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Diese Münchner Bürger gründeten das Gärtnerplatztheater für ihre Stadt; vorne das Modell des Hauses.

Ausstellung

Münchens Gärtnerplatztheater ist museumsreif

München - Das Deutsche Theatermuseum in München präsentiert seine neue Ausstellung „150 Jahre Gärtnerplatztheater – Dem Volk zur Lust und zum Gedeihen“.

Mag das Stammhaus am Münchner Gärtnerplatz auch noch immer fest von Baugerüsten umschlungen und das heimatlose Ensemble auf Wanderschaft durch die Stadt sein, die Feierlaune lässt man sich dadurch nach wie vor nicht verderben. Denn schließlich gilt es ja nicht jeden Tag, einen 150. Geburtstag zu zelebrieren. Und so widmet sich anlässlich des runden Jubiläums nun auch das Deutsche Theatermuseum exklusiv der bewegten Geschichte des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Der augenzwinkernde erste Blick in die von Stefan Frey mit viel Liebe zum Detail kuratierten und von Florian Schaaf ins rechte Licht gerückten Ausstellungsräume ist dabei ein im Moment durchaus vertrauter. Durch die Löcher eines Bretterzaunes sind einzelne Ecken der aktuellen Baustelle zu besichtigen, ehe man sich in einem Zeittunnel chronologisch rückwärts durch die jeweiligen Intendanzen arbeitet.

Ein Haus - auch für die leichte Muse

Vom aktuellen Hausherren Josef Ernst Köpplinger über Ulrich Peters, Klaus Schultz und Hellmuth Matiasek bis zur legendären Ära von Kurt Pscherer, der knapp zwei Jahrzehnte das Bild des Hauses prägte und den Ruf als „Münchens anderes Opernhaus“ festigte. Vor allem ältere Theaterbesucher dürften hier ins Schwärmen geraten, angesichts mancher Raritäten, mit denen das Haus der repräsentativen Staatsoper damals in Sachen Entdeckungsfreude zuweilen weit voraus war. Rimsky-Korsakovs „Der goldene Hahn“ oder „Schneeflöckchen“ finden sich da beim Stöbern im digital aufbereiteten und reich bebilderten Archiv ebenso wie „Andrea Chénier“ oder Rameaus „Platée“.

Bis heute gilt das Haus freilich vor allem als der Inbegriff der sogenannten leichten Muse. Angefangen beim Eröffnungsabend, den man unter das Motto „Was wir wollen!“ gestellt hatte und dessen vergilbter Theaterzettel hier über der originalen Partitur von Offenbachs „Salon Pitzelberger“ (s. Seite 18) prangt. Eben jener Operette, die damals am 4. November 1865 erklang. Neben bis heute berühmten Repertoireklassikern gibt es auf den sepiagetönten Fotos der Anfangsjahre freilich auch jede Menge Kurioses zu bestaunen. So unter anderem den Messer wetzenden Menschenfresser aus Richard Genées „Die letzten Mohikaner“ oder ähnlich exotisch anmutende Titel wie „Der Rodelzigeuner“.

Die Schau klammert die Nazi-Zeit nicht aus

Ebenso wenig ausgeklammert wird auch die dunkle Ära des Nationalsozialismus. War Hitler doch selbst wiederholt Gast am Gärtnerplatz und jubelte von der Führerloge aus dem von ihm verehrten Johannes Heesters in der „Lustigen Witwe“ zu. An das ebenfalls in Wort und Bild dokumentierte Gastspiel des Ensembles im Dachauer Konzentrationslager, wo man das Wachpersonal mit einem „frohen und heiteren Nachmittag“ erfreute, wollte Heesters sich später freilich wie die meisten seiner ehemaligen Kollegen nicht mehr so recht erinnern. Gut also, dass man nun auch solche Gedächtnislücken schließt.

Bewegend wird es danach im oberen Stockwerk auch mit den 150 Interviews, die man anlässlich des Jubiläums mit (prominenten) Besuchern und Mitgliedern des Hauses geführt hat. Aktuelle und ehemalige Publikumslieblinge kommen hier mit ihren sehr persönlichen Erinnerungen ebenso zu Wort wie die Damen und Herren aus der Verwaltung und den Werkstätten. Getreu dem selbst auferlegten Grundsatz, neben den üblichen Verdächtigen auch diejenigen mit ins Rampenlicht zu rücken, die durch ihre Arbeit hinter den Kulissen das allabendliche Aufgehen des Vorhanges überhaupt erst möglich machen. Hier wird man dem Haus und seinem Ruf als Theater für die Münchner vielleicht am besten gerecht.

Gelungener Spagat zwischen Nostalgie und Gegenwart

Überhaupt gelingt der Ausstellung gekonnt der Spagat zwischen nostalgischem Schwelgen und lebendiger Theateratmosphäre. So kann sich der Besucher dank liebevoll restaurierter Schellackplatten akustisch in die Glanzzeiten des Münchner Operetten-Traumpaares Rudolf Seibold und Gisela Fischer entführen lassen, die 1906 als Witwe Hanna und Graf Danilo reüssierten, gleichzeitig aber auch selbst in Kostüme aus dem reichhaltigen Fundus des Theaters schlüpfen und sich so als Musicalstar oder Operettendiva fühlen. Nach dieser ehrfürchtigen Verneigung vor dem Haus und seiner Vergangenheit bleibt nur noch zu hoffen, dass sich am Gärtnerplatz möglichst bald wieder der Vorhang heben kann, um neue Kapitel für das nächste runde Jubiläum zu schreiben.

Bis 10. April 2016 täglich außer Mo. 10–16 Uhr; Galeriestraße 4a; Katalogbuch (Henschel): 34,95 Euro.

Tobias Hell 

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