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Zwei wunderbare Schauspielerinnen, die am Ende von Martin Ku(s)ejs Inszenierung von David Mamets „Die Anarchistin“ zu voller Größe auflaufen dürfen: Cornelia Froboess und Sibylle Canonica (v. li.).

Kritik: „Die Anarchistin“

Nach Premieren-Abbruch: Zwei Stars im Justiz-Drama

München - Im Dezember musste Cornelia Froboess die Premiere wegen eines Kreislaufkollapses abbrechen. Nun trat die Schauspielerin kraftvoll auf bei der nachgeholten Premiere von David Mamets „Die Anarchistin“ im Residenztheater. Eine Kritik.

Nur ein Stuhl und ein Schreibtisch stehen im breiten Bühnenkasten, den eine strahlend weiße Lichtwand nach hinten abschließt. Das ist allerdings auch die einzige Erleuchtung, die an diesem Abend geboten wird. Obwohl es an lehrreichen Mitteilungen nicht mangelt in Mamets didaktisch-konstruiertem Justiz-Drama. Da erfährt man etwa, dass Cesare Lombroso „der Begründer der sogenannten positiven Schule der Kriminologie“ war. Oder man kriegt Kalenderspruch-Weisheiten serviert wie „Wenn es Gewissheit gäbe, wie wäre es dann Glaube?“. Überhaupt wird man den Eindruck nicht los, der amerikanische Erfolgsautor Mamet sei eine Art gehobener Paolo Coelho der Dramatik. Denn von Erlösung, Reinheit, Seele war auf einer deutschen Bühne schon lange nicht mehr so inflationär die Rede. Bis beim Stichwort „Christus“ – welch ausgefeilte Dramaturgie – das Telefon klingelt...

In Amerika mag solcher Frömmigkeits-Exhibitionismus üblich sein, hierzulande fühlt man sich dabei an die alte Maxime erinnert, dass man den Namen des Herrn nicht unnütz im Munde führen soll. Aber der Autor führt ja ohnehin so ungefähr alles im Munde, was sich an Themen überhaupt reinpacken ließ in die Geschichte von der inhaftierten „Anarchistin“ Cathy, die mit der Gutachterin Ann ein Diskussions- und Psycho-Duell austrägt, bei dem sich die beiden schon mal Bibelsprüche um die Ohren hauen. Da geht es also um Herrschaft, Rebellion und Rechtfertigung, um das gemeine Katz-und-Maus-Spiel von Machtausübung und Abhängigkeit, um Jesus und Menschlichkeit, Strafe und Grausamkeit, Verführung, Kampf und Annäherung – bis es vor lauter ausgefransten Motivsträngen um gar nichts mehr geht. Wenn dann noch das voyeuristisch ergiebige Klischee von Lesben hinter Gittern bemüht wird, entpuppt sich die Zimmerschlacht der Hysterikerinnen als untergründiger Sadomaso-Dialog, bei dem die Damen auch mal die Rollen tauschen. Ein bisschen wirkt das wie die religiös überzuckerte Goldschnitt-Version dessen, was bei RTL wohl „Zickenkrieg im Frauenknast“ hieße.

Insofern bleibt rätselhaft, warum Intendant Martin Kušej ausgerechnet dieses kunstgewerbliche Diskurs-Melodram auch noch brav werktreu inszeniert, statt es kräftig gegen den Strich zu bürsten. Wenn er auf den psychologischen Realismus des traditionellen Illusions- und Mitfühltheaters setzt, wirkt das speziell am Anfang unangenehm betulich. Da müssen die beiden Darstellerinnen pathetische Kunstpausen einlegen und sich so furchtbar bedeutungsvoll anblicken, dass es schon an Energieverschwendung grenzt, zwei Schauspielstars derart theatern zu lassen. Erst gegen Ende, wenn sie sich echauffieren, dürfen sie zu voller Größe auflaufen: Sibylle Canonicas Ann im lilablassblauen Mäntelchen stöckelt mit edlen Pumps als fragile Domina herum, die aus der Maske der verhärmten Funktions-Furie immer wieder zart-kalte Lust hervorflackern lässt. Und Cornelia Froboess als leicht burschikose Anarchistin aus schwerreichem Elternhaus wirkt authentisch gerade in ihrem Changieren: zwischen dem verzweifelt-egoistischen Kalkül einer alternden Frau, die ihren kargen Lebensrest in Freiheit verbringen, ihren sterbenden Vater begleiten möchte einerseits, und der prophetenhaft-glühenden Religiosität andererseits, in die sie den Fanatismus ihrer Jugend transformiert hat. Ohne solche Schauspielerinnen wäre der Abend wesentlich schwerer erträglich. Denn Mamets Manipulationstheater aus dem Schreibkurs-Lehrbuch ist viel zu „well made“, um wirklich gut zu sein. Freundlicher Applaus.

Nächste Vorstellungen: am 9., 14., 26. und 31. Januar; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Von Alexander Altmann

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