Oskar Maria Graf, Bäckerssohn aus Berg, blieb der Ruhm in der Heimat verwehrt.

Der Detektiv vom Starnberger See

München - Neue Funde: Dirk Heißerer hat „Wellen, Wind und Dorfbanditen“ erweitert und aktualisiert

Dirk Heißerer, Münchner Germanist, brachte Licht in die Literatenszene am Starnberger See.

Der Münchner Germanist Dirk Heißerer ist ein Meister der literaturhistorischen Topografie. Sein bereits klassisches Buch über Schriftsteller und Literaten am Starnberger See „Wellen, Wind und Dorfbanditen“ ist nun in einer erweiterten und aktualisierten Neufassung erschienen. Neue historische Erkenntnisse und Recherche-Funde, insbesondere zu Schriftstellern der frühen Nachkriegszeit, waren der Anlass für die Neuausgabe des 1995 erstmals erschienenen Werks.

Heißerer, lange Zeit Lehrbeauftragter am germanistischen Institut der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, ist ein akribischer und leidenschaftlicher Literaturdetektiv. So hat er für die Erstausgabe seines Starnberg-Buchs auf einem Feldafinger Bundeswehrgelände die Villa entdeckt, in der Thomas Mann von 1919 bis 1922 große Teile des „Zauberbergs“ schrieb. Seit 1999 ist dort eine Dauerausstellung über den berühmten Bewohner untergebracht, 2001 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt.

Vor Heißerer war die Literatenszene am Starnberger See weithin unbekannt, die Region galt eher als Domizil von Malern und bildenden Künstlern. Dabei war kein anderer als König Ludwig II. einer der ersten schreibenden Anwohner. In Schloss Berg schrieb Ludwig Gedichte und Novellen, zumeist epigonales Mittelmaß und Kitsch. Er war sich dessen schmerzlich bewusst. So sagte er einmal über den von ihm bewunderten Edgar Allan Poe: „Er hat sowohl Genie wie Persönlichkeit. Mir fehlt beides.“ Über einen derartigen Mangel konnte sich der Berger Bäckersohn Oskar Maria Graf nicht beklagen. Trotzdem blieb dem Emigranten in seiner Heimat der Ruhm zu Lebzeiten verwehrt. Enttäuscht kehrte er 1958 nach einem Besuch in München nach New York zurück. Der Autor erkannte, dass er nach Bayern „landschaftlich, aber nicht politisch“ hingehört.

Beispielhaft für Heißerers Arbeitsweise ist die Entdeckung des ehemaligen „Kapitänshauses“ in Seeshaupt, in dem der heute vergessene, in der Nachkriegszeit hochgeschätzte Autor Ernst Kreuder Teile seines fantastischen Romans „Die Unauffindbaren“ schrieb. Heißerer fand in einem Brief Kreuders von 1946, der im Marbacher Literaturarchiv liegt, den Vermerk, dass der Schriftsteller sich im Haus des verstorbenen Onkels seiner Frau aufhalte, eines ehemaligen Südsee-Kapitäns. Zudem entdeckte Heißerer Kurzgeschichten Kreuders, in denen dieser das Haus und die Ortschaft genau beschreibt - wenn man eben weiß, dass es sich um Seeshaupt handelt.

War Kreuder nur Logiergast, so schlug Wolfgang Hildesheimer sein Domizil dauerhaft am Starnberger See auf: in Ambach, unweit des berühmten Gasthauses „Fischmeister“, seit Generationen im Besitz der Familie des Schauspielers Sepp Bierbichler. Hildesheimer war als Jude mit seinen Eltern 1933 nach Palästina emigriert. Nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitete er als Simultandolmetscher bei den Nürnberger Prozessen. 1949 bezog der Grafiker und Bühnenbildner seine Ambacher Wohnung. Da es im Atelier bitterkalt war, hielt er sich im Winter nur in seinem Schlafzimmer auf, das zum Zeichnen aber zu dunkel war. So wurde Hildesheimer Schriftsteller. Er schrieb fantastische Geschichten, die als „Lieblose Legenden“ 1952 veröffentlicht und ein großer Erfolg wurden.

Heißerer deckt auf, dass Hildesheimers surreale Geschichten voller Lokalkolorit sind. In „Der Urlaub“ zum Beispiel ist ein Mann zu einer Abendgesellschaft eingeladen, radelt zum Bahnhof, doch der Zug kommt nicht. Der Mann kehrt in einem Gasthof ein, der ersten Nacht folgt eine zweite, bis er bemerkt, dass der Bahnhof abgerissen wird. Deshalb fährt er mit dem Rad in die Stadt, wo er überraschenderweise pünktlich zum Abendessen ankommt. Hildesheimer verarbeitet darin, so Heißerer, die extrem abgeschiedene Lage Ambachs zu Beginn der Fünfzigerjahre. Um nach München zu fahren, musste man erst ins acht Kilometer entfernte Seeshaupt und dort den Zug nehmen.

1951 hatte der Gasthof Bierbichler übrigens einen berühmten Logiergast. Durch den großen Erfolg ihres von Alfred Hitchcock verfilmten Romans „Der Fremde im Zug“ hatte die amerikanische Krimiautorin Patricia Highsmith die nötigen Finanzen für eine Europareise und besuchte dabei auch Wolfgang Hildesheimer. Highsmith sollte noch Jahre später in einem Brief an Hildesheimer von der winzigen Magdkammer mit der niedrigen Decke in Ambach schwärmen. Dirk Heißerer hat diese Notiz natürlich entdeckt. Mehr konnte er über Highsmiths Zeit am „Dichtersee“ nicht herausfinden. Noch nicht. Das macht Hoffnung, dass dieser erweiterten Neufassung eine weitere folgen wird.

Dirk Heißerer: „Wellen, Wind und Dorfbanditen. Literarische Erkundungen am Starnberger See.“ Diederichs Verlag, 352 Seiten; 17,95 Euro.

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