Deutscher Theaterpreis: Münchner räumen "Fäuste" ab

München - Der noch junge Theaterpreis "Der Faust" wurde am Freitagabend im Münchner Prinzregententheater während einer bestens inszenierten Feier verliehen.

"Jetzt haben wir den Salat", seufzte Brigitte Hobmeier. Dabei hielt sie doch eine Trophäe in Händen. Angeblich hatte sie für diesen Fall keine Dankesworte vorbereitet. Wie fast alle Preisträger am Freitagabend legte sie Wert darauf, mit der Auszeichnung nicht gerechnet zu haben - und das bei nur drei Nominierten pro Kategorie. Zum zweiten Mal verlieh der Deutsche Bühnenverein zusammen mit der Kulturstiftung der Länder und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste nun den Deutschen Theaterpreis "Der Faust".

In zehn Kategorien wurde im Münchner Prinzregententheater die undotierte Auszeichnung "von Theaterleuten für Theaterleute" vergeben: in Form eines gülden glänzenden, unansehnlichen Vierkantbolzens, der so gar nicht die Kunstfertigkeit seiner Besitzer widerspiegeln mag. Dennoch jammerte Bernd Moss ganz faustisch: "Da steh' ich nun, ich armer Greis, und hab' noch immer keinen Preis." Aber das Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele war ja auch nicht als Nominierter, sondern zusammen mit dem Hamburger Kollegen Peter Jordan als Conférencier geladen. Frech, gewitzt, hochkomisch erledigten die beiden ihre Aufgabe. "Ich muss gestehen, ich habe mich bis jetzt besser unterhalten als jemals bei einer Filmpreisverleihung", sagte Doris Dörrie, Laudatorin für die Kategorie beste Ausstattung. Hier gewann Andrea Schraad mit ihren Masken und Kostümen für Andreas Kriegenburgs "Drei Schwestern" (Münchner Kammerspiele).

Gleich in zwei Königsdisziplinen ging der Preis ebenfalls nach München: Angela Denoke, die in diesem Jahr auch für den Theaterpreis dieser Zeitung nominiert war, holte den "Faust" als Salome an der Bayerischen Staatsoper, konnte ihn aber wegen anderer Verpflichtungen nicht persönlich entgegen nehmen. Und Brigitte Hobmeier, Trägerin des Merkur Theaterpreises, kam mit dem "Salat" dann doch ganz gut zurecht. Keck überzeugte sie sich selbst, dass auf der Urkunde tatsächlich ihr Name neben "beste darstellerische Leistung" für "Glaube Liebe Hoffnung" (Kammerspiele) stand, bevor sie sich unter anderem bei Regisseur Stephan Kimmig bedankte.

Dieser wurde zwar nicht direkt für eine Münchner Aufführung, aber für seine "Maria Stuart" (Thalia Theater Hamburg) geehrt. Die Äußerung von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, Folter sei unter bestimmten Umständen denkbar, habe ihn bei dieser Inszenierung inspiriert, sagte Kimmig. Ihm gebührt eigentlich ein Extrapreis dafür, dass er bei so einer Gelegenheit über das übliche Preisgewese hinausdenkt: Nie und nimmer dürfe sich eine Gesellschaft der Lust am antizipierten Ausnahmezustand hingeben, sagte er - und erhielt dafür viel Applaus.

A propos Sonderpreis: Einen solchen bekamen die Dokumentartheater-Künstler "Rimini Protokoll", deren Mitglied Stefan Kaegi sich kürzlich bei Spielart auch in München vorstellte. Leer ging leider ein anderer Münchner Künstler aus: Tigran Mikayelyan vom Bayerischen Staatsballett, ebenfalls Träger des Merkur-Preises. Den Tanz-"Faust" bekam Katja Wünsche (Stuttgarter Ballett).

Nicht nur unter den Nominierungen, auch unter den Preisträgern war hier, im Gegensatz zu manchem Kritikerpreis, auch das ostdeutsche Theater einmal angemessen vertreten: mit dem Choreographen Stephan Thoss ("Giselle M.") sowie dem Opernregisseur Dietrich Hilsdorf ("Die Liebe zu den drei Orangen"), beide am Städtischen Theater Chemnitz. Im Bereich Kinder- und Jugendtheater wurde Frank Panhans vom Berliner Grips Theater ausgezeichnet.

Bereits im Voraus bekannt war der Preis für das Lebenswerk des Dirigenten Michael Gielen, für den der Komponist Helmut Lachenmann die Laudatio hielt: "Und wo bleibt die Transzendenz?", sei die Gretchenfrage für diesen eher verschlossenen Künstler, den man allenfalls als die Spitze eines glühenden Eisbergs kennen könne.

Ein "Faust" für eine der besten inszenatorischen Gesamtleistungen bei Preisvergaben gebührt übrigens dieser Münchner Veranstaltung mit ihrem charmanten Programm.

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