Dichtes Fluidum

- Sepiabraune Fotos wie aus einem alten Familienalbum geleiten den Besucher des Museums Villa Stuck in die Schau "L'Art Nouveau - La Maison Bing". Diese Galerie, die die "Neue Kunst", also den französischen Jugendstil, forcierte und prägte, wurde 1895 in Paris eröffnet. Von dem auffälligen Portal mit zwei buschigen Sonnenblumen-Säulen, von den Türgittern, die als Schilfblätter mit Schwanenkopf-geschwungenen Enden gearbeitet waren, von den weitläufigen Innenräumen sind nur alte Aufnahmen geblieben. Groß aufgezogen an den Wänden des ersten Ausstellungssaals der Stuck-Villa erinnern sie an einen Hamburger in Paris.

<P class=MsoNormal>Siegfried Bing wurde 1838 geboren. Seine Familie verkaufte Porzellan und Interieur. Durch seinen Vater, der in Saint-Genou eine Porzellanmanufaktur betrieb, kam er in den 1850er-Jahren nach Frankreich. Später, als er sein eigenes Geschäft hatte, spezialisierte er sich auf Kunst und Kunstgewerbe aus China und Japan. Eine Reise nach Japan schärfte das Qualitätsbewusstsein. Keramiken, Kämme, Seidenstickereien und Bronzen erzählen davon. Und: Sein Engagement ging einher mit der Avantgarde, die ihre ästhetischen Fähigkeiten zum Beispiel am japanischen Farbholzschnitt schärfte. Deswegen ist in der Schau auch ein ganzer Satz dieser in ihrer klugen Selbstverständlichkeit beeindruckenden Blätter zu sehen. Einst hatte sie Vincent van Gogh gekauft. </P><P class=MsoNormal>Französischer Jugendstil</P><P class=MsoNormal>Einen weiteren Anstoß bekam Bing, nachdem er in den USA Louis Comfort Tiffanys Glaskunst entdeckte. Daheim beauftragte er sofort Künstler wie Toulouse-Lautrec oder Vuillard, Entwürfe für Glasmalerei zu machen. Ein Karton von Felix Vallotton zeigt in starken Juwelenfarben, zugleich schlitzohrig-witzig zwei Pariserinnen. Aufgetakelt stolzieren sie einher, die Pausbacken umschlungen von üppigster Federboa oder riesigem Blütenkragen. Bei all seinen Aktivitäten - Bing kaufte ja auf der ganzen Welt feinstes Kunsthandwerk - wurde ihm klar, dass er auch eine einheitliche Bing-Linie herausbringen musste. Möbel, Schmuck und Ausstattungsgegenstände wurden in einem eigenen Atelier von Georges de Feure, Edward Colonna und Eugè`ne Gaillard entwickelt. Mit dem Pavillon "Art Nouveau Bing" überzeugte er 1900 auf der Pariser Weltausstellung. 1904 überließ er das Geschäft seinem Sohn Marcel. Ein Jahr später starb Siegfried Bing.</P><P class=MsoNormal>Das Van Gogh Museum Amsterdam und das Pariser Musé´e des Arts decoratifs konzipierten diese Exposition, die mit über 350 Exponaten bisher umfassendste. In den nüchternen Ausstellungsräumen des Museums Villa Stuck (ganz im Gegensatz zu den gerade restaurierten Zimmern Franz von Stucks; wir berichteten) wird Bings Jugendstil-Geflecht fein säuberlich zerlegt und dargestellt: von den herausragenden Ostasiatika über Bilder zwischen Salonmalerei und Edvard Munch, Plastiken, Stoffe, Steingut bis hin zu den Möbeln. Das ist gut fürs Verständnis, streicht das Spezifische der Stücke heraus, geht aber auf Kosten des Fluidums, des "Gesamtkunstwerks". So kühl wollte La maison Bing eben gerade nicht sein, auch wenn es in alle Welt verkaufte, also alles "zerstreute". Schade, dass kaum jemand heutzutage ein richtig atmosphärisch dichtes "Environment" wagt. </P><P class=MsoNormal>Natürlich sprechen die exzellenten Exponate auch so für Siegfried Bings Idee. Da sind zum Beispiel Vasen-Unikate, darunter "Die violette Trauer der Herbstzeitlosen" der Daum-Brüder. Wie eine hohe Kerze, an der "Tränen" herabrinnen, erhebt sich der Vasenhals aus einer tief liegenden, reifendick ausgebauchten Basis. Alles in feinsten Violetttönen. Eher kurios als schön de Feures Möbel. Die pudrig-süße Mischung aus Rokoko und Art Nouveau kam jedoch damals bei den Franzosen gut an. </P>Bis 31.7.; Katalog: 32,50 Euro; Tel. 089/ 45 55 510.

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