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„Der Anschlag selbst ist die Nebensache. Worüber der Film wirklich spricht, sind die Hinterbliebenen“, sagt Diane Kruger über „Aus dem Nichts“. Sie spielt in Fatih Akins Drama Katja Sekerci, deren Familie ermordet wird.

Interview zum Kinostart von Deutschlands Oscar-Beitrag „Aus dem Nichts“

Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“

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Es sei die intensivste Rolle ihrer bisherigen Karriere gewesen, sagt Diane Kruger. Belohnt wurde die 41-jährige Deutsche, die seit 25 Jahren in den USA lebt, in diesem Jahr in Cannes: für ihren Part in Fatih Akins „Aus dem Nichts“ wurde sie mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. Beim Interview in Berlin zeigt sie sich noch immer tief berührt von dieser Geschichte über eine Frau, die den Tod ihres ermordeten Mannes und Sohnes rächen will.

-Sie spielen die Trauer, die Wut, die Verzweiflung phänomenal. Wie haben Sie in die Rolle gefunden?

Es war ein Herantasten. Fast sechs Monate habe ich mich auf den Film vorbereitet. Ich habe Selbsthilfegruppen besucht, in denen ich Menschen kennenlernte, die durch brutalen Mord Familienmitglieder verloren haben. Das hat meine Sicht auf das Leben grundlegend verändert.

-Inwiefern?

Ich habe mich sehr klein gefühlt. Sie alle hatten diese Wut, dass ihnen ihr Leben von einer Sekunde auf die andere weggerissen wurde. Ich habe ganz tief gespürt: Ich kann mich nie wieder beschweren, weil mir so etwas nie passiert ist. Mir ist der Wert des Seins, des im Moment-Seins sehr bewusst geworden.

-Sie sind eigentlich eine sehr glamouröse Erscheinung. In „Aus dem Nichts“ stellen Sie eine Allerweltsfigur kraftvoll dar. Eine Herausforderung?

Sagen wir so: Es ist die hässliche Wahrheit. So sehe ich ungeschminkt aus! (Lacht.)Fatih und ich haben das Aussehen der Figur Katja Sekerci gemeinsam kreiert, wie sie die Haare trägt, ihren Stil. Ich bin mit Katjas aufgewachsen, ich kenne Katja aus meinem Leben. Und ich selber schätze mich nicht als sehr glamourös ein. Aber klar, durch gewisse Rollen wie die Helena in „Troja“ sieht man mich gern in der Aufmachung der Königin. Doch im wirklichen Leben sehe ich mehr aus wie Katja!

-„Aus dem Nichts“ scheint wie eine weitere Stufe in Ihrer Karriere. Ziehen Sie manchmal Bilanz und denken: Das will ich noch erreichen?

Nein, ich habe noch nie Bilanz gezogen. Das Leben hat mich in Ecken gebracht, die ich mir nie hätte vorstellen können, von denen zu träumen ich mich nicht getraut hätte. Ich möchte nicht wissen, was nächste Woche passiert.

-Das heißt, Sie träumen auch nicht schon von der Oscarverleihung?

(Lacht.)Neee! Ganz bestimmt nicht!

-Sind Sie abergläubisch und sagen: Lieber nicht drüber sprechen und stattdessen schauen, was passiert?

Wissen Sie, für mich habe ich den Oscar schon gewonnen, in Cannes. Tatsächlich in Hollywood zu gewinnen, würde ich dem Film wünschen, damit er über die ganze Welt noch mehr Aufmerksamkeit erhält. Durch Cannes haben wir so viel Licht auf den Film bekommen, und der Oscar würde bedeuten, dass ihn noch mehr Menschen im Ausland sehen. Mehr ist es in dem Sinne nicht.

-Apropos Hollywood: Wie stehen Sie zum Skandal um Harvey Weinstein?

Oh, ich kenne Harvey, ich kenne ihn schon, seit ich 18 bin... (verzieht die Miene und lacht abfällig). Ich weiß, wie er ist. Soll ich Ihnen was sagen: Alle wussten, was da los ist. Alle. Und keiner hat was gesagt. Und es ist nicht nur Weinstein. Ich war früher Fotomodell und ich kann Ihnen sagen, das war genauso schlimm, wenn nicht schlimmer mit Modefotografen. Dass das auf einmal so rauskommt, ist, glaube ich, ein riesiger Schritt nach vorn für uns Frauen. Nicht nur für uns Frauen, es betrifft ja auch Männer. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass sich jetzt etwas ändern wird.

-Wie haben Sie sich vor tatsächlichen Übergriffen geschützt?

Indem ich mir gesagt habe, dass mir meine Person wichtiger ist als mein Job. Ich komme aus Deutschland – auch wenn ich aus keiner reichen Familie komme, ich hätte zurück zur Schule gehen können und vielleicht eine andere Karriere gemacht, wenn jemand gesagt hätte: „Ich nehm dich nicht.“ Aber wenn Sie aus Russland kommen und das ist Ihr einziges Ticket zum Leben, dann ist das schon wieder was anderes. Das ist das Problem.

-Zurück zu „Aus dem Nichts“. Der Film ist angelehnt an die NSU-Morde. Doch es geht nicht um die Täter, sondern um die Opfer.

Ja, das ist genau seine Stärke. Eigentlich ist es ein Film über Trauer. Der Anschlag selbst ist die Nebensache. Worüber der Film wirklich spricht, sind die Menschen, die Hinterbliebenen. Darüber wird nicht genug geredet. Was mich so an dem Drehbuch gereizt hat, war Katja. Weil ich mich selbst ertappe, dass ich, wenn ich im Fernsehen von zehn Toten bei einem Anschlag höre, als Erstes denke: Wer ist der Täter? Und dann las ich das Drehbuch und dachte: Mann ey, ich habe noch nie eine Geschichte gehört von jemandem, der damit leben muss. Das ist stark.

-Sie sagten, Sie hätten den Film einmal angeschaut und wollen es dabei belassen. Warum?

Weil ich das Gefühl habe, ich bin nackt. Ich weiß, wie emotional ich war, als ich das gespielt habe, in dieser Zeit ist auch mein Stiefvater gestorben. Ich habe lange gebraucht, um aus der Dunkelheit herauszukommen. Ich möchte das nicht noch einmal durchleben.

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