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Haben der ganzen Region ihren Namen gegeben: Die Brüder Grimm haben deutliche Spuren in Nordhessen hinterlassen.

Im Lande der Grimms

Wo die deutsche Romantik zu Hause ist – in Nordhessen

Es waren einmal zwei Brüder, die galten als unzertrennlich. Sie hießen Jacob und Wilhelm und wurden weltberühmt. Tagein, tagaus saßen sie in ihren Studierzimmern und wälzten dicke Bücher.

Wie andere Leute Briefmarken, so sammelten sie die Wörter. Zwei „stubenhockende Sprachgelehrte von krümmender Sesshaftigkeit“, so hat der Literaturnobelpreisträger Günter Grass das berühmte Brüderpaar beschrieben, das einst in Kassel lebte. Doch Jacob und Wilhelm Grimm hockten nicht nur in der Stube, sie spazierten auch gern durch die Natur. Die Brüder unternahmen Kutschfahrten ins Grüne und ließen sich Geschichten von Ehemals erzählen. Aus solchen „mündlichen Überlieferungen“, wie sie es nannten, webten sie später den Stoff, aus dem die weltberühmten Märchen entstanden. Es war einmal, so fangen alle Märchen an. Eine Reise nach Nordhessen weckt fabelhafte Assoziationen, denn sie führt in ebenjene Landschaft, aus der die Grimms einst ihre Märchen schöpften. Eine Welt mit lieblichen Tälern, plätschernden Bachläufen und sanft bewaldeten Hügeln. Mit verwinkelten Fachwerkstädten, trutzigen Burgen und endlos weiten Buchenwäldern. Die Heimat der Brüder Grimm liegt im Norden Hessens, zwischen Kassel und Marburg, den einstigen Wirkungsstätten der Wörter- und Geschichtensammler.

Bis heute rühren die Geschichten der Grimms nicht nur Millionen Kinder und Erwachsene rund um den Erdball, auch Generationen von Dichtern fühlten sich durch das Werk der Brüder inspiriert. Die Märchen sind eine Art „ältestes Testament“ der Erzählkunst. In den heutigen Zeiten der Hektik, des Lärms und der Oberflächlichkeit geben sie uns ein Gefühl von Geborgenheit. Und die Grimms waren nicht nur Märchenonkels, sondern gelten zugleich als Gründungsväter der Germanistik. Sie waren Helden der Gelehrsamkeit, Sprach- und Geschichtsforscher vom Feinsten, Vorkämpfer für die deutsche Einheit und dafür, dass das von der Verfassung verbriefte Recht auch stets einzuhalten ist. Ihr Werk ist einmalig in Deutschland – und dies lässt sich nirgendwo so authentisch erleben wie in Nordhessen. Da ist das Schloss, in dem Dornröschen 100 Jahre schlief, westlich von Kassel, am Rande des Reinhardswaldes ist es verortet. Gleich in der Nähe steht der 40 Meter hohe Turm der Trendelburg, wo Rapunzel noch heute ihre Zöpfe herunterlässt – freilich tut sie es inzwischen für die Touristen. Rotkäppchen traf den bösen Wolf im Schwälmer Land, wo sich die Trachten der Mädchen seit Jahrhunderten mit roten Käppchen schmücken. Und der sagenhafte Teich von Frau Holle liegt nicht weit von Bad Soden-Allendorf auf dem Hohen Meißner versteckt.

Schneewittchen und die sieben Zwerge aber sind bei der Kurstadt Bad Wildungen zu Hause. Die schöne Königstochter könnte eine waldeckische Prinzessin gewesen sein. Die Zwerge schufteten im Kellerwald, wo einst Kupfererz abgebaut wurde und die Zipfelmützen der teils noch kindlichen Bergmannsjungen tatsächlich denen der Zwerge geglichen haben.

Mittelalterliche Fachwerkstädte ziehen ihre Besucher in den Bann. Da ist das 500 Jahre alte zehntürmige Rathaus in Frankenberg, das als eines der Schönsten in Deutschland gilt. Die wunderbar erhaltenen Altstädte von Fritzlar, Rotenburg an der Fulda oder Wolfhagen. Schließlich die Malerkolonie Willingshausen, ein hessisches Worpswede nahe der mittelalterlichen Stadt Treysa. Und so mögen die Märchen in vielen Herzen zu Hause sein. Verwurzelt aber sind sie in dem „bergicht Land“, wie die Grimms Nordhessen nannten. Wo die Ziegeldächer als Zeichen der Zivilisation noch heute wie zu den Zeiten der Romantik als rote Tupfer aus dem Grün der Täler hervorschauen. Alle Jahre wieder lockt das Brüder Grimm Festival in Kassel die Besucher an, das Märchenfestival „Fünf auf einen Streich“ wie auch die Grimm-Reihe des Kultursommers Nordhessen. Beim Literarischen Frühling in der Heimat der Brüder Grimm trifft sich jährlich im April die Literaturelite Deutschlands im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Und das gesamte Wirken der Grimms, auch ihre Verdienste für die deutsche Sprache, wird in der Grimmwelt Kassel gewürdigt, einem beeindruckenden neuen Museum in Kassel. Ja wenn sie nicht gestorben sind, die Grimms in unseren Herzen und Köpfen, dann leben sie noch heute – hier in Nordhessen, wo die Romantik zu Hause ist.

Christiane Kohl / nh

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