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Das Haus Usher – im Gärtnerplatztheater ist es ein Gerippe. Hier erlebt William (Gregor Dalal, stehend) den Untergang seines Jugendfreunds Roderick (Harrie van der Plas).

„Der Untergang des Hauses Usher“

München - Eine starke Aufführung: Carlos Wagner inszenierte am Gärtnerplatz „Der Untergang des Hauses Usher“ von Philip Glass. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Wie es wohl wäre, wenn nicht nur Mensch oder Tier atmen und agieren? Wenn auch Mauern beseelt wären, wenn sie gar, wie es bei Edgar Allan Poe heißt, einen „lautlos und grässlich zunehmenden vernichtenden Einfluss“ ausüben würden? Roderick Usher, halb irrsinniges Blaublut und Eigentümer eines bedrohlichen Hauses, argwöhnt solches in Poes wohl berühmtester Erzählung. Und was er fürchtet, wird hier, im Gärtnerplatztheater, nun sichtbar: Ein Gerippe beherrscht die Bühne. Ein Brustkorb, der sich zu hohen gotischen Bögen wölbt. Ein auf knochige Pfosten reduzierter, sich zuweilen drehender Seelenraum ist das, der Rest eines riesigen Freundes Hein, in dem der letzte Usher-Spross um- und an seiner Situation zugrundegeht.

Die Handlung

Durch flehende Briefe herbeigerufen, eilt William zu seinem schwerkranken Jugendfreund Roderick Usher. Er erfährt von der Geschichte des aussterbenden Usher-Geschlechts. Als Rodericks Zwillingsschwester Madeline stirbt, wird sie in der Familiengruft beigesetzt. Aber etwas erscheint William seltsam. Nach und nach erkennt er: Der wahnsinnige Roderick muss seine Schwester lebendig begraben haben. Madeline erscheint, packt ihren Bruder, beide fallen tot zu Boden. William verlässt panisch das einstürzende Haus.

Dank der Vertonung von Philip Glass ist „Der Untergang des Hauses Usher“ ja vor Geschmacksverstärkern und billigen Effekten gefeit. Und dank Carlos Wagner, Regisseur dieser Premiere, wird Glass’ Opus mit seinen musikalischen Schleifenbildungen und oszillierenden Endlos-Formeln noch weitergetrieben - in eine so eigentümliche wie magische Stilisierung, die ihre Wurzeln im Ausdruckstanz des japanischen Butoh-Theaters hat. Kein realistisches Psycho-Grusical müht sich also um Schauer-Arbeit. Zu bestaunen ist vielmehr ein im bläulichen Dunkel schimmerndes, faszinierendes Geschehen. 90 Minuten, die einen schwer aus der Aufmerksamkeit entlassen, in denen auch die Balance zwischen Aktion und musikalisch perfekt getimtem „Leerlauf“, zwischen Überraschung und szenischer Dehnung glückt - es ist eine der besten Produktionen in der Amtszeit von Intendant Ulrich Peters.

Dass Glass-Opern eine stilisierte Regie provozieren, ist nicht neu. Masken-Meister Achim Freyer hat das in Stuttgart vorgeführt, später auch Robert Wilson mit seinen Zeitlupen-Gebärden. Die Münchner Lösung von Carlos Wagner, der mit Rifail Ajdarpasic auf einen poetischen Bühnenbildner vertraute und den Butoh-Lehrer Tadashi Endo für Sänger und Tänzer holte, hat einiges für sich: Die Figuren sind hier nicht nur Kostümträger und letztlich zweidimensional, die Charaktere bleiben - trotz aller Verfremdung - plastisch. Da ist zum Beispiel William, der vom Parkett die Bühne entert und sogleich ins bizarre Geschehen eingesaugt wird. Nicht nur von den Ereignissen bei Freund Roderick, sondern auch von seiner eigenen neuen Körpersprache scheint dieser Gutmensch irritiert. Gregor Dalal singt ihn mit klangschönem, geerdetem und klug dosiertem Bass. Auch aufs ungewohnte Spiel lässt sich Dalal genau und erfolgreich ein. Noch einen kleinen Schritt weiter ins Butoh-Repertoire hat sich Harrie van der Plas hineingedacht. Sein Roderick ist keiner, der im fiebrigen Wahnwitz wandelt, sondern ein Getriebener, bei der das expressive Spiel durch die japanischen Gesten gelenkt und kanalisiert wird. Vokal bleibt van der Plas trotz aller Intensität immer ausgeglichen, nimmt seinen (etwas gedeckten) Tenor eher zurück, als die Soli offensiv zu nutzen.

Die Besetzung

Dirigent: Lukas Beikircher.
Regie: Carlos Wagner.
Bühne: Rifail Ajdarpasic.
Kostüme: Ariane Isabell
Unfried.
Darsteller: Gregor Dalal
(William), Harrie van der Plas (Roderick), Ella Tyran (Madeline), Hans Kittelmann (Arzt),
Sebastian Campione (Diener).

Sechs Tänzer gesellt ihnen Carlos Wagner zur Seite. Ihr gebremstes Schreiten, ihre Schablonen-Bewegungen, ihre seltsam wackelnden Köpfe verstärken noch das Ritualhafte. Und was noch wichtiger ist: Die langen Zwischenspiele erfahren durch die Choreographie eine Überhöhung. Madeline, von Ella Tyran mit verführerisch-sirenenhaftem Sopran gesungen, wird während eines rätselhaften Totentanzes in schwarzen Tücher gleichsam mumifiziert. Und als in Glass’ Partitur der Sturm losbricht, wälzen sich die schwarz Gewandeten wie eine menschliche Welle die Stufen herab - und später wieder hinauf.

Der Aufführung ist anzuhören, wie tief sich Sänger und Orchester in Philip Glass versenkt haben. Dirigent Lukas Beikircher ist mehr als nur der Steuermann, der das Team durch die vertrackte Zähl-Arbeit lotst. Er macht auch deutlich, wo Steigerungswellen verlaufen und wie sich, bei aller genau profilierten Kleinteiligkeit, die großen Energieverlagerungen vollziehen. In immer neuen Anläufen scheint sich diese Musik an ihrer Aufgabe abzuarbeiten - wie Roderick, dessen dunkles Geheimnis Regisseur Carlos Wagner schon bald offenbart. In verbotener Zuneigung ist dieser Adelsspross seiner Zwillingsschwester Madeline verbunden - ein Inzest als Rettungsversuch für die aussterbende Dynastie. Immer neue, hasenartige Föten werden der Gefesselten aus dem Leib geholt. Die Folter ist so grauenhaft wie vergeblich: Keine Zerstörungsorgie gibt es als Finale, in langsam drehender Bewegung schraubt sich das Haus-Gerippe in den Unterboden und damit in den Untergang. Was für ein lapidares, lakonisches Ende - und was für eine starke Aufführung.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen am 30. März sowie 3., 7. und 14. April;

Telefon 089/ 21 85 19 60.

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