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Adelige mit Vergangenheit: Bori Kállay, hier als Anhilte, fegt mit toller Energie über die Bühne.

Gastspiel im Deutschen Theater

"Die Csárdásfürstin": Mit einer guten Portion Plüsch

München - Das Budapester Operettentheater feiert in München Emmerich Kálmáns Klassiker „Die Csárdásfürstin“.

Auch wenn das Musical inzwischen längst zur lukrativsten Einnahmequelle des Hauses geworden ist, so hat das Deutsche Theater doch nie seine lange Operettentradition vergessen. Und Tradition ist nun auch das Stichwort bei der Produktion des Budapester Operettentheaters, mit der man noch bis Sonntag den 100. Geburtstag von Emmerich Kálmáns Klassiker „Die Csárdásfürstin“ feiert. Geboten wird hier Operette der guten alten Schule, mit aufwändigen Kostümen, einer ordentlichen Portion Plüsch und sprudelndem Champagner im Überfluss, wohlwollend beäugt vom bühnenfüllenden Doppeladler der K.u.k-Zeit.

Dennoch bleibt neben der nostalgisch glänzenden Fassade auch der dahinter brodelnde Erste Weltkrieg stets präsent. „Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht, ob es morgen nicht schon zu spät?“, lässt Kálmán seine Helden bei diesem wilden Tanz am Rande des Abgrunds singen. Ein Umstand, den Regisseur Miklós-Gábor Kerényi keineswegs ausblendet. Dass der von ihm neu hinzu erfundene traumatisierte Kriegsheld Schultheiß mit seinem ständigen „Ratatata“ allerdings im Laufe der Aufführung immer mehr zum Running-Gag wird, wirkt dann aber doch eher unpassend und ein wenig makaber.

Sehr ernst genommen wird dagegen die musikalische Seite, für die man mit László Makláry den perfekten Mann im Graben hat. Er kennt Kálmáns mit Ohrwürmern gespickte Partitur bis in die letzte Note, lässt es in den mitreißenden Revuenummern ordentlich knallen, versteht es daneben aber ebenso, die leise Melancholie der üppig schwelgenden Liebesduette heraus zu kitzeln. Schade deshalb, dass man sowohl Orchester als auch Stimmen durchwegs mit Mikroports verstärkt zu hören bekommt, denn nötig gehabt hätte das kaum einer im Ensemble.

Für Mónika Fischl etwa zählt die Varietésängerin Sylva zu ihren absoluten Paraderollen, bei der sie auch jetzt wieder ihre ganze Routine ausspielen kann. Ähnlich stimmkräftig der darstellerisch arg steife Gergely Boncsér als Fürstensohn Edwin, dessen Liebe zu Sylva fast am Standesdünkel seiner Eltern scheitert. Doch kommt am Ende auch Schwiegermutter Anhiltes verborgene Vergangenheit als unstandesgemäße Brettl-Diva „Kupferhilda“ zum Vorschein. Was wohl niemanden mehr ernsthaft überraschen dürfte, der zuvor Bori Kállay in dieser Rolle erlebt. Die Grande Dame des Budapester Operettentheaters kennt alle Tricks des Genres, fegt mit einer Energie über die Bühne, um die sie manch jüngere Kollegin beneiden dürfte, und bildet mit Ralph Morgensterns sarkastisch trockenem Kammerdiener ein hinreißend komisches Duo.

Szilvi Szendys zwitschernde Stasi und Dávid Szabó als Boni punkten daneben mit ihren tänzerischen Einlagen, während der Feri Bácsi von Tamás Földes neben den hohen Noten vor allem mit den deutschen Dialogen zu kämpfen hat. Was einige phonetisch einstudierte Pointen in der babylonischen Sprachverwirrung untergehen lässt. Doch ist er damit bei seinen Kollegen in guter Gesellschaft. Der unüberhörbare Akzent gehört ja bei den Gastspielen aus Budapest inzwischen fast schon dazu und gibt dem Abend neben manch unfreiwilliger Komik eben einen ganz eigenen Charme. Das Publikum am Premierenabend jedenfalls hatte seinen Spaß und spendete dem Ensemble begeisterten Applaus.

Noch bis Sonntag jeweils nachmittags und abends; Tel. 089/ 55 23 44 44.

Von Tobias Hell

 

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