Mit Deutschland arbeiten

München - Konzeptionell, spröde, minimalistisch - so erscheint die Kunst von Liam Gillick. Jetzt wurde ausgerechnet der Brite damit beauftragt, den deutschen Pavillon für die Biennale in Venedig 2009 zu gestalten.

Während die einen geschockt waren, feiert die Kunstwelt den Revolutionär mit weltweiten Ausstellungen. In München macht Gillick nun im Kunstverein mit dem dritten Teil seiner Retrospektive Station.

-Was erwartet uns in München?

Ein kurzes Theaterstück, das meine letzten 20 Jahre verbindet mit den Menschen hier und ihren Ideen. Mehrmals die Woche gibt es Aufführungen. Wir dokumentieren alle Prozesse für einen Film. Im Gegensatz zu sonstigen Ausstellungen fangen wir aber hier erst mit der Arbeit an.

-Sie fordern normalerweise den Veranstalter zur Mitarbeit auf.

Ich habe Kunstvereins-Direktor Stefan Kalmár beauftragt, Schauspieler für das Stück zu suchen und mich gezwungen, mit diesen fremden Leuten etwas zu produzieren. Das ist nicht einfach. Schauspieler und Kuratoren müssen aber auch einen Bezug zueinander entwickeln und die nächsten Wochen damit auskommen, wenn ich schon weg bin.

-Dann weiß also keiner, was auf das Publikum zukommt. Steht man vielleicht vor leeren Räumen? Überfordern oder schockieren Sie damit nicht?

Die Schauspieler wissen, wie man mit einem vielschichtigen Publikum umgeht. Ich vertraue auf die Zuschauer, die sind neugierig und kennen so viel, die werden die Produktion zulassen. Ich will weder didaktisch sein noch jemanden bevormunden. Eventuelle Unvollkommenheit im Stück macht mir keine Sorgen.

-Sie setzen viel Vertrauen in die Münchner. Was zeichnet sie denn aus?

Ich habe München immer als einen interessanten Platz empfunden. Weil es ein Ort der Museen ist, aber vor allem, weil Leute aus der ganzen Welt hierher kommen. Die Menschen haben hier alles, aber sie wollen mehr und gehen in die Welt hinaus. Das kenne ich von keiner anderen Stadt.

-In Venedig werden Sie bei der Biennale zum Repräsentanten Deutschlands. Wie haben Sie auf den Auftrag reagiert?

Ich hätte mir nichts Profunderes und Komplizierteres vorstellen können. Ich habe keine Sekunde gezögert, diese tolle Aufgabe anzunehmen. Deswegen habe ich den Kurator Nicolaus Schafhausen gebeten, sich das Angebot wegen seiner Ernsthaftigkeit einen Monat lang zu überlegen. Die Pavillon-Idee ist für mich kein politisches Projekt, sondern lässt viel Autonomie und Freiheit. Ich sehe mich als Symbol dafür, wie man in und mit Deutschland arbeiten kann.

-Erwartet wird nun, dass Sie in Venedig etwas Unkonventionelles zeigen.

Ich habe mich viel mit der Architektur und meinen Vorgängern beschäftigt. Man muss jetzt die Kommunikation zwischen den Leuten und den Ausstellungsorten fördern. Damit meine ich, nicht mehr Geschichte aufbereiten, sondern Projektionen der Zukunft zu bieten. Nun ist der Moment gekommen, klar und didaktisch zu sein.

-Das klingt ja fast konventionell.

Ich will kein Event, keine Utopia-Station. Es ist noch nicht an der Zeit, eine Teestunde hier zu zelebrieren. Das muss etwas anderes werden, aber ich weiß noch nicht, was. Eine seltsame Situation, und das ist das Spannende dabei: Wenn ich gedacht habe, ich bin gut im Verweigern, verweigere ich nun genau das.

-Mit Ihren Ausstellungen und diesem Auftrag werden Sie aber auch zu einer jener Institutionen, denen Sie sich verweigern.

Richtig. Aber meine Arbeit beinhaltet genau diese Fragestellung. Die Projekte erlauben mir, trotzdem weiterzuarbeiten. Das ergibt Sinn - bis es mich in den Wahnsinn treibt.

Das Gespräch führte Freia Oliv

Ausstellung:

27. September bis 16. November (Galeriestr. 4), Theaterpremiere: 28. September; Tel. 089/ 22 11 52 15.

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