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Sie machen gemeinsam Theater: Vicki Hall, Leiterin des Musical-Studiengangs an der Theaterakademie, Klaus Zehelein, Präsident der Bayerischen Theaterakademie, sowie Werner Steer und Carmen Bayer, die Geschäftsführer des Deutschen Theaters (v.l.).

Deutsches Theater und Bayerische Theaterakademie arbeiten zusammen

München - Das Deutsche Theater und die Bayerische Theaterakademie machen gemeinsame Sache:

Und das ist „Rent“:

Als Stückeschreiber Billy Aronson Puccinis Oper „La Bohème“ sah, entschied er, eine Neufassung zu schreiben. Komponist Jonathan Larson war mit von der Partie und übernahm das Projekt schließlich ganz. Er starb nach der öffentlichen Generalprobe 1996. „Rent“ erzählt von einer Gruppe junger New Yorker Bohemiens, die der gesellschaftlichen Realität mit Liebe und Kreativität begegnen. Im Zentrum stehen Filmemacher Mark und der aidskranke Roger, denen am Weihnachtsabend der Wohnungsrausschmiss droht. Unterstützt von zwei homosexuellen Pärchen und der Drogensüchtigen Mimi, wehren sie sich. Vorstellungen: 9. bis 25. April; Karten unter Telefon 089/ 55 23 44 44 oder www.deutsches-theater.de.

Am 10. April hat die Akademie- Produktion von „Rent“ im Ausweichquartier des Deutschen Theaters in Fröttmaning Premiere: Das ist Auftakt einer Kooperation der Häuser, bei der künftig die Musical-Abschlussklasse je eine Inszenierung für das Deutsche Theater erarbeitet. Ein Gespräch mit Akademie-Präsident Klaus Zehelein, Vicki Hall, die den Musical-Studiengang leitet, sowie Carmen Bayer und Werner Steer, den Chefs des Deutschen Theaters, über Musical in München und ihre Zusammenarbeit.

Was erwarten Musical- Besucher von Ihrem Haus?

Steer: Das Münchner Publikum ist sehr sensibel: Man muss zwei Klassiker spielen – und wenn die richtig gut sind, schauen sich die Menschen auch unbekanntere Stücke an. Die Münchner wollen Musicals sehen – aber gute. Mit einer schlechten Inszenierung kann man sich das folgende halbe Jahr kaputt machen.

Stimmt es, dass München nicht unbedingt eine Musical-Stadt ist?

Bayer: Das stimmt so nicht. Man muss sich die Frage stellen: Bin ich eine Musical- Stadt, wenn ich dasselbe Stück ein Jahr lang spiele? Ich finde das Gegenteil ist richtig: Wenn ich die ganze Bandbreite des Musicals zeige – dann bin ich eine Musical-Stadt.

Zehelein: Die Zeiten, in denen man dachte, man spielt ein Stück zehn Jahre lang, sind längst vorbei. In Stuttgart, wo ich herkomme und das sich einmal Musical-Stadt nannte, hat man knapp fünf Jahre mit „Miss Saigon“ hinbekommen. Heute spielen sie an den beiden Stuttgarter Musical-Bühnen nur noch drei bis vier Monate und holen sich die Stücke aus Hamburg oder Wien. Die Ausnahme bei En-suite-Betrieben ist Bochum mit dem „Starlight Express“. Aber sonst kommt man mit dieser kommerziellen Haltung heute nicht mehr durch. Die Zuschauer wollen die Vielfalt.

Sichert das die Zukunft der Gattung Musical?

Zehelein: Unbedingt. Natürlich müssen wir auch auf die Auslastung unserer Häuser schauen. Aber im Vordergrund steht die Qualität.

Bayer: Das ist für mich auch ein Grund für die Zusammenarbeit zwischen uns und der Theaterakademie: Hier die größte Ausbildungsstätte für Bühnenberufe in Bayern und wir als größtes Gastspieltheater der Stadt. Wir machen das, weil dabei hochprofessionelle Musicals herauskommen, die es auf dem Markt so nicht gibt. Da bekommen wir etwas anderes als die übliche Disney- Machart, die man überall sieht.

Wie profitiert die Bayerische Theaterakademie?

Zehelein: Wir finden es ganz wichtig, dass unsere Künstler in ihrem letzten Ausbildungsmodul den Ernst, jeden Abend auf der Bühne zu stehen, zumindest für eine Serie von Aufführungen erfahren.

Und welchen Nutzen hat das Deutsche Theater?

Bayer: Professionelle Musicals auf dem freien Markt zu finden, ist sehr, sehr schwer. Die können Sie nicht einfach im Katalog bestellen. Wir spielen im Jahr etwa zehn Produktionen und es gibt auf dem Markt etwa zwei oder drei Anbieter, bei denen man sich bedienen kann. Bei allen anderen stimmt für uns die Qualität nicht.

Wer hat wen gefreit?

Hall: Wir sind schon ziemlich lange im Gespräch... Bayer: ...und haben uns immer wieder die Frage gestellt, warum wir eigentlich nicht zusammenarbeiten.

Steer: Die ganze Branche schaut darauf, was auf der Bühne des Deutschen Theaters geschieht. Das ist doch der ideale Ort für die Abschlussarbeit von Musical- Studenten, die danach ins Berufsleben starten wollen.

Unterscheiden Sie zwischen Akademie-Produktionen und den anderen Inszenierungen im Deutschen Theater?

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Musical-Studenten zeigen ihre Abschlussarbeit „Rent“

Bayer: Nein. Die Studenten sollen ja auch lernen, sich dem Markt zu stellen. Das bedeutet, wir machen unser übliches Marketingprogramm – und die Studenten müssen auch damit umgehen, wie ihre Arbeit von Publikum und Kritikern angenommen wird. Uns ist zudem wichtig, dass die Stücke für die Kooperation so ausgewählt werden, dass wir ein Haus mit 1600 Plätzen zwei Wochen lang füllen können.

Hall: Und ich achte bei der Entscheidung, welches Musical wir machen, natürlich auch auf die Studenten des jeweiligen Jahrgangs. Das muss nicht immer ein kommerzielles Angebot sein.

Warum starten Sie mit „Rent“, dessen Premiere im vergangenen Jahr war? Warum machen Sie nichts Neues?

Hall: Die Inszenierung hat eine hohe Qualität und war beim Publikum und bei den Kritikern ein Riesenerfolg. Steer: Wenn man eine solche Zusammenarbeit startet, sollte man mit einem Projekt beginnen, bei dem man sich relativ sicher ist, dass es funktioniert.

Warum zeigen Sie das Stück nicht einfach länger im Prinzregententheater?

Hall: Alle anderen Studiengänge brauchen dieses Haus auch.

Zehelein: Und wir benötigen das Theater für die Konzert- Gastspiele, weil wir etwa 20 Prozent des Etats für die Akademie über die Bespielung des Hauses rekrutieren.

Steer: Da das Deutsche Theater das Musical-Theater dieser Stadt ist, bekommen die Darsteller hier auch eine ganz andere Aufmerksamkeit.

Bayer: Außerdem müssen wir die Synergien zwischen städtischem Theater und staatlicher Akademie viel besser nutzen: Den Zuschauern ist doch egal, aus welcher Tasche die Zuschüsse kommen.

Zehelein: So, wie das Kommerzielle nicht an erster Stelle steht, sollten wir auch die gegenseitigen Erwartungshaltungen, die Stadt und Freistaat in der Vergangenheit selbst im kulturellen Bereich hatten, nicht stärken, sondern umformulieren. Ich finde es schön, dass wir als staatliche Institution mit einer kommunalen Einrichtung kooperieren.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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