Szene aus „Der Vetter aus Dingsda“.
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Ein bisschen gaga, ein bisschen heutig: Szene aus der Künneke-Operette mit (v.li.) Paula Meisinger, Andromahi Raptis, Martin Platz und Klaus Brummer.

Vera Nemirova inszeniert Künneke-Operette

„Der Vetter aus Dingsda“ in Nürnberg: Zurück zum Stück

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Das Stück kann man nicht ganz ernst nehmen. Die Aufführung des Staatstheaters Nürnberg tut es auch nicht - was ausnehmend Spaß macht. Ob beim Zuhören oder -schauen.

Momente gibt es, da ist selbst den Figuren der Text zu blöd. „Kindchen, du musst nicht so viel denken“: Nur so erklärt sich, dass August Kuhbrot die Gesichtszüge kurz entgleisen und sich ein imaginäres Fragezeichen über dem Blondschopf abzeichnet: Was singe ich hier eigentlich? Nur so, wie am Staatstheater Nürnberg, wird man daher auch dem Stück Herr, respektive Frau.

„Der Vetter aus Dingsda“, uraufgeführt 1921, ist ja ein Melange aus Anti-Logik und Sexismus inklusive #MeToo-Wetterleuchten. Gerade deshalb darf man diese Operette kaum ernst nehmen. Und Eduard Künneke, das sei zu seinen Gunsten vermutet, hat das auch gar nicht beabsichtigt.

Doch wie weit muss eine Regie zurücktreten, um auf gewinnbringende Distanz zum Stück zu gehen? Vera Nemirova, ewige Meisterschülerin von Peter Konwitschny und normalerweise für die Opern-Schlachtrösser gebucht, hat da eine sehr gute Lösung gefunden. Bei manchen Kolleginnen und Kollegen mag ein Künneke-Update für 2021 in die Hose gehen, hier funktioniert’s. Der Text wurde verheutigt und entstelzt („Scheiß auf August“ – „Wow“). Und auch die Versatzstück-Ausstattung von Pavlina Eusterhus zwischen Küchenzeile, Kunstrasen-Quadrat und Glashäuschen, in dem Heldin Julia lebt, bietet passenden Raum für Abstrusitäten. Julia ist Smartphone-süchtig und Influencerin: Ein Selfie erreicht in wenigen Aufführungssekunden 999 451 Likes. Mit Roderich, dem fernen Geliebten, kommuniziert sie per Chat. Und wenn der „strahlende Mond“ besungen wird, grinst ein Riesen-Smiley vom Bühnenhorizont.

Auf pausenlose 90 Minuten eingedampft

Dass der „Vetter“ für die Internet-Premiere auf 90 pausenlose Minuten eingedampft wurde, steht dem Opus gut – übrigens wie vielen anderen Stücken auch, die in der neuen Stream-Ära Federn lassen müssen. Die Geschichte um Schloss-Erbin Julia, die ihrem verschollenen Jugendfreund Roderich treu bleiben will, sich in einen Unbekannten verliebt, der sich als Roderich ausgibt, diesen letztlich nimmt und die alte Flamme an ihre Freundin Hannchen abtritt, diese Wirrnis wird also gar keinem Erklär-Test unterzogen. Die Nürnberger nehmen alles als das hin, was es ist: hochgradig gaga – spätestens dann, wenn sich alle in Klappstühlen sonnen und das Personal Strandgeräusche zwischen Meeresrauschen und Möwengeschrei nachahmt. Einzig Onkel und Tante haben sich aus alten Operettenzeiten herübergerettet, was Taras Konoshchenko und Franziska Kern weidlich auskosten und damit Julias Romeo-Suche zum Generationenkonflikt hochswingen.

Musiziert im Brettlbühnen-Sound

Am meisten Spaß in dieser Versuchsanordnung hat Hans Kittelmann (Egon von Wildenhagen), der seinen Entertainer-Charme ausspielt und dem ohnehin in jeder Nürnberger Rolle ein kleines singdarstellerisches Gesamtkunstwerk glückt. Auch Andromahi Raptis (Julia), Martin Platz (August) und Paula Meisinger (Hannchen) nehmen sich und ihre Rollen gerade so ernst, wie es der „Vetter“ braucht. Alles hervorragende, aufgekratzte Solisten, immer seiltänzelnd zwischen Schönklang und Sprechsingstil. Opernhaftes ist also verpönt, was Künneke einst auch so wollte: Die Vierziger- bis Sechzigerjahre ließen den „Vetter aus Dingsda“ klanglich aus dem Leim gehen. Dabei war das Stück eigentlich im Brettlbühnen-Sound der Zwanziger gedacht – so, wie es Dirigent Lutz de Veer mit der frech musizierenden Staatsphilharmonie Nürnberg auch realisiert.

Weil das dortige Staatstheater die Totalumwandlung zum Streamtheater scheut, ist diese kurzweilige Produktion vorerst nicht zu sehen. Wer fragt, wird auf baldige Wiederaufnahme vertröstet. Beim Finale der Internet-Premiere wird’s denn auch ernst: Nachdem die Musik verebbt ist, gibt es Applaus vom Band. Immer wieder, wenn der Kunstjubel aufbrandet, zieht es das beifallhungrige Ensemble an die Rampe, wo es sich ungläubig ins Leere verbeugt. Herzweh-Momente sind das, mit denen alles gesagt ist.

Nächste Ausstrahlung:
7. Mai; weitere Termine, ob per Internet oder live, sind in Vorbereitung; Informationen unter www.staatstheater-
nuernberg.de.

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