Schau ich hin auf den Fleck...: Fabian Hinrichs führt in den „Theaterabend schlechthin“ ein.

Deutscher Treppenhaus-Report

München - René Pollesch inszenierte die Uraufführung seines Stücks „XY Beat“ im Werkraum der Münchner Kammerspiele

Ort des Subversiven und potenzieller gesellschaftlicher Entzündungsherd ist – das deutsche Treppenhaus. Hier sind Meinungen verpönt, hier regieren Klatsch und Tratsch, hier, im Geplapper, Gebrummel, Geblubber der Nachbarn (nennen wir sie Frau Knoop, Frau Bolt, Herr Brummer), scheint alles oder nichts möglich zu sein. So ist „XY Beat“, das neue Stück des unter Dauerdampf stehenden Autors und Regisseurs René Pollesch, so etwas wie der „Deutsche Treppenhaus-Report“: im besseren Fall eine Art Suche nach Befindlichkeiten der Volksseele oder unterhaltsamer Quatsch, im schlechteren ein langer Wortfluss, in dessen Strudel und Untiefen Zuschauer wie Schauspieler zu ersaufen drohen. Pollesch inszenierte jetzt die Uraufführung seines Stücks im Werkraum der Münchner Kammerspiele.

Diesen hat Bühnenbildner Bert Neumann, der allen Spielorten der städtischen Bühne mit Beginn der Intendanz Johan Simons’ seine Gesichtskosmetik verpasst hat, unter dem Motto „Disco“ umgebaut: Nun sitzen die Zuschauer auf Stufen entlang dreier Wände, die mit Weißblech ausgekleidet sind, in das Sterne gestanzt wurden. Die Spielfläche befindet sich in der Mitte, eine Art Arena, doch Polleschs vier Schauspieler erreichen in den gut neunzig Minuten fast jeden Flecken des Raums. Dessen Boden, Stufen sowie der Vorhang, der die vierte Wand verbirgt, erinnern im satten Violett an edle Disco-Träume der Siebziger. Doch bevor sich hier besagte Ratschkathln treffen, und das Treppenhaus zur Gerüchteküche verkommt, führt Fabian Hinrichs in die Inszenierung ein. Als eine Mischung aus Seminarleiter, traurigem Harlekin und jovialem Zirkusdirektor bereitet er die Manege und hängt die Erwartungen hoch. Den „Theaterabend schlechthin“, verspricht er – und rezitiert gleich darauf mit wunderbarer Sprach-, Fabulier- und Spiellust Otto Reutters Couplet „Der Überzieher“ aus dem Jahr 1925. Herrlich! Dann trifft Hinrichs in jenem Treppenhaus ein. Silja Bächli, Katja Bürkle sowie der in Belgien geborene Ensemble-Neuzugang Benny Claessens gesellen sich zu ihm und jagen ratschend und tratschend Antworten auf die Frage „Wie kommen wir an die Leben heran?“ nach. Pollesch lässt seine Schauspieler im Lauf des Abends immer wieder durchexerzieren, dass nur Gerüchte sinnvoll seien: „Die richtige Waffe, die wir brauchen im Nahkampf mit der Meinung, ist der Tratsch.“ Das mag stellenweise redundant und nervend sein. Aber neben wirklich komischen und skurrilen Augenblicken, blitzt an diesem Abend natürlich doch – und anders lautenden Beteuerungen zum Trotz – immer wieder Wahres auf. Und sei es nur die Feststellung: „Was uns verbindet, was wir teilen, das ist das Desinteresse an anderen Menschen.“ Irgendwann lässt Pollesch das Quasseln der Nachbarn zur Gruppentherapie werden (war es das nicht immer schon?), plötzlich geht es um Adorno und Darwin, um den Theaterregisseur Peter Stein („erzieht ein autoritätshöriges Publikum, das ist Nazideutschland“) und den Autor Botho Strauß. Manchmal wünscht man sich ein Stauwehr in diesem reißenden Wort-Strom, um einen Moment nachdenken zu können über jene (Pollesch-)Wahrheiten. Allein der Autor und seine Schauspieler gönnen uns dies nicht, reißen sich und uns weiter wie ein Strudel, während die Texte – auch dank Souffleur Viktor Herrlich, der am Premierenabend quasi zum Mitspieler wurde – sprudeln.

Am Ende ist Fabian Hinrichs wieder allein. Er zitiert Erinnerungen von Nadja Benaissa, Ex-Mitglied der Popgruppe No Angels, die im vergangenen Jahr als HIV-positiv zwangsgeoutet wurde: Das war seinerzeit eine der größten bundesweiten Klatschgeschichten. Es ist das überraschend ernsthafte Ende eines knalligen Abends. Und es beweist die Richtigkeit einer anderen Pollesch-Wahrheit: „Worüber nicht geredet werden kann – da ist das Leben.“

Nächste Vorstellungen am 1., 3. und 8. Dezember; Karten unter Telefonnummer 089/ 233 966 00.

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