Deutschkurs am Flughafen

- Man kann nicht anders, als unmittelbar auf sie aufmerksam werden, wenn sie tanzt: die herb-aparte Spanierin Monica Gomis, ob in Micha Puruckers Company, zu der sie seit 2000 als festes Mitglied gehört, oder in anderen freien Produktionen. Und da ist in ihrer drahtigen Bewegung immer auch eine markante Eigenwilligkeit - in der sich schon vor zwei Jahren eine kreative Unruhe ankündigte. Es überrascht also nicht, dass sie sich nun selbst als Choreographin versucht. Kleinere Soli und ein Ende Juli im i-camp herausgebrachtes Stück für drei Tänzer sind erste Ergebnisse, die hoffen lassen.

<P>Abenteuerlich, wie sie von ihrem Heimatort Alcoy im spanischen Alicante über transatlantische Ausflüge in München ihre vorläufige Wahlheimat gefunden hat. Was aber schon wieder ganz normal ist für jemanden, der den Tanz als Beruf gewählt hat. Dass Tänzer, diese unermüdlichen Dauer-Migranten, zwischen vielen Kulturen leben, auch zwischen Sprach-Hürden, hat Gomis gleich in diesem ersten abendfüllenden Stück "Dilo - sag es besser 2mal - can you say it again?" zum Thema gemacht.<BR><BR>Eigene Erfahrungen waren da konkrete Ausgangsbasis. Beispiel Sã~o Paulo: "Die Brasilianer haben zwar mein Spanisch verstanden, ich aber nicht deren Portugiesisch. Und existenziell ist es dort sehr schwierig. Es gibt so viele arme Leute. Die Tänzer in den Compagnien tanzen umsonst." Und von Seoul, wo sie letztes Jahr an der Korean National University of the Arts Gastpädagogin war, meint sie: "Das waren vier schwierige Monate. Ich habe dort per Zufall einen spanischen Tänzer getroffen. Als der abreiste, war ich vollkommen allein. Die Koreaner sind zwar sehr freundlich, aber man bleibt doch fremd in diesem Land."<BR><BR>Brennende Tanzwünsche schon mit dreieinhalb</P><P>München war übrigens nach ihrer Ballettausbildung und einer Saison in der neoklassischen Truppe Dansomania in Valencia 1992 sogar der erste Auslands-Stopp: "Ich habe beim Staatsballett vorgetanzt - und war gleich nach der ersten Runde draußen", lacht sie jetzt. Damals jedoch war sie deprimiert, wollte mit dem Tanzen ganz aufhören. Ihre Eltern, bodenständige Geschäftsleute, hätten liebend gerne ein solides Studium finanziert.<BR><BR>Aber Monica, die abenteuerlustigste im Gomis-Töchter-Quartett, jobbt sich in Freising durch España-Restaurants und Flughafen-Shops, "um wenigstens richtig Deutsch zu lernen". Bis ihr rein zufällig auf der Straße Manfred Kröll, Performer aus der hiesigen Szene, eine Workshop-Werbung in die Hand drückt: "Die Iwanson-Schule bot Kompakt-Kurse in modernem und zeitgenössischem Stil an. Ich hatte von Zeitgenössisch damals keine Ahnung", gesteht sie freimütig.<BR><BR>Diese für sie neue Disziplin vertieft sie ein halbes Jahr lang am Laban Institute in New York. "Für ein volles Studium in Authentic Movement brauchte ich allerdings zwei Jahre Psychologie. New York war mir aber physisch zu anstrengend, auch zu teuer. Und dann ein Studium in der fremden Sprache . . . Also bin ich zurück, an die Uni in Barcelona." Doch wer schon mit dreieinhalb (!) die Eltern und eine Ballettschul-Direktorin genervt hat wegen brennender Tanzwünsche, den hält es nicht lange auf den Bänken der Akademie.<BR><BR>Schicksal oder nicht, Monica Gomis landet nach ihrem brasilianischen Abstecher doch wieder in München, genauer: im letzten Ausbildungsjahr der Iwanson-Schule. Danach wird sie von Purucker engagiert: "Von ihm habe ich viel gelernt, wichtige Dinge. Er gibt keine technischen Korrekturen, sondern zielt direkt auf die Motivation, von woher die Bewegung kommt. Dann kommt die Form schon." Studiert und Workshops gemacht hat sie während ihrer Wanderschaften bei vielen Lehrern, unter anderem auch bei der berühmten Postmodernen Trisha Brown.<BR><BR>Vorbilder unter den Koryphäen? "Ich muss mir selbst Vorbild sein", ist die sehr direkte Antwort. "Ich schaue gerne andere Choreographen an, finde auch einzelne Dinge interessant. Und wenn ich für jemanden tanze, respektiere ich voll dessen Vorstellungen. Ich sehe aber die Sache oft ganz anders. Daran habe ich überhaupt erst gemerkt, dass ich selbst choreographieren muss." Superstress sei's allerdings schon. Und ist erleichtert, dass sie jetzt erst mal wieder nur Tänzerin zu sein braucht, auf Tournee mit Purucker und in einem neuen Stück von Ludger Orlok (Premiere im September). Im Dezember wird man dann ein zweites Stück von ihr sehen. Man bleibt gespannt.<BR></P><P> </P>

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