Ich bin die Diana, keine Göttin

München - "Ariadne"-Premiere: Diana Damrau über ihre Karriere, die Beziehung zum Publikum und Psychotherapie mit Rossini.

Zweifellos: Sie ist eine Lust-Sängerin. Spaß, Sinnlichkeit, vor allem das Genießen der eigenen Stimme, all das blitzt bei Diana Damrau aus jeder Sechzehntelnote. Überdies verfügt sie über eine Technik, die sie mühelos in vokale Stratosphären trägt. Mittlerweile ist die gebürtige Günzburgerin, Merkur-Theaterpreisträgerin und Wahl-Wienerin, in den internationalen Opern-Olymp vorgedrungen. Bei den Münchner Opernfestspielen wird sie in Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" als Zerbinetta zu erleben sein. Premiere ist am 24. Juli im Prinzregententheater, Kent Nagano dirigiert, Robert Carsen führt Regie.

Nach Doris Dörries Affen-"Rigoletto" ist das erst Ihre zweite Münchner Premiere. Haben Sie die erste schon verdrängt?

(lacht laut) Nein. Ich habe Erinnerungen daran.

Welche?

(anhaltendes Lachen, keine Antwort).

Hat die Zerbinetta viel mit Ihnen zu tun?

Zerbinetta hat mit jeder Frau zu tun. Zunächst einmal ist sie der Mount Everest für jeden Koloratursopran. Dann hat sie aber auch diese lyrische Komponente: Tiefe und Herz. Sie lässt nichts anbrennen, hat allerdings schon viel mitgemacht mit dem männlichen Geschlecht und einige Enttäuschungen erlebt.

Sie haben gerade im Dresdner "Rigoletto" gesungen, im Herbst folgt "Lucia di Lammermoor" an der Met: Hatten Sie als Deutsche nie Probleme damit, international fürs italienische Fach engagiert zu werden?

Nein. Ich bin keine Schubladen-Sängerin. Ich schau', was meiner Stimme gut tut. Schon während meiner Festengagements konnte ich französisches und italienisches Repertoire zeigen. Das war mein Glück. Wenn man an der Sprache arbeitet, wird man auch dafür engagiert.

Lernen Sie eigentlich schnell?

Ja. Zuhause am Klavier. Bevor ich auf einen Pianisten losgehe, übe ich das erst alles für mich. Wenn ich einen Coach hinzuziehe, müssen Töne und Phrasen sitzen.

Was macht den Strauss-Gesang aus?

Man braucht eine absolut flexible, höhensichere Stimme. Bei Strauss gibt es diesen ganz besonderen Schwung. Töne können auch mehr aufblühen. Kurz gesagt: Man darf ein bisserl Schmalz auftragen.

Sie haben mal gesagt: Wenn ich auf Sardinien bade, interessieren sich keine Paparazzi dafür. Hat sich das geändert? Sie können doch nicht mehr unerkannt durch Wien gehen.

Als ich das letzte Mal auf Sardinien war, da war ich neun (lacht). Opernfans sind ja nicht so wie Groupies. Es ist wichtig, dass man Kontakt zum Publikum hält und sich nicht auf den hohen Sockel stellt. Wir Sänger müssen und dürfen ständig mit dem Publikum kommunizieren. Das läuft über eine sehr emotionale Schiene. Ich lass' mich selber ja auch von der Bühnensituation immer wieder gefangen nehmen.

Haben Sie Angst davor, dass das aufhört?

Ja. Ich habe mir geschworen: Wenn ich auf der Bühne nur noch abliefere, gehe ich in mich oder höre gleich auf. Ich brauche auch keine halbstündigen Ovationen oder Blumenmeere.

Sagen Sie das nicht, dann bekommen Sie keine mehr.

Oh Gott, stimmt. Ich meine halt: Die Menschen sollen berührt werden. Darauf will ich mit dem Singen hinaus.

Die Kehrseite der Sache ist: Für sich selbst hat man immer weniger Zeit. Und wenn man sich dann nur noch über den Beruf definiert?

Die Gefahr besteht gerade bei uns Sängern durch die vielen Reisen und die wahnsinnig enge Terminplanung. Wenn dann eine Partnerschaft in die Brüche geht, kommt man schon ins Überlegen: Welche Freiräume bleiben mir eigentlich? Wie und wann kann ich überhaupt jemanden kennenlernen? Manchmal ist es ziemlich anstrengend nach einer Vorstellung. Wenn Freunde von überall her angereist kommen und sich denken: Nach dem Schlussakkord hat sie ja Zeit für uns, da gehen wir essen und so weiter. O.K., das Adrenalin ist noch da, aber am nächsten Tag ist man total zerstört. Das sollte man auch immer bedenken, wenn der Freundeskreis dauernd eine Scheibe von einem haben will. Man muss nein sagen lernen.

Christa Ludwig meinte im Interview mit unserer Zeitung: Als Sänger lebt man ständig in der Scheinwelt Oper. Das ist einerseits schön, andererseits auch gefährlich, weil man realitätsblind wird.

Also noch kann ich die Theaterrealität von der Wirklichkeit unterscheiden. Was ich allerdings feststelle: Man findet bei den Rollen immer wieder, oft unerwartet, Berührungspunkte mit der eigenen Situation. Das kann dabei helfen, bestimmte Dinge zu verarbeiten. Während der Trennung von meinem Freund hatte ich große Probleme loszulassen. Im "Barbier von Sevilla" gibt es ja diese zweite Arie der Rosina, in der sie singt: Du bist meine einzige Hoffnung, du musst mir da raushelfen. Rosina macht in diesem Moment auf und gibt sich dem neuen Mann hin. Als ich für eine Neuproduktion des "Barbier" probte, konnte ich diese Arie irgendwie nicht singen. Es hakte. Ich wusste nicht warum. Da sagte der Regisseur: Komm', lass' uns was trinken gehen. Und dann haben wir mit dem Stück Psychotherapie betrieben. So etwas ist mir vorher noch nie passiert.

Wer an der Met "Lucia" singt, ist ganz oben. Ist einem das wirklich bewusst? Oder wachen Sie manchmal morgens auf und sagen sich: Wahnsinn, ein Traum?

Das passiert mir schon. Ich weiß noch, wie ich während eines Urlaubs mit Freunden zwei Tage in New York war. Damals sagte ich: Ich verlasse die Stadt nicht, bevor ich nicht an der Met war. Wir sind hin, haben am Brunnen Fotos gemacht. Damals studierte ich noch Gesang. Und jetzt: Wow!

Ging's Ihnen zu schnell?

Nein. Ich bin jetzt zwölf Jahre auf der Bühne. Sicher ging alles schnell, aber nicht zu schnell. Ich habe jedes Stadium meiner gesanglichen Entwicklung wirklich voll ausgeschöpft und war damit auch zufrieden. Viele junge Sänger sind das nicht, die wollen immer gleich alles haben. Und versuchen sich das manchmal durch Connections zu erschleichen. Letztlich muss man sich aber auf der Bühne beweisen und mit sich klarkommen. Ich glaube, dass ich einen gesunden Menschenverstand bewahrt habe. Ich bin die Diana, keine Göttin.

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