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Der Spatenstich im Werksviertel ist voraussichtlich 2018, davon geht derzeit das Kunstministerium aus. Mit einem Eröffnungskonzert im Jahr 2020 oder 2021 dürfte damit nicht mehr zu rechnen sein. 

Spaenle informiert im Landtag

Details zum neuen Konzertsaal: Drei Säle, bis zu 380 Millionen 

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München - Der neue Münchner Konzertsaal, der im Werksviertel entstehen wird, soll 360 bis 380 Millionen Euro kosten. Der Bayerische Rundfunk beteiligt sich mit 65 Millionen.

Der Seitenhieb mit der Elbphilharmonie funktioniert immer. Auch am Mittwoch im Kulturausschuss des Bayerischen Landtags: 789 Millionen Euro wie in Hamburg, eine solche Planungskatastrophe werde dem Freistaat Bayern mit seinem Münchner Konzertsaal nie und nimmer passieren. Doch auch die Weißblauen haben ihre Summe nach oben korrigiert. Im Raum stehen 360 bis 380 Millionen Euro für das Vorhaben unweit des Ostbahnhofs, das wurde aus Landtagskreisen bekannt. Die Zahl findet sich in einer nichtöffentlichen Sitzungsvorlage für den Haushaltsausschuss.

Verhandlungen mit dem BR waren knifflig

Wie soll das Kulturzentrum aussehen? Die Entscheidung im Architektenwettbewerb fällt im Mai 2017.

Offiziell bekannt ist dagegen nun, wie sich der Bayerische Rundfunk, mit seinem Symphonieorchester, dem Rundfunkorchester und dem Chor der Hauptnutzer des Saals, beteiligen wird. In den nächsten 30 Jahren ist der Sender mit insgesamt 65 Millionen Euro dabei, teilte Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) mit. Die reine Miete schlägt mit 45 Millionen zu Buche, die digitale und sonstige technische Ausstattung mit fünf Millionen, das Erstbelegungsrecht fürs Symphonieorchester wird mit 15 Millionen Euro berechnet. Ziemlich knifflig müssen die Gespräche mit dem BR gewesen sein. „Es war eine der intensivsten Verhandlungslagen, die man sich vorstellen kann“, formulierte es Spaenle im Ausschuss. Aus dem Sender ist schon Kritik zu vernehmen: Einerseits fahre der BR einen rigiden Sparkurs, andererseits gebe er so viel für den Saal aus, heißt es etwa.

Auch Details zum Raumprogramm gab der Minister bekannt. Im Gebäude werden nicht nur zwei, sondern drei Säle untergebracht. Ein großer mit 1800 Plätzen (der auch für andere Musiksparten oder Filmvorführungen geeignet ist), ein kleiner, dessen Kapazität von ursprünglich geplanten 300 bis 500 auf 600 Plätze erhöht wurde und der flexibel nutzbar sein soll; dazu kommt noch eine Werkstattbühne, die für die Musikhochschule gedacht ist.

Die Ausbildungsstätte muss ihre Zukunftsplanungen allerdings umwerfen. Die Hochschule hat bekanntlich 3500 Quadratmeter im Gasteig gemietet. Ein Komplettumzug vom Kulturzentrum an der Rosenheimer Straße an den Ostbahnhof, wie ursprünglich vorgesehen, ist nun nicht mehr möglich, dafür ist der Konzertsaal-Bau zu klein. Bernd Redmann, Rektor der Musikhochschule, empfindet diese Entwicklung dennoch als „durchwegs positiv“, wie er unserer Zeitung sagte. Das Raumprogramm im Gasteig bleibe schließlich „vollumfänglich erhalten“, die Werkstattbühne im Konzertsaal-Gebäude sei als Zusatzangebot zu werten. Einziges Problem freilich: Während der bevorstehenden Gasteig-Sanierung muss die Musikhochschule für unbestimmte Zeit in ein Ausweichquartier.

Das Gelände gehört nicht dem Freistaat

Da dem Freistaat das Saal-Gelände im Werksviertel nicht gehört, nutzt er es im Erbbaurecht. Pfanni-Erbe Werner Eckart bekommt laut Minister Spaenle dafür 592.000 Euro jährlich. Der Vertrag für die 7250 Quadratmeter läuft 44 Jahre, danach hat der Freistaat das Vorkaufsrecht. Was bedeutet: 26 Millionen Euro gehen zunächst an das Privatunternehmen; falls danach das Grundstück erworben werden sollte, müsste eine erhebliche Wertsteigerung in Kauf genommen werden. Eine der wichtigsten Zahlen betrifft freilich den Baubeginn. Nach Abschluss des Architektenwettbewerbs im kommenden Mai rechnet Kunstminister Spaenle mit dem Baubeginn im Jahr 2018. An eine Einweihung 2020 oder 2021 dürfte damit nicht mehr zu denken sein, zumal es unvorhergesehene Bauverzögerungen geben kann.

Das Werksviertel wächst: Wir erklären, was wo entsteht

Wie es danach weitergeht, in welcher Form der Saal betrieben wird, darum wird noch gerungen. Denkbar wäre ein Intendantenmodell à la Hamburg oder Dortmund. Dafür plädierten im Kunstausschuss Isabell Zacharias (SPD) und Michael Piazolo (Freie Wähler). Künstlerische Ausrichtung, Jugendarbeit, Kooperation mit anderen Kultureinrichtungen, all dies könne am besten mit einem Intendanten realisiert werden, sagte Piazolo. Doch dagegen gibt es Widerstand. Da der Bayerische Rundfunk als Erstnutzer die meisten Termine in Anspruch nimmt und damit seine Musikprogrammatik verwirklicht, dürfte für einen Intendanten kaum Machtpotenzial bleiben. Überdies, so ist aus Orchesterkreisen zu hören, komme eine solche Lösung zu teuer.

Befürchtungen der privaten Veranstalter

Auch die privaten Veranstalter, die in den vergangenen Monaten über Fachbeiräte an der Planung beteiligt waren, fürchten, dass ihr Entscheidungsspielraum von einem künstlerischen Leiter eingeengt bis beschnitten würde. Auch deshalb hat das Ministerium von einem Intendantenmodell Abstand genommen. Laut Kunstminister Spaenle komme es zu einer „Mischlösung“ – wobei nicht klar ist, wie diese überhaupt aussehen soll.

Apropos Aussehen: Vom teuren Saal erwarten sich die Kulturpolitiker eine entsprechende Ausstrahlungskraft. „Das darf kein kreuzbraver Kasten aus Stahl und Glas werden“, sagte Isabell Zacharias. Und überhaupt, so pflichteten ihr die Ausschusskollegen bei, verbitte man sich Kritik am Standort Ostbahnhof. „Es ist nicht gut, wenn von Dirigenten erste bedauernde Worte zu hören sind“, meinte Oliver Jörg (CSU) mit Blick auf manche Äußerungen aus der Kulturszene. Wer sich dort umhört, erntet von manchem gerade eine Mischung aus Schulterzucken und Pragmatismus als Reaktion: Lieber einen Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach.

Video übers Werksviertel: Hier wird einst der Konzertsaal stehen

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