+
Eine Frau wie eine Urgewalt: Doch in Karin (Andrea Wenzl, hinten) findet Petra von Kant (Bibiana Beglau) ihre Meisterin.

„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“: Premierenkritik

München - Was für eine Schauspielgewalt! Bibiana Beglau gebührt der Beginn dieses Textes. Denn ihr Spiel, ihre Leidenschaft packt uns, lässt uns nicht mehr los und reißt uns tief hinein in das traurig-schaurige Leben der Petra von Kant.

In Martin Ku(s)ejs Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Text vollzieht Beglau an ihrer Figur einen unbarmherzigen Exorzismus. Am Ende hat sie der Modeschöpferin so viel mehr als die „bitteren Tränen“ ausgetrieben, von denen der Stücktitel berichtet: Beglau hat tief und gnadenlos im Innersten dieser Machtfrau gewühlt, um nach zwei Stunden dann Petra von Kants Seele vor unseren Augen freilegen zu können. Ob das freilich zur Befreiung ihrer Figur ausreicht, lässt sie offen.

Gebannt folgt man Bibiana Beglau, wie sie Petra von Kant auslotet, deren dunkelste Seiten durchmisst. Sie zeigt die kühl-beherrschte Erfolgsfrau, die sich nach einer gescheiterten Ehe vor Männern ekelt, die auf SM-Sex und Bondage steht. Gefühle, auch erotische, kann von Kant nur (noch) in Kombination mit Schmerzen ertragen. Gefesselt ist nicht nur der Leib ihrer Gespielin, gefesselt ist diese Frau selbst. Gefesselt und waidwund von Beginn an. Die junge Karin erscheint ihr da als die sehnlich erwartete Befreierin: Begegnet sie ihr anfangs noch in lauernder Körperhaltung, wie ein Cowboy beim Duell, gibt sie sich bald schon mehr und mehr hin, spricht von Liebe, fordert diese vehement ein. In Karin wird von Kant ihre Meisterin und ihren Untergang finden.

Die Besetzung

Regie: Martin Ku(s)ej.

Bühne: Annette Murschetz.

Kostüme: Heidi Hackl.

Musik: Jan Faszbender.

Licht: Tobias Löffler.

Dramaturgie: Andreas

Karlaganis.

Darsteller: Bibiana Beglau

(Petra von Kant), Elisabeth Schwarz (Valerie von Kant, ihre Mutter), Elisa Plüss (Gabriele von Kant, ihre Tochter),

Michaela Steiger (Sidonie von Grasenabb, ihre Freundin),

Andrea Wenzl (Karin Thimm,

ihre Liebe), Sophie von Kessel (Marlene, ihre Bedienstete).

Bibiana Beglau spielt das umwerfend, atemraubend. Es ist ein Erlebnis, sie, die diese Spielzeit neu ans Staatsschauspiel gekommen ist, hier nun endlich in ihrer ersten Hauptrolle zu sehen. Und welch großartige Kolleginnen hat ihr Ku(s)ej an die Seite gestellt: Karin ist bei Andrea Wenzl eine selbstbewusste Göre, eine Frau, die nicht zögert, selbst ihren Körper einzusetzen, um zu erlangen, was sie will. Die Szenen zwischen Wenzl und Beglau sind fast bis zur Unerträglichkeit aufgeladen mit einem explosiven Gefühlsmix aus Liebe und Lust, Begierde und Berechnung, Hass und Hilflosigkeit, Verzweiflung und Verlangen. Kein Wunder, dass es da zur Katastrophe kommt.

Welch großartiges Ensemble Martin Ku(s)ej zu Beginn seiner ersten Spielzeit als Intendant des Staatsschauspiels um sich versammelt hat, erkennt man auch in der Tatsache, dass er die (stumme) Rolle der Marlene, von Kants Angestellte, mit Sophie von Kessel besetzt hat – und wie von Kessel diese Frau zeigt, die ihre Herrin verehrt, doch von dieser nur gedemütigt wird: Nur mit Mimik und Körperhaltung erzählt sie von Marlenes stillem Leiden. Während sie bei Fassbinder in eine (zwar ungewisse) Zukunft aufbrechen darf, nachdem von Kant sich bei ihr entschuldigt, gar die Freundschaft angeboten hat, baumelt Marlene bei Ku(s)ej im Münchner Marstall längst am Strick, als ihre Chefin die ersten freundlichen Worte an sie richtet.

Die Handlung

Nach der Trennung von ihrem Mann verliebt sich die erfolgreiche Modeschöpferin Petra von Kant in Karin Thimm, der sie zu einer Model-Karriere verhilft. Dass Karin sie ausgenutzt hat, merkt von Kant erst, als sie verlassen wird. Für die so beherrschte Frau bricht die Welt zusammen, Trost sucht sie im Alkohol. Nach ihrem Zusammenbruch entschuldigt sie sich bei ihrer stummen Bediensteten Marlene, die sie stets gedemütigt hat, bietet ihr sogar die Freundschaft an. Vergeblich.

Nicht nur an dieser Stelle interpretiert der Regisseur den Text brutaler und gnadenloser als Fassbinder. Der hat in seinem Stück, das er 1972 mit Kameramann Michael Ballhaus verfilmte (Margit Carstensen spielte die Titelrolle, Hanna Schygulla die junge Geliebte und Irm Hermann das Dienstmädchen), verschiedene Beziehungsmuster dekliniert. Doch während der Film noch lustvoll die dekadente Ausstattung der Modezarin zelebriert (unvergessen die Fototapete in von Kants Apartment, die Nicolas Poussins Barockgemälde „Midas und Bacchus“ zeigt), setzt Ku(s)ej für seinen Theaterabend auf Reduktion und Strenge: Mit der Unbarmherzigkeit eines Wissenschaftlers lässt er die Szenen kalt ausleuchten. Annette Murschetz unterstützt diesen Ansatz: Sie hat die Spielfläche in die Mitte des Marstalls gebaut, die Zuschauer sitzen auf allen vier Seiten dieser Bühne, die an eine Arena erinnert – und sind durch raumhohe Wände mit Scheiben vom Geschehen getrennt. Der Text wird durch Lautsprecher nach draußen übertragen. Der Regisseur und seine Bühnenbildnerin zwingen uns Zuschauer so in eine unangenehme Situation: Voyeure im Menschenzoo. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Tatsache, dass wir uns in den Szenenpausen, wenn drinnen alles dunkel ist, selbst beim Zuschauen in den verspiegelten Scheiben beobachten können. Eine so ungemütliche wie intelligente Idee.

Auf dem Bühnenboden stehen in strenger Ordnung Flaschen, die meisten so leer wie das Leben der Petra von Kant. Letzte Reste Alkohol werden begierig gesoffen. Marlene ist die Einzige, die sich den ganzen Abend über nur im rechten Winkel durch diesen Raum bewegt. Erst kurz vor ihrem Freitod wird sie einmal wagen, ihn zu queren. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die zeigen, wie tief Ku(s)ej in die Vorlage eingetaucht ist. Auch deswegen kann seine Inszenierung eine derartige Wucht entfalten.

„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ ist Auftakt eines Festivals im Marstall anlässlich des 30. Todestages von Rainer Werner Fassbinder am 10. Juni. So darf, soll, muss es weitergehen.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen Montag, 5.3. und am 6., 20. sowie am 21. März; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare