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Zu Zombies degradiert von einer Gesellschaft, die Frauen entmündigt (v. li.): Pola Jane O’Mara, Laina Schwarz, Nina Steils, Luise Deborah Daberkow und Carolin Hartmann.

Premiere von „In den Straßen keine Blumen“ in München

Desperate Housewives am Volkstheater

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Pınar Karabulut inszenierte am Münchner Volkstheater die Uraufführung von Charlotte Roos’ „In den Straßen keine Blumen“, ein Best-of von Federico García Lorca. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Am Ende hilft nur noch Beten. Andächtig nähern sich die Frauen der Bühnenrampe und singen Khias „My Neck, my Back“ von 2002 als Kirchenchoral: „Lick this Pussy just like you should/ Right now, lick it good.“ Die Cunnilingus-Hymne der US-Rapperin – im Münchner Volkstheater steht sie für vieles, ist Beschwörung, ist Anleitung, ist vor allem aber: Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins. Die Emanzipation rollt hier als – zunächst zarter – Chorgesang heran. Endlich.

Ein versöhnlicher, auch ein hoffnungsvoller Schluss. Und damit ein Bruch zum Vorherigen, der nicht heftiger sein könnte. Denn gerade verreckte noch Adela in „Bernarda Albas Haus“, wo sie und ihre Schwestern eingesperrt von der tyrannischen Mutter allmählich durchdrehten, im Wortsinn die Wände hochgingen. Das jedoch sind nicht die einzigen Frauenschicksale, die in Pınar Karabuluts Inszenierung „In den Straßen keine Blumen“ wie unter einem Mikroskop fokussiert und ausgestellt werden.

Regisseurin Pınar Karabulut

Für ihr Stück hat die Autorin Charlotte Roos ein Best-of von Federico García Lorca (1898-1936) kompiliert. Der spanische Schriftsteller hat in seinen Tragödien „Bluthochzeit“ (1933), „Yerma“ (1934), „Doña Rosita bleibt ledig oder Die Sprache der Blumen“ (1935) und eben „Bernarda Albas Haus“ (1936) das Darben weiblicher Charaktere mit antiker Härte seziert. Normen und die Macht einer männerdominierten Umwelt stehen bei ihm dem Freiheitsdrang der Einzelnen gegenüber; allzu oft aber zerbricht das Individuum an der Gesellschaft. Roos hat Schlüsselszenen dieser Dramen virtuos zu einem Medley montiert und verschränkt. Dieses kann freilich nicht die jeweiligen Figuren und Situationen in ihrer Tiefe ausloten. Vieles bleibt hier also Behauptung, was in den Stücken Entwicklung ist. Doch die Stärke dieses neuen Textes liegt in seiner Unmittelbarkeit und Dringlichkeit, die sich wie unter einem Brennglas potenzieren.

Zu Beginn gibt es Rihannas „Desperado“

Pınar Karabulut war heuer bei „Radikal jung“ mit ihrer Kölner Arbeit „Romeo und Julia“ an der Brienner Straße zu Gast. Bereits bei diesem Shakespeare hat die Regisseurin den Frauenrollen enorme Aufmerksamkeit geschenkt, vor allem die Titelheldin emanzipiert. Bei ihrer – nach der Achternbusch-Uraufführung „Dogtown Munich“ im vergangenen Jahr – zweiten Inszenierung fürs Volkstheater geht sie diesen Weg weiter. Der zweieinhalbstündige Abend (eine Pause, die es nicht braucht) erzählt im großen Bogen von Emanzipationsversuchen. Bevor die Frauen auf der Bühne Khias Titel singen können, interpretieren sie zu Beginn Rihannas „Desperado“, einen Flehgesang, vom Mann bloß nicht allein gelassen zu werden. Der Weg ist also weit von „I don’t wanna be alone“ zu „Lick it good“.

Johanna Stenzel hat einen großen Pool auf die Bühne gebaut. Dem allerdings Wasser fehlt; er ist genauso leer und ausgetrocknet wie die Leben der „Desperate Lorca-Wives“. Der Kies freilich, der das Bassin einfasst, war die längste Zeit ordentlich geharkt, sobald die Schauspielerinnen auftreten. Ihr Rennen, Robben, Rutschen ist erstes Zeichen eines weiblichen Aufbegehrens – nur dass sich die patriarchale Gesellschaft eben nicht so einfach durcheinanderwirbeln lässt wie kleine Steinchen.

Das Stück ist bestes Futter für die Schauspielerinnen

Inszeniert ist „In den Straßen keine Blumen“ mit leichter Hand und keiner Furcht vor großen Gesten. Karabulut schwebte eine cineastische Erzählweise vor, wie im Kino flimmert ein Vorspann über die Leinwand im Bühnenhintergrund. Später kommentieren (im besten Fall) oder duplizieren (wenn’s nicht gelungen ist) Videosequenzen das Geschehen. Eindringliches, etwa wenn Rosita bemerkt, dass sie sich nicht mehr ans Aussehen ihres Bräutigams erinnern kann, oder wenn Bernarda Albas Töchter der Irrsinn in die Körper fährt, steht gleichberechtigt neben Knalligem wie einer Travestienummer bei „Doña Rosita“, die allzu platt fürs Anliegen ist.

Doch der Abend lebt vom wunderbaren Ensemble, aus dem natürlich die Frauen herausstechen. Roos’ Stück ist bestes Futter für die Schauspielerinnen – und Luise Deborah Daberkow, Margot Gödrös, Carolin Hartmann, Pola Jane O’Mara, Laina Schwarz sowie Nina Steils gelingt es, trotz rascher Stück- und Figurenwechsel punktgenau zu agieren. In der vielleicht aussagekräftigsten Szene dieser Inszenierung wanken sie staksend über die Bühne, zu Zombies degradiert von einer Gesellschaft, die Frauen entmündigt (hat). Lebende Tote, tote Lebende. Herzlicher Applaus.

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