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Moses und die Hebräer leben bei Simon Solberg auf einer Müllhalde.

Simon Solberg über sein Musical „Moses“

„Die Bibel lebt im Heute“

Regisseur Simon Solberg (33), künstlerischer Leiter am Theater Basel, eröffnet die Spielzeit am Münchner Volkstheater. Nach „Die Jungfrau von Orléans“ und „Einer flog über das Kuckucksnest“ inszeniert er nun „Moses“ – als musikalische Collage.

Am Donnerstagabend feierte das Stück Premiere.

-Aus welchem Grund haben Sie Moses zur Hauptfigur Ihres neuen Stückes gemacht?

Die Moses-Geschichte beschäftigt mich schon seit langem. Es gibt viele Parallelen zwischen dem Ägypten von damals und unserer heutigen Gesellschaft: Immer noch lastet der Reichtum Weniger auf den Schultern der vielen Armen – nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch bei uns in Deutschland. Außerdem ist Moses eine sehr spannende Persönlichkeit.

-Inwiefern?

Die meisten kennen Moses nur als den Mann, der die Hebräer von der Knechtschaft bei den Ägyptern befreit hat. Die Geschichte geht aber nach dem Exodus noch weiter, und da ist Moses dann keine sonderlich positive Figur mehr. Er ordnet beispielsweise einen Massenmord an einem Nachbarvolk an, um dann dessen Land zu besetzen. In meinem Stück will ich Moses als Person und als Phänomen kritisch beleuchten.

-Das Stück ist als Mash- up-Musical angekündigt, also als eine Art Collage. Wieso haben Sie sich für diese Form entschieden?

Ich habe versucht, eine grundlegende gesellschaftliche Problematik auf unterhaltsame Weise zu transportieren. Komplexe Thematiken und Unterhaltung müssen sich nicht ausschließen. Der Begriff des Mash-up trifft aber auf alle meine Stücke zu. Es gehört zu meinem Stil, verschiedene Ebenen miteinander zu verschmelzen, so dass etwas Neues daraus entsteht.

-Haben Sie sich auch deshalb für eine musikalische Umsetzung entschieden, um mehr junges Publikum ins Theater zu locken?

Das versuche ich immer. Hier wollte ich einfach ausprobieren, wie man so einen verstaubten Stoff auf heute übertragen und als Show inszenieren kann.

-Wie sieht diese Show denn aus?

Moses beispielsweise ist bei uns im Stück ein Rapper. Als Gott ihm zum ersten Mal begegnet, erscheint er ihm als Crack rauchender Penner.

-Wie entsteht ein Stück wie „Moses“?

So ein Projekt entwickelt sich zu 90 Prozent in der gemeinsamen Probenarbeit. Die Schauspieler, aber auch die Assistenten und Hospitanten bringen ihre Ideen mit ein. Wir nutzen alle Kreativität, die im Raum ist. Das ist eine Mannschaftssportveranstaltung. Natürlich überlege ich vorher: Was ist das Epizentrum eines Stückes? Welche Geschichte will ich erzählen?

-Was ist denn das Epizentrum von „Moses“?

Der Freiheitskampf und die Konsequenzen, die er nach sich zieht. Es geht aber auch um den Fluch, als religiöser Führer auserwählt zu sein. Moses weiß, dass er nicht länger die Augen verschließen kann und handeln muss. Wenn man so eine Entscheidung einmal getroffen hat, zieht das einen riesigen Rattenschwanz nach sich.

-Glauben Sie, die Bibel wird unterschätzt?

Absolut. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: Die Bibel ist ein total spannendes Buch. Da werden so viele menschliche Grundprobleme behandelt: Die Anbetung des Goldenen Kalbs oder der Brudermord – das sind alles hochaktuelle Themen. Die Bibel lebt im Heute.

-Und inwiefern ist das „Phänomen Moses“ heute noch aktuell?

Es gibt eine riesige Sehnsucht nach gesellschaftlichem Aufbruch, nach Veränderung. Da muss man sich nur mal die Occupy-Bewegung ansehen.

-Wie könnte dieser Aufbruch Ihrer Meinung nach Aussehen?

Es wäre ein Anfang, wenn unsere Gesellschaft sich auf ethische Grundwerte zurückbesinnen würde. Die christlichen Parteien beispielsweise leben nicht gerade christliche Werte vor. Da steht dann CDU oder CSU drauf, aber mit Nächstenliebe hat deren Wirtschafts- und Sozialpolitik überhaupt nichts zu tun. Ich finde, es ist eine Frechheit, dass bei denen im Namen ein „C“ steht.

Das Gespräch führte Katharina Mutz.

Premiere

ist heute um 19.30 Uhr; Restkarten an der Abendkasse.

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