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Der Fürst der Finsternis ist seine Paraderolle: Thomas Borchert als Graf von Krolock.

Premierenkritik

Neckische Nachtvögel

München - Ein Pflichttermin für alle Musicalfreunde: Im Deutschen Theater München feierte „Tanz der Vampire“ Premiere. Lesen Sie hier unsere Kritik. 

Nein, diese Blutsauger sind einfach nicht tot zu kriegen. Dabei wäre es so leicht, wenn wir dem schrulligen Professor glauben. Einfach einen Holzpflock zwischen der sechsten und siebenten Rippe ansetzen – und zack! Aber was für ein grandios unterhaltsamer Abend wäre uns dann durch die Lappen gegangen?

Seit „Tanz der Vampire“ nach Roman Polanskis Film von 1967 im Jahr 1997 in Wien das (Mond-)Licht der Bühnenwelt erblickte, ist der kultige Musical-Grusel-Spaß quasi nicht mehr wegzudenken und dank treuer Fangemeinde eine sichere Bank im Portfolio des Stage-Entertainment-Konzerns. Nun also auch im Deutschen Theater in München, wo das mit vielen kostümierten Fans durchsetzte Premierenpublikum die Untoten mit Standing Ovations willkommen hieß.

Jubel, in den man fast uneingeschränkt einstimmen kann. Denn ohne Zweifel ist „Tanz der Vampire“ die wohl spektakulärste Musical-Produktion, die man seit Langem an der Schwanthalerstraße zu sehen bekam. Fürs angemessene Gruselgefühl sorgt allein das verschnörkelte Bühnenbild von William Dudley, das dank geschickt eingesetzten Projektionen auch im Tourneeformat kaum etwas von der Opulenz des Wiener Originals einbüßt. Wozu auch die detailversessenen Kostüme von Sue Blane und das atmosphärische Licht von Hugh Vanstone einen nicht unerheblichen Teil beitragen.

Kaum donnern die ersten wuchtigen Takte aus den Lautsprechern, fühlt man sich ins düstere Transsilvanien versetzt, wo der zerstreute Professor Abronsius und sein Assistent Alfred auf Vampirjagd durch verschneite Berge ziehen. Und auch, wenn es die Dorfbewohner gerne verschweigen würden: Der inflationär in der Herberge verteilte Knoblauch lässt kaum Zweifel daran, dass die beiden auf der richtigen Spur sind. Brenzlig wird die Situation, als Graf von Krolock – ein echter „Nachtvogel, nutzlos bei Tag“, wie er sich selbst beschreibt – ein Auge auf die jungfräuliche Wirtstochter Sarah wirft, die auch Alfreds Herz höher schlagen lässt. Für wen sie sich am Schluss entscheiden wird? Nun ja, nicht nur „Twilight“-Leserinnen und „True Blood“-Seher dürften es ahnen.

Ein Holzpflock zwischen den Rippen – und zack! Vampirjagd à la Professor Abronsius (Victor Petersen, Mi.). Alfred (Tom van der Ven) und Rebecca (Yvonne Köstler) schauen eher skeptisch zu.

Verdenken kann man es Sarah nicht wirklich. Denn Thomas Borchert, der in dieser Paraderolle bereits in Hamburg, Berlin und Wien mitwirkte, ist in Statur und Stimmumfang ein absoluter Bilderbuch-Graf. Schon sein erster, noch stummer Auftritt durch die Zuschauerreihen zieht alle Blicke auf sich. Wobei Borchert der Figur inzwischen eine gute Prise mehr Humor mitgibt als einst im Theater des Westens, ohne dadurch an Autorität einzubüßen. Mindestens ebenso hoch in der Publikumsgunst rangiert allerdings Victor Petersen, der als Professor eine komödiantische Glanzleistung abliefert und dafür sorgt, dass es trotz düsterer Geschichte jede Menge zum Schmunzeln gibt. Wäre da nicht das Beweisfoto im Programmheft, man würde es nicht für möglich halten, dass unter der Einstein-Maske ein junger Mann steckt, der erst 2015 sein Diplom an der Bayerischen Theaterakademie abgelegt hat.

Tom van der Ven hat es als Alfred neben diesen beiden alles andere als leicht. Doch wenn er mit treuherzigem Hundeblick seine große Liebe besingt oder sich tollpatschig gegen die Avancen des schwulen Grafensohns (Milan van Waardenburg) zu wehren versucht, der ihn im Walzerschritt übers Parkett wirbelt, schließt man auch ihn immer mehr ins Herz. Wie ihr niederländischer Kollege muss die Italienerin Veronica Appeddu einige Konzentration in die richtige Aussprache investieren. Vom Typ her als Sarah goldrichtig besetzt, wird man unter rein vokalen Gesichtspunkten allerdings nicht durchweg glücklich mit ihr. Da gab es schon intonationssicherere Rollenvertreterinnen, die sich an Jim Steinmans Nummern versucht haben.

Die unterhaltsame Mischung aus Musicalballaden, Wagner-Zitaten und rockigen Achtzigerjahre-Hits wie „Total Eclipse of the Heart“ und „Tonight is what it means to be young“, die Autor Michael Kunze unter neuen Texten versteckt hat, verfehlt nur selten ihre Wirkung. Vor allem dann, wenn das energiegeladene Ensemble in Dennis Callahans temporeichen Choreografien über die Bühne fegen darf. Da liegt die Messlatte für folgende Produktionen nicht gerade tief. Doch bis Mitte Januar ist nun erst einmal das Zeitalter der Vampire im Deutschen Theater angebrochen. Für Musicalfans ein Pflichttermin!

(Weitere Vorstellungen: bis 15. Januar 2017; Telefon 089/ 55 234 444.)

Tobias Hell

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