa mit vielen Toten schrieb er: „CSU fordert Mittelmeerüberquerungsmaut für Nicht-EU-Bürger.“ Viele reagierten bestürzt, warfen ihm Respektlosigkeit vor. „Aber ich habe mich nicht über die, die gestorben sind, lustig gemacht“, sagt er. Sondern über die EU-Flüchtlingspolitik. Manchmal, wenn er Zweifel hat, ob er zu weit geht, fragt er seine Freundin. Freilich will er provozieren. Und je hinterfotziger, desto besser: Der Baumgartner-Artikel ist bislang der erfolgreichste „Postillon“-Artikel. Aber Sichermann sagt auch: „Es ist nicht mein Hauptziel, die Leute zu verarschen.“

Manchmal staunt er gar nicht, wenn ihm die Leute seinen Schmarrn glauben. Im Sommer titelte er: „Freistaat Bayern schickt Mollath saftige Rechnung für sieben Jahre Miete und psychologische Betreuung.“ Absurd – aber der Fall war in Wahrheit noch viel absurder. Jedenfalls fand Sichermann seinen Artikel irgendwann auf der Internetseite der Mollath-Unterstützer.

Er will die Menschen nicht nur unterhalten. Er will sie erziehen, Stichwort Medienkompetenz. Damit sie bei der Flut an Informationen, die täglich im Netz über sie hinwegschwappt, genau hinschauen: Ist das wirklich wahr?

Die Trophäen liegen unter dem Schrank

Das mit dem Erziehen hat er sogar studiert: Lehramt Englisch und Geschichte, fürs Gymnasium. Weil er nicht gerne vor Gruppen spricht, ließ er den Plan sausen. Er zog von Ansbach nach Lübeck und wurde Werbetexter bei einer renommierten Hamburger Agentur. Der kultige Spruch auf Lastern, der für „Astra“-Bier wirbt, ist von ihm: „Artgerechte Bierhaltung“.

Sichermann war ein guter Werbetexter – das mit der Satire lief nebenher. Ein Kollege nervte ihn dann mit der Idee zu einem Blog, also einem Internet-Tagebuch, so lange, bis er einen einrichtete, mit anfangs eher „faden Witzen“. Doch Sichermann fuchste sich rein, wurde satiresüchtig, irgendwann war die Seite so gut, dass er den „Postillon“ zum Beruf machte. Weil man für diesen Job auch in einer Kleinstadt leben kann, zog er mit seiner Partnerin zurück nach Franken, zur Familie, zu Freunden.

Der Hamburger Kollege erzählt heute bei jeder Gelegenheit, dass es den „Postillon“ ohne ihn nicht gäbe. Sagt Sichermann und lächelt. Angeberei ist nicht sein Ding. Die Grimme-Preis-Trophäen hat er irgendwo unterm Schrank verstaut. Das will er zwar nicht in der Zeitung lesen – es kursiert aber bereits im Internet. Er bildet sich nichts ein auf seinen Erfolg, aber stolz ist er doch. „Der Postillon“ steht seit elf Monaten an der Spitze der Blogcharts, einer Art Hitliste für deutsche Internet-Seiten. Unangefochten. Seit kurzem hat der „Postillon“ bei Facebook mehr Fans als „Spiegel Online“.

Denen muss Sichermann etwas bieten. Immer, jeden Tag. Seit ihm ein freier Mitarbeiter etwa einen Artikel pro Woche liefert, ist Sichermann ein bisschen entlastet. Trotzdem bleibt „Der Postillon“ eine Ein-Mann-Show. Im Sommer hat Sichermann seit langem mal wieder Urlaub gemacht, zwei Wochen Italien mit Frau, Kind, per Zug. Einmal am Tag suchte er sich Internetanschluss – und aktualisierte die Seite mit Archiv-Texten. Auf Vorrat schreibt er nie: „Ich brauche den Druck“, sagt er. Und sein stilles Kämmerlein, das braucht er auch.

Carina Lechner

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