Deutscher Buchpreis: Im falschen Leben

Frankfurt/Main - Der Erste Weltkrieg durchkreuzt Helenes Kindheit und Jugend, der Zweite zerstört ihr Erwachsenenleben. Ein im 20. Jahrhundert nicht seltenes Frauenschicksal steht im Mittelpunkt des epochalen Romans "Die Mittagsfrau", für den die Berlinerin Julia Franck den Deutschen Buchpreis verliehen bekam.

Was hätte aus dieser Frau mit diesen Talenten und dieser Auffassungsgabe nicht alles werden können: eine kreative Mathematikerin, eine einfühlsame Medizinerin, mindestens aber einer der fähigsten Köpfe in ihrem Fach der Krankenpflege. So aber wurde sie die wahrscheinlich schlechteste aller Mütter: Auf der Flucht aus Stettin lässt sie kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren kleinen Sohn Peter allein auf einem Bahnhof zurück. Er solle warten, bis sie wiederkomme. Da hat sie längst entschieden, dass sie nicht mehr wiederkommen wird.

Es ist zunächst schwierig, in diesem Roman heimisch zu werden, in einer so kalten, unmenschlichen, qualvollen Atmosphäre. Der Flucht vorausgegangen war die Vergewaltigung der Mutter durch drei Russen, die der kleine Peter mit ansehen muss. Schon zuvor war die Mutter - vom nationalsozialistischen Ehemann verlassen - für Peter kaum mehr erreichbar gewesen, ab jenem Moment der Erniedrigung ist sie für Peter für immer verloren.

Wer ist diese Frau und warum ist sie so, diese Fragen drängen sich auf. Und für ihre Beantwortung lässt sich die Erzählerin viel Zeit. Sie springt weit zurück in die Kindheit Helenes, für die es ein eindringliches Bild gibt: In den Rücken ihrer älteren Schwester gekuschelt erfährt die wissbegierige Helene all die mütterliche Liebe und Wissenvermittlung, zu der eine 15-Jährige fähig ist. Wo aber ist die Mutter?

Die vom Vater, einem Druckereibesitzer, innig geliebte Jüdin wird in Bautzen nicht gemocht. Lieber als mit Menschen, etwa ihren Töchtern, umgibt sich die nervenkranke Frau zwanghaft mit Gegenständen und dämmert die meiste Zeit unansprechbar vor sich hin. Ihre jüngere Tochter hasst sie sowieso, sind die statt ihrer heiß ersehnten Söhne doch alle gestorben.

Fast unbemerkt zieht einen die schöne, klare Sprache tief hinein in eine Zeit, die lange genug vergangen ist, um einem fremd zu sein, und doch durch die Erzählungen der Großelterngeneration vertraut genug ist, um das kollektive Gedächtnis zu aktivieren. Julia Franck beherrscht die Kunst, ihre Figuren quasi neben einem wirklich werden zu lassen. Sie erklärt sie nicht, beschreibt sie beiläufig, und doch sind sie plötzlich greifbar nah. Lassen sich allmählich in ihren Handlungen, ihren Worten und Gesten ergründen.

Detailreich schildert die Erzählerin deren Lebenswelt - die Maschinen der Druckerei, die Nippes der verrückten Mutter, der 20er-Jahre-Glamour in der Berliner Wohnung der freisinnigen Tante Fanny - und gerät dabei doch nie in Schnörkelgefahr oder Nostalgiewut. Es ist gewiss keine gute alte Zeit, die sie beschreibt, es ist die Zeit, wie sie ist: gnadenlos, fordernd, ohne Rücksicht auf Verluste.

Das muss vor allem Helene erfahren: Chancen scheint es in ihrem Leben nur zu geben, um verpasst zu werden. Um eine ihrer Intelligenz adäquate Ausbildung zu genießen, fehlen Helene das Verständnis der Mutter und das Geld des inzwischen kriegsversehrten Vaters.

Trickreich wickelt sie das Ende der Druckerei ab, macht mit dem bei der älteren Schwester aufgeschnappten Fachwissen spielend die Krankenschwesternausbildung, um endlich zur Tante nach Berlin zu entfliehen. Dort findet sich keine passende Stelle für sie, aber immerhin eine erste Liebe, die sie wieder verliert. Etwas ist in Helenes Schicksal immer falsch, mal der Zeitpunkt, mal der Ort, eigentlich das ganze Leben.

"Die Mittagsfrau" ist mit ihrer Unaufgeregtheit und ihrer versierten Erzählweise eine sichere, aber kein schlechte Wahl für den renommierten Buchpreis. Es ist vor allem eine großartige, im Familiären verankerte Vergegenwärtigung deutscher Geschichte.

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