Die dicke Mizzi

- "Wenn man glaubt, seine privaten Gefühle verkaufen zu müssen, dann hat dieser Beruf etwas von Prostitution. Das hat er sowieso. Aber auch in der Prostitution muss man aufpassen, dass man mit den Kunden nicht privat wird." Ein Statement des großen Schauspielers Walter Schmidinger (70).

<P>Vermutlich eine der schönsten Autobiografien der letzten Zeit. Was Schmidinger hier über sein Leben und seine Profession erzählt, ist von fesselnder Aufrichtigkeit, von großer Liebe, von empfindlicher Tiefe. Dabei ist das Buch frech und witzig. Und es hat etwas von jener Genialität, die sein Verfasser auf der Bühne ausstrahlt. So schonungslos, wie Schmidinger mit sich selbst umgeht, zum Beispiel mit seinem eigenen Größenwahn, so behandelt er auch die Weggefährten, die guten wie die weniger guten. Ein Künstler, der auch als Autor ganz bei sich bleibt. "Angst vor dem Glück" nennt er seinen Report. Treffender geht's nicht.</P><P>Anrührend die Geschichte seiner in Armut verbrachten Kindheit in Linz; der Tod der Mutter, später auch der des Vaters, der Bruder in Stalingrad, die zweifelhafte Ehe der Schwester. Und doch überragt bis heute das erste theatralische Erlebnis: die dicke Mizzi auf dem Jahrmarkt. Das war "etwas, was ich noch nie gesehen hatte. Das hat mich immer am Theater interessiert: etwas zu spielen, was man noch nie gesehen hat."</P><P>Unter diesem Aspekt missfällt Schmidinger heute naturgemäß vieles, was die Bühnen so zu bieten haben. Er nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Auch nicht in dem Kapitel, in dem er seine Münchner Jahren Revue passieren lässt. Da plaudert er aus dem Nähkästchen, rekapituliert noch einmal, wie es dazu kam, dass Ingmar Bergman ihn aus einer Produktion geschmissen hat. In Dialogform beschreibt er handfeste Theaterkräche, Rollenrückgaben, gezielte Provokationen, herbe Enttäuschungen.</P><P>Zum Ende seiner Münchner Zeit - "Ich fand, dass der Zirkus immer absurdere Formen annahm" - spielte Schmidinger in Shakespeares "Kaufmann von Venedig" (Regie Alfred Kirchner) den Shylock: "Diese Arbeit war eine Katastrophe. In der Pause sollten wir dank einer der unglückseligen Ideen des Regisseurs aus dem Foyer auftreten. Als wir in der Premiere in den Zuschauerraum gingen, verließen Peter Zadek, Dieter Dorn und Daphne Wagner diesen gerade. Ich sagte damals zu Peter Zadek: ,Ach Gott, jetzt geht der letzte Jude auch noch, jetzt wird es schwer." Dieter Dorn entschuldigte sich danach schriftlich. Schmidinger hat jetzt in seinem Buch den Brief veröffentlicht, in dem es u. a. heißt: "...Du, Walter, solltest endlich aufhören, Dein ungeheures Talent in Theaterreihen verkommen zu lassen. Gut sind wir auch nicht, glaub mir. Ich weiß das. Aber diese Hinrichtung des Elisabethaners hätte ich als Schauspieler nicht zugelassen, als Intendant würde ich den Abend nicht zeigen. Verzeih mir!"</P><P>Walter Schmidinger verzieh nicht. Heute schreibt er: "Wie wir miteinander umgehen, so schauen wir aus. Wenn er wenigstens erwähnt hätte, dass mit Martin Benrath ein gigantischer Schauspieler als Antonio oben gestanden ist . . ."</P><P>Walter Schmidinger: "Angst vor dem Glück". Hrsg. Stephan Suschke. Alexander Verlag, Berlin. 247 Seiten, 15, 80 Euro.</P>

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