Franz Marc: Getötetes Reh, 1913.

Deutsch-französische Verbrüderung

Marc zwischen Rousseau und Delaunay: Das „Franz Marc Museum“ in Kochel feiert fulminant sein einjähriges Bestehen.

Ein Jahr ist es nur alt, das Marc-Museum in Kochel am See? Die Besucher – bisher 125 000 – haben es so sehr ins Herz geschlossen, dass man glaubt, es existiere schon lange. Hat es ja auch, aber der winzige Vorgänger kam nie so richtig zur Blüte. Jetzt ist man bei jedem Besuch entzückt – und zugegebenermaßen erstaunt. Was die dort in dem kleinen Ort an Dauerschau und Wechselausstellungen zustande bringen, hat nämlich durchaus internationalen Rang.

Die künstlerische Chefin Cathrin Klingsöhr-Leroy hat sich als Glücksfall für das Haus erwiesen. Was jetzt zur Geburtstagspräsentation „Der große Widerspruch – Franz Marc zwischen Delaunay und Rousseau“ wieder sehr deutlich wird. Das gesamte zweite Obergeschoss wurde für die so schöne wie kluge Analyse freigeräumt (vorher waren dort Werke aus der Zeit nach 1945). Mit der Exposition, die nicht nur jene drei Heroen der Klassischen Moderne aufbieten kann, sondern auch Gabriele Münter, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Alexander Jawlensky, Heinrich Campendonk, Arnold Schönberg und August Macke, bekommen die Bayern wieder – in kleinem Maß –, was sie durch den Umbau des Münchner Lenbachhauses vermissen: ihre geliebte Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“. Kochel ist also der Trost-Ort. Marc wie auch die anderen „Blauen Reiter“ waren von den Franzosen Robert Delaunay – Marc hatte ihn 1912 in Paris kennengelernt – und Henri Rousseau begeistert. Man bewunderte sie, obwohl sie doch völlig konträre Bildwelten entwickelten: Rousseau, der scheinbar Naive, der mit Akkuratesse seine stilisierte Realität pinselte, und Delaunay, der Avantgarde war, der in den sonst graubraunen Kubismus helle Farbe und die Formen zum Tanzen brachte. Von beiden ließen sich die „Reiter“ auf ganz spezielle Weise beflügeln.

Das zeigt die Schau und damit, wie die Gruppe (1911 gegründet) diesen Widerspruch auflöste: Für sie gab es schlichtweg keine Kluft. Kandinsky formulierte: „Von dem Werk Henri Rousseaus ausgehend beweise ich hier, dass die kommende Realistik in unserer Periode nicht nur gleichwertig mit der Abstraktion ist, sondern ihr identisch.“ Im ersten Raum sind denn auch ungegenständliche und realistische Positionen vertreten, aber auch Bilder, in denen beides ineinander übergeht. Fröhlichstes Beispiel die zwei Kühe. Kandinsky löst sein Viech fast ganz in weiße und dottergelbe Flecken auf, bringt es aber fertig, superrealistisch die stoische Trägheit der Kuh darzustellen.

Marc belässt seinem Rind zwar mehr Körper, wenn auch einen gelben, kubistischen, jagt sie allerdings dynamisch durchs Gelände. Und dann fällt der Blick ins Rousseau-Kabinett in Mango-Rosa. Eva und die Schlange im Paradies, Menschen beim Spaziergang, Maler und Modell – alles unverkünstelt, unakademisch. Dieses Unverdorbene, Reine, Urwüchsige wollte der „Blaue Reiter“ in die Kunst hinüberretten und weiterentwickeln.

Das suchte er gleichfalls in der Volkskunst wie in den Werken außereuropäischer Kulturen. Klingsöhr-Leroy zeigt deswegen zusätzlich wunderschöne Hinterglasbilder (Leihgaben aus Oberammergau) und einige Plastiken aus Afrika und Polynesien (Völkerkundemuseum München) – noch so ein Widerspruch, den die Künstler auflösten. Nützte Gabriele Münter die kräftige Farbigkeit der hiesigen Volkskunst, passen Jawlenskys und Schönbergs dämonische Gesichter mit den überbetonten Augen zur exotischen Volkskunst.

Im großen Saal werden Marcs Farbversuche ausgebreitet – vom springenden Pferd über „Noah und die Füchse“ bis zu den heiteren Farbkreisen, die direkt mit einem Bild von Delaunay korrespondieren. Er wird im Kabinett eingeführt: ein „Fenster“ aus einer Serie, die Marc so sehr fasziniert hatte, eine sich im Tanz wiegende Kathedrale und ein Eiffel-Turm, der zu steppen scheint. All das eine deutsch-französische Verbrüderung, die der Erste Weltkrieg vernichten wird.

von Simone Dattenberger

21. Juni bis 13. September täglich außer Montag 10-18 Uhr, Eintritt 7,50 Euro; Katalog (Deutscher Kunstverlag): 29,90 Euro, ein Extrablatt geht auf den Weltkrieg ein.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare