Diagramm der Leidenschaft

- Man soll nicht schlafende Hunde wecken. Die Gefühle tief im Verborgenen ruhen lassen. Dann findet der Mensch zwar nicht zu sich selbst, aber es bleibt die Scheinordnung des Lebens gewahrt. Wird diese Regel missachtet, die gesellschaftliche Verabredung zwischen den Menschen aufgehoben, zum Beispiel durch die schicksalhaft hereinbrechende Liebe, steht alles auf dem Spiel. Ein Todesspiel. Das jedenfalls hat Jean Racine (1639-1699) so gesehen und hat mit seinem Stück "Phädra" (1677) das dramatische Modell dazu geschaffen.

<P>Wenn sich im Münchner Residenztheater der Vorhang zu dieser französischen Tragödie langsam hebt, liegt auf der Bühne ein edler Setter. Eine junge, schwarz gekleidete Dienerin betritt die Bühne, "weckt" das Tier und führt es hinaus. Ein von Regisseurin Barbara Frey gesetztes Symbol für den nun folgenden, ungebremsten Kampf des Gefühls mit der Vernunft. Gewinner ist das Theater, ist die Regisseurin, sind die Schauspieler. Und das Publikum hat den Profit. Vorausgesetzt, es ist bereit, sich in absoluter Konzentration diesem Diagramm der Leidenschaft hinzugeben. In dieser Aufführung begegnen uns die Racine'schen Charaktere so pur, dass man gebannt ihrer unausweichlichen Selbstzerstörung zuhört - und zuschaut. Ausgeliefert der Liebe und dem Mythos, denn die Figuren entlieh der Franzose Racine dem attischen Euripides und dem Personal der griechischen Antike.</P><P>"Diene meinem Wahn, nicht meiner Einsicht."<BR>Phädra</P><P>Barbara Frey hat ein hervorragendes Ensemble um sich versammelt; gleichberechtigt jeder Einzelne. Keiner brilliert, trumpft auf, sahnt ab; jeder stellt sich in äußerster Strenge mit sich selbst in den Dienst seiner Rolle. Die Bühne von Bettina Meyer: ein heller Raum zwischen Hotelhalle, Königspalast und antikem Tempel. Sofas und Sessel, Beitische und Stehlampen. Ein Durchgangs-Ort. Genug Platz, auszuweichen oder sich zu verbergen, zu verstecken. Sich in einem der Polster schamvoll in sich selbst zu verkriechen.</P><P>Wie es gleich zu Beginn Hippolytos versucht. Christian Nickel spielt mit sympathischer Zurückhaltung diesen unglücklichen Königssohn. Ein schneidiger, schicker Junge, elegant in Reitstiefeln und braunem Sportanzug. In seinem Wesen aber unsicher, unerfahren, verlegen. Nur manchmal, wenn er seinem Erzieher Theramenes zuhört, dem der alte Richard Beek erst im Verlauf des Abends seine besondere Aura verleiht, zaubert Nickel Anflüge eines zarten Lächelns auf Hippolytos' Züge. Ihm, der einzigen positiven Figur, gehört denn auch unsere Sympathie: wenn ihn etwa Phädras eindeutiges Angebot aus der Fassung bringt, so sehr, dass er sich ihrer körperlichen Annäherung und ihrem Beinahe-Kuss kaum entziehen kann. Oder wenn er scheu um die von Lisa Wagner selbstbewusst gestaltete Arikia wirbt. Und schließlich wenn er durch den Vater, den er liebt, verdächtigt und gedemütigt wird - und dennoch stolz in den Tod geht.</P><P>Wie vielschichtig das Verhältnis von Vater und Sohn ist, wird in dem Moment deutlich, da der große Lambert Hamel als Theseus von dem vermeintlich blutschänderischen Betrug Hippolytos' erfährt. Bedrohlich nah tritt er, der Unnahbare, der Machtmensch, an ihn heran, tastet, einen Moment seiner nicht mächtig, mit seinen Händen liebend das Gesicht des Sohnes ab, um das Unfassbare zu fassen - bevor er ihn davonjagt und sich stieren Blicks in dem ihm vorbehaltenen gelben Sessel gegen den Schmerz der Vaterliebe verschließt.</P><P>Hier sind die Männer die Opfer der Liebe. Der zerstörerischen Liebe zweier radikaler Frauen. Eine der beiden ist Önone, die bei der imponierend starken Juliane Köhler einerseits die politisch denkende und taktierende, kluge Beraterin Phädras ist, andererseits die ihr in erotischer Liebe verbundene Vertraute. Darin liegt ihre Tragik. Das Geständnis Phädras, den Stiefsohn zu begehren, quittiert Juliane Köhler mit aus den Tiefen ihres Innern heraufsteigenden Lauten des Abscheus, als wolle sie sich übergeben. Dann hört sie, während ihr Tränen übers schöne, offene Gesicht rinnen, demütig die Beichte ihrer Königin. Und für einen sehr berührenden Moment wird die zärtlich-innige Übereinstimmung der Frauen sichtbar.</P><P>"Hier ist mein Herz, hier musst du treffen."<BR>Phädra</P><P>Sibylle Canonica spielt die durch die Macht der Liebe gequälte Königin. Wie sie das tut, ist absolut sehenswert, hat menschliche Größe. Auch sie, wie übrigens alle anderen, körperlich gebeugt durch die Wucht des Schicksals. Mit jedem Auftritt, jedem Monolog offenbart Canonica eine andere Stufe ihres inneren Zustands: die Befreiung durch das Liebesgeständnis und die sich daraus ergebende innere Ruhe sowie das Wissen um die Unaufhaltbarkeit des Todes. Dann das unverhohlene Werben um Hippolytos, bei dem sie dreist, verführerisch und durchaus anzüglich auf der Sofalehne dem Geliebten immer näher rutscht; den sie mit Worten der Liebe bedrängt, als legte sie Fesseln um ihn. Wenig später ihre Ohnmacht, ausgelöst durch die Nachricht, dass Hippolytos eine andere liebt. Ein Moment, der sie erstmals Theseus körperlich nah sein lässt, denn er fängt sie in seinen Armen auf. Danach ihr Lachen der Verzweiflung. Ihre Vulgarität in der Eifersucht. Eine Furie gegen Önone, von der sie schließlich zu Boden gezwungen wird. Und am Ende, das Gift schon in den Adern, die Milde zu Theseus, bevor sie sich zum Sterben in des alten Theramenes' Schoß beugt.</P><P>Ein hochkonzentrierter Theaterabend. Schauspieler, die bar bezahlen. Eine Regisseurin, die intelligent das Stück befragt und mit ihrer theatralisch-sinnlich-klugen Antwort das Drama in die Gegenwart holt. Nach "Onkel Wanja" ist "Phädra" der zweite Münchner Triumph der Barbara Frey. Großer, verdienter Beifall - für alle.</P>

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