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Hildegard Knef.

Zum 90. Geburtstag

Deutschlands letzte Diva: Musiker erinnern an Hildegard Knef

München - Diesen Montag wäre die Knef 90 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass haben 19 deutsche Mainstream-Musiker jeweils einen ihrer Songs neu interpretiert: Hommage und Merkur-CD-Kritik.

Was sie nicht alles war: berühmt-berüchtigte Schauspielerin, Bestsellerautorin, Grande Dame des Chansons. Auch Femme fatale, Freiheitsliebende, ja, Deutschlands letzte Diva. Eine Jahrhundertfrau. So vielseitig Hildegard Knef in Erscheinung trat, so illuster sind nun auch die Gäste auf ihrer Geburtstagsparty. Diesen Montag wäre die Knef 90 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass haben 19 deutsche Mainstream-Musiker jeweils einen ihrer Songs neu interpretiert. Modernisiert. Verrockt. Nicht kopiert, manchmal sogar umgeschrieben. Und vielfach leider auch entzaubert.

Gestandene Künstler wie die Fantastischen Vier und Bela B. sind dabei, aber vor allem junge wie Mark Forster und Cäthe, die zu Hildegard Knefs sängerischer Glanzzeit in den Sechziger- und Siebzigerjahren noch gar nicht auf der Welt waren. Sie sollen die Klassiker wohl einem neuen Zielpublikum schmackhaft machen. Auch drei bisher unveröffentlichte Gedichte der Ende 1925 in Ulm geborenen Wahl-Berlinerin sind erstmals vertont worden. Kann das gut gehen? Kann überhaupt einer von den Jungspunden der Knef das Wasser reichen, der laut Ella Fitzgerald „größten Sängerin ohne Stimme“? Kommt irgend jemand an den Klang ihres rauchigen Organs heran, mit dem sie spröde, aber sensibel, voller Selbstbewusstsein, Tiefgang und ironischem Witz ihre Lieder vortrug?

Natürlich nicht! Dass ihre Schnauze und ihr Sentiment einmalig sind, wird vor allem in der Deluxe-Version deutlich, auf der die Titel auch im Original erklingen. Und trotzdem sind auf der Platte einige Perlen zu finden. Clueso macht in „Cello“-Manier „Ich bin zu müde, um schlafen zu gehen“ zu einem wunderbaren Mix aus Klavierballade, Bar-Jazz und Hip-Hop. Während Samy Deluxe cool mit Hilde aus der Konserve „Von nun an ging’s bergab“ rappt, nervt Dendemann mit seinem „Duettversuch“. Nisse gibt einem bisher unveröffentlichten Text einen treibenden Beat, das Hamburger Frauenquartett Salut Salon dem Song „Lass mich bei dir sein“ ein kammermusikalisches Gewand – zwei echte Entdeckungen. Auch Johannes Oerding überrascht schunkelnd.

Dagegen verrappen sich Fanta 4 etwas, verirrt sich Flo Mega im Düsterrock. Und Newcomerin Alina, schon in diversen Musikpublikationen als „neue Knef“ bezeichnet, singt ganz am Schluss gerade den Überhit „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ zwar solide, aber ohne Ausstrahlung, Glaubwürdigkeit, ohne Rauch. Wie soll sie das auch? Eine so junge Sängerin ist mit Hildegard Knefs optimistisch-ironischem Erkennungslied zwangsläufig zum Scheitern verdammt.

Die Diva war 1968, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung also und mit 43 Jahren, schon doppelt so reich an Lebenserfahrung wie Alina. Damals hatte sie gerade ihre Tochter Christina Antonia von ihrem zweiten Mann geboren. Ihre erste von drei Ehen, die mit dem US-Filmoffizier Kurt Hirsch, mit dem sie in die USA ging, war da schon lange vorbei. Genauso ihre holprige Hollywood-Karriere. Man hatte sie im Nachkriegs-Kinohit „Die Mörder sind unter uns“ entdeckt, für ihre frühe Rolle in „Film ohne Titel“ 1948 in Locarno erstmals ausgezeichnet, für „Die Sünderin“ 1951 in Deutschland verbal gesteinigt und am Broadway wieder hoch leben lassen. Im Jahr 1962 startete Hildegard Knef endgültig als Chansonsängerin durch. Ihre erste, gleich erfolgreiche Single „Er war nie ein Kavalier“ ist jedoch nicht auf dem jetzigen Tribute-Album zu hören.

Hoch und runter, zwischen Drama, Flop und Triumph, Deutschland und den USA, immer hin und her ging es für Hildegard Knef auch nach ihrem Rosen-Hit, den sie 1992 übrigens mit der Neuen-Deutschen-Welle-Band Extrabreit nochmals aufnahm. 1970 veröffentlichte sie ihren autobiografischen Bestseller „Der geschenkte Gaul“. Nach mehreren Skandaljahren und Boulevardkrieg begeisterte sie in „Cabaret“ in Berlin.

1999 spielte sie mit Jazztrompeter Till Brönner ihr letztes Album ein, bevor sie am 1. Februar 2002 mit 76 Jahren nach langer Krebskrankheit an einer Lungenentzündung starb. Unvergessen ist sie bis heute. 2009 kam der Film „Hilde“ mit Heike Makatsch in die Kinos. Nun also das Album „Für Hilde“ in die Plattenläden. Trotz aller Schwächen ein zumindest interessantes, stilistisch vielfältiges Projekt.

„Für Hilde“,

(Four Music).

Marco Mach

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