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Die Ärzte: Albumkritik zu „Dunkel“ - Wo ist nur der Punk hin?

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Von: Jonas Erbas

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Die Ärzte
Die Ärzte sind zurück: Farin Urlaub (l-r), Bela B und Rodrigo González veröffentlichen mit „Dunkel“ ihr zweites Studioalbum innerhalb eines Jahres © Jörg Steinmetz/Wagmüller PR/dpa

Mit „Dunkel“ präsentieren Die Ärzte ihr 14. Studioalbum – doch der Kult-Band scheint der Punk abhandengekommen zu sein.

„Brennst du noch oder explodierst du schon?“, fragen Die Ärzte im Refrain von „Anti“, dessen Liedtitel bereits unschwer erahnen lässt, dass sich Farin Urlaub, Bela B und Rodrigo „Rod“ González auch auf „Dunkel“ – ihrem inzwischen 14. Studioalbum – als kritische, grundsätzlich alles hinterfragende Stimme verstehen. 2021 ist ein Jahr, das die rotzig-rebellische Grundattitüde des Punks bitter nötig hat: Bundestagswahl, Pandemie, Impfdebatte, Afghanistan-Abzug, Klimakrise; Deutschland ist zwar noch nicht explodiert, Brandherde gibt es aktuell allerdings zur Genüge. Da kommt ein neues Ärzte-Album gerade recht. Eigentlich.

Die Ärzte: Punk-Platte? Auf „Dunkel“ fehlt es an Biss

Die „Punker aus Prinzip“, wie es im Intro „KFM“ heißt, treten fast auf den Tag genau elf Monate nach der Veröffentlichung von „Hell“ erneut an, um mit pointierten, teils spätpubertären, teils tiefgründigen Texten zu provozieren, zu kritisieren, zu reflektieren – und nicht zuletzt: zu unterhalten. Auf „Dunkel“ gelingt das dem Trio, verglichen mit ihrer Gesamtdiskografie, allerdings nur bedingt. Dem Trennungssong „Wissen“ etwa, einem melancholischen, recht geradlinigen Ausflug in seichte College-Rock-Gefilde, fehlt es an Biss, ein Symptom, das bei den Ärzten im Laufe der gut einstündigen Spielzeit noch öfter auftritt.

So erinnert „Schrei“ mit seinem nervtötenden Grölgesang, der dem Liedtitel alle Ehre macht, und den uninspirierten 08/15-Instrumentals bestenfalls an die erste Bandprobe im Jugendzentrum. Beim schnulzigen „Tristesse“, dem von ödem, dumpfem Teenager-Humor durchzogenen Liebeslied „Anastasia“ oder bei „Einschlag“, welches einfach nur monoton-unaufgeregt vor sich hinrockt, handelt es sich indes um klassische Lückenfüller. Überhaupt mangelt es dem Album an einer klar erkennbaren, sinnhaften Struktur.

Die Ärzte: „Dunkel“ geht Wagnisse ein - und überzeugt etappenweise

Mit insgesamt 19 Liedern wartet „Dunkel“ auf. Dass da teils sowohl die Kreativität als auch ein ersichtlicher roter Faden auf der Strecke bleiben, ist verschmerzbar. Wer solange wie Die Ärzte im Musikgeschäft mitmischt, hat sich das Recht auf stilistische Ausflüge redlich verdient, selbst wenn die Experimente nicht immer vollends glücken. Bereits kurz vor der Jahrtausendwende löste sich das Berliner Trio ohnehin vermehrt von seinen Punk-Rock-Wurzeln, drang mit Hits wie „Ein Schwein namens Männer“ (1998) oder „Junge“ (2007) zunehmend in den Mainstream ein. Beide Lieder erreichten die Spitze der deutschen Singlecharts.

Auch auf „Dunkel“ finden sich trotz zuvor erwähnter, etappenweise erschreckend nichtssagender Passagen doch noch solche Songs, die ihr Potenzial voll ausschöpfen. „Doof“ erweist sich als mitreißende, humorvolle Gute-Laune-Kampfansage gegen Rechts, während auf dem rhythmisch-marschierenden „Kraft“ härtere Elemente dominieren. Einmal mehr sprengen Die Ärzte selbstbewusst genretypische Konventionen wie etwa bei „Kerngeschäft“, das dank des Gastauftritts der Münchner Rapperin Ebow fraglos zu den innovativsten Höhepunkten des Albums zählt.

„Musik ist älter als Kapitalismus“, proklamiert die Band in ihrer poppig-charmanten Art darin – und erläutert mit dieser Aussage womöglich ganz unbewusst die Grundessenz, die „Dunkel“ von Anfang bis Ende prägt. Soll heißen: Als Musiker ist man niemandem Rechenschaft schuldig, insbesondere nicht der Konsumgesellschaft! Da blitzt er also endlich auf, der Ur-Punk, der sich musikalisch sogar erst gegen Ende, etwa auf „Our Bass Player hates this Song“, so wirklich niederschlägt.

Die Ärzte: Stippvisite in den Punk - „Dunkel“ bleibt hinter seinen Möglichkeiten

Verglichen mit dem Vorgänger „Hell“ wirken Die Ärzte auf „Dunkel“ deshalb beinahe handzahm. Statt auf augenzwinkernden Zynismus und fetzige Gitarrenriffs zu setzen, spielen sie sich durch einen kunterbunten Wust verschiedener Einflüsse – den ungekünstelten Punk und die gewohnt bitterböse Abrechnung mit der Gesellschaft vermisst man allerdings. 2021 hätte ein derberes Ärzte-Album verdient. Vielleicht muss ja doch erst alles explodieren...

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