Razzia in Augsburg: Terrorverdacht gegen drei Männer

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Deutsche Poesie fürs Ohr

Über tausend Gedichte von fast 500 Lyrikern werden von 14 Schauspielern für 21 CDs gelesen: Lauter Lyrik. Der Hör-Conrady entsteht.

Es herrscht eine andächtige Atmosphäre in diesem Studio des Südwestdeutschen Rundfunks in Baden-Baden: Zwei Herren beugen sich im warmen Lichtkegel der Leselampen konzentriert über beeindruckende Stapel von Manuskripten. Der eine ist Karl Otto Conrady, der emeritierte Literaturwissenschaftler, dessen Name zum Synonym geworden ist für das Standardwerk der deutschen Lyrik, den "Großen Conrady". Der andere ist Stefan Hilsbecher, Regisseur dieses Mammutprojekts: 1082 Gedichte von 460 Dichtern - das ist wohlgemerkt nur zirka die Hälfte der im Juli neu aufgelegten Ausgabe des "Conrady" - werden hier von 14 Schauspielern gelesen und für ein Hörbuch, eine ARD-Gemeinschaftsproduktion, aufgenommen.

Um "die deutsche Schauspielelite" soll es sich laut Patmos Verlag bei den Sprechern handeln. Es ist zwar nicht die gesamte Elite, aber Schauspieler wie Rosel Zech, Sophie Rois, Sandra Hüller, Ulrich Matthes oder Hanns Zischler gehören sicher dazu. Auch sie wirken teils sehr andächtig, wenn sie sich tief in ihre Verse versenken und fast schon in einen intimen Dialog mit dem Mikrofon treten wie die einfühlsame Sandra Hüller etwa. Andere stehen und bewegen sich, je nach Tonfall der Zeilen, im Studio wie Sophie Rois. Und Christian Brückner und Hanns Zischler untermalen ihre Worte intensiv mit feinen Handbewegungen.

Zu ahnen sind die unterschiedlichen Sprechertypen auf dem fertigen "Hör-Conrady" freilich nicht, da klingen dann nur Klabunds "Ich baumle mit de Beene" oder Ernst Jandls "ottos mops" wie eigens für Hüller und Brückner geschrieben. Auch der 81-jährige Conrady selbst liest 19 Gedichte auf dieser Hör- Anthologie: "Es war der Wunsch des Verlags und der produzierenden Sender, zumal ich selbst viele Rezitationsabende bestritten habe. Dass ich am Schluss Robert Gernhardts ironisch-rabiates Sonett (,Sonette find ich so was von beschissen...’) mit der wissenschaftlich klingenden Überschrift (,Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs’) gesprochen habe, kann dokumentieren, dass Humor und Witz in dieser Sammlung selbstverständlich Heimrecht haben."

Der Kölner Literaturwissenschaftler, der ein ausgewiesener Goethe-Experte ist, eine einschlägige große Biografie über ihn verfasste und sich in der Nachkriegszeit um die Bewältigung der NS-Vergangenheit der Germanistik bemühte, erhob jedoch nie den Anspruch, mit seinem 1977 erstmals erschienenen "Großen deutschen Gedichtbuch" einen Lyrik-Kanon aufzustellen. Vielmehr sollte seine Sammlung, die in ihrer nun vierten Auflage vom frühmittelalterlichen Wessobrunner Gebet bis zur Slam-Poetry unserer Tage reicht, markante Beispiele für die Spielarten deutscher Lyrik dokumentieren.

Weshalb aber nun die Hörvariante - um die Popularität von Lyrik im Fahrwasser der derzeitigen Hörbuch-Begeisterung zu stärken? "Ich hoffe", sagt Conrady, "dass das Interesse an Lyrik und ihrer Vielfalt weiter zunimmt und dass deutlich wird, wie der Text eines Gedichts durch gekonnte Rezitation ,lebendig’ wird und sich da manche Nuancen öffnen, die beim bloßen Lesen nicht gehört werden können. Eigentlich gehören Lesen und Hören des Gedichts zusammen, wenn man dieses möglichst vollständig erfassen will. Übrigens: Immerhin 60 neue Seiten bietet der ,Der Große Conrady’ mit Beispielen aus der Lyrik, die in den Jahren 2000 bis 2007 erschienen ist. Das Interesse lebt."

Aber selbst den altgedienten Forscher hat noch ein bisschen überrascht, dass manche Gedichte "durch die Rezitation vom Innerlichen her eine neue Gestalt gewonnen haben", dass sie in der Wahrnehmung "neu geworden" sind. Aus der Produktion hat er sich allerdings ganz herausgehalten: "Ich hatte nur darauf zu achten, dass offenkundige Fehler vermieden wurden", erzählt er. An der Besetzung der Sprecher etwa wirkte er nicht mit, aber er findet: "Die Stimme von Sophie Rois passt vorzüglich zur ,Gestundeten Zeit’, und die junge Stimme Sandra Hüllers gibt Klabunds Versen die richtige Lockerheit. ,ottos mops’ kann natürlich von jedem Sprecher mit besonderer Nuance versehen werden; da ist nichts durch die Gedichtstruktur verbindlich vorgeschrieben."

Wie entbrannte eigentlich Conradys Leidenschaft für Lyrik? Einen einschneidenden Moment gab es nicht: "Seit Jugendjahren sprachen mich auch Gedichte an. Nach 1945 waren die Einflüsse des ,Dritten Reichs’ zu überwinden. Dann wurde mir überdies klar, dass Lyrik mehr ist als ,Gemütserregungskunst’ oder vorzüglicher Hort von Stimmungshaftem und Erbaulichem. Lyrik ist allerdings immer nur ein Teilbereich meiner Beschäftigung mit Literatur gewesen." Übrigens dichtet Conrady auch selbst: 2002 erschien sein Gedichtband "Wörtertreiben".

Karl Otto Conrady:

"Lauter Lyrik: Der Hör-Conrady" (21 CDs und 2 mp3 CDs mit 1082 Gedichten; 99,95 Euro); "Lust auf Lauter Lyrik" (1 CD, Auszug mit 64 Gedichten; 9,95 Euro), jeweils bei Patmos erschienen; Begleitbuch "Lauter Lyrik: Der kleine Conrady" (700 Seiten; 22 Euro); "Der Große Conrady" (1380 Seiten; 49,90 Euro), bei Artemis & Winkler, Düsseldorf.

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