"Die gute Tradition"

- München bekommt einen neuen Kinopalast. Sechs Jahre nach Schließung des alten Mathäser am Stachus und nach jahrelangen Querelen um Planung, Baustopp, Schadenersatzklagen, wechselnde Besitzer und fehlendes Geld wird jetzt Ende Mai eröffnet.

<P>Der zweitgrößte deutsche Kino-Komplex<BR><BR>"Das Haus gehört aufgemacht!" Mehr als einmal hört man dies von Hans Jürgen Jochum, dem filmbegeisterten Direktor bei der Darmstädter "Kinopolis", einem der großen Multiplex-Betreiber, der das seit über einem  Jahr  im Rohbau leerstehende Gebäude erst Anfang April übernahm. "Wir werden so schnell wie möglich eröffnen und dafür sorgen, dass auch das neue Haus an die gute Tradition des alten Mathäser, eines der schönsten deutschen Kinos, anknüpfen wird", sagt Jochum, der "Kino für die ganze Familie" im Sinn hat, "kein typisches Multiplex".<BR><BR>Trotzdem wird das neue Haus die Münchner Kultur-Landschaft verändern. Allein die Dimensionen beeindrucken: 14 Säle für insgesamt 4250 Zuschauer (im alten Mathäser 1463). Im größten Saal haben 820 Zuschauer Platz. Damit erhält die Stadt - mit ihren zur Zeit rund 17 000 Kinositzen vergleichsweise mager bestückt - den zweitgrößten Kino-Komplex Deutschlands. "Wir wollen auch Stars nach München holen und für prächtige Premieren zur Verfügung stehen", so Jochum. </P><P>Das fehlte zum Leidwesen vieler Verleiher tatsächlich im letzten Jahrzehnt, da das wenig repräsentative Maxx-Kino kaum für solche Anlässe geeignet ist. Gut möglich also, dass Nicole Kidman oder Robert de Niro bald nicht mehr am Potsdamer Platz in Berlin, sondern in der Bayerstraße auf dem roten Teppich flanieren.<BR><BR>Wenn man von Jochum durch das imposante Gebäude geführt wird, versteht man nicht, wieso es eigentlich so lange gedauert hat: Hinter der schicken Glasfassade von Peter Lanz' extravagantem Bau wird auch innen auf drei Ebenen prächtige Kino-Architektur geboten. Sanft scheinen die Treppen der einzelnen Säle nach unten zu fließen, Schwarz und Anthrazit an den Wänden und Ledersessel in den Kinos vermeiden jeden Anklang an den Billig-Touch, den man von anderen Multiplexen gewohnt ist. Viel Licht und Glas sorgen für Transparenz und einen großzügigen Gesamteindruck.<BR><BR>Technisch ist alles auf dem neuesten Stand. Digitale 35mm-Projektoren gehören zum Standard. "Aber wir werden in der Lage sein, auch alle anderen Formate zu spielen", erklärt Jochum. Sogar das klassische, heute unübliche 70mm-Format, das heute nur noch in sehr wenigen Kinos vorgeführt werden kann. "Wir wollen natürlich auch Klassiker zeigen."<BR><BR>Wenn er seine guten Absichten tatsächlich wahr macht, sollen bald Originalfassungen regelmäßig laufen, auch Vorführungen am Vormittag (ab 9.30 Uhr) oder spätabends (ab 1 Uhr), die manche schmerzlich vermissten. Natürlich haben andere Kinos jetzt Angst vor Zuschauereinbußen. Im alten Trott wird nicht jeder weitermachen können. Doch Jochum verspricht: "Wir wollen uns mit allen zusammensetzen und nicht gegen etablierte Betreiber Kino machen."<BR><BR>Die Erfahrung beweist, dass Großkinos nicht notwendig zu Lasten anderer gehen müssen. Auch städtische Studien belegen, dass München den neuen Komplex gut vertragen kann. Letztlich geht es vor allem um die Filme: darum, dass sie überhaupt starten können. Immer wieder war das bisher mangels freier Leinwände unmöglich - was gerade zu Lasten "kleiner" Filme ging. Ziel ist überdies, dass die Streifen nicht nach einer Woche verschwinden, um anderen Platz zu machen. Und natürlich auch, dass man sie unter angenehmen Umständen anschauen kann: gute Sitze, gute Leinwände, maßvolle Eintrittspreise.</P>

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