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Szene aus "Die Herrmannschlacht" bei den Münchner Kammerspielen.

Premierenkritik

"Die Hermannsschlacht": Auch Helden sind Menschen

München - Armin Petras inszenierte an den Münchner Kammerspielen „Die Hermannsschlacht“ nach Kleist und Grabbe.

Nächste Vorstellungen:

18., 21., 25. Okotber

Informationen unter: 089/ 233 966 00.

Einen Augenblick glaubt man, ihn erfasst zu haben – und sieht sich gleich darauf getäuscht. Wer ist dieser Hermann, Fürst der Cherusker? Couch-Potato, die unbeteiligt vor sich hinstiert, tumber Tor, der überfordert ist, oder politischer Agitator, der mit allen Tricks versucht, „Römerhass“ zu entfachen. Kriegstreiber oder Getriebener? Ein Held wider Willen, der es anderen überlässt, den Schlachtplan zu erklären, oder ein vor Wut blinder Egomane, der für den Sieg das eigen Fleisch und Blut opfern würde? Führer oder Verführter? Es ist das Verdienst des Schauspielers Peter Kurth, an den Münchner Kammerspielen Hermann derart facettenreich zu zeichnen, dass er nicht zu fassen ist. Allein das macht einen großen Teil der Spannung dieses Theaterabends aus.

Kurth zeigt in „Die Hermannsschlacht“, die am Freitag in der Inszenierung von Armin Petras Premiere feierte, viele Interpretationsmöglichkeiten der Figur und entzieht sie so allen Vereinnahmungsversuchen. Denn denen sah sich Hermann immer wieder ausgesetzt – nicht nur bei den Nazis, die ihm als teutonischen Übermenschen huldigten. Peter Kurth spielt in den gut zwei Stunden Hermann dagegen vor allem als Menschen – mal überlegen, mal lächerlich oder schlicht bequem, wenn er mit Bedauern die Schuhe, ein Gastgeschenk der Römer, auszieht, um wie alle Germanen barfuss in den Kampf zu ziehen. Regisseur Petras hat für seine Inszenierung Kleists „Hermannsschlacht“ (1808) gekürzt und geschickt mit Monologen aus Christian Dietrich Grabbes gleichnamigem Stück verwoben, das zwischen 1835 und 1836 entstand.

Die Handlung:

Im Jahr 9 nach Christus lockt ein germanisches Stammesbündnis unter dem Cheruskerfürsten Hermann drei römische Legionen mitsamt Roms Statthalter in Germanien, Quintilius Varus, im Teutoburger Wald in einen Hinterhalt und schlägt sie in einem mehrtägigen Kampf vernichtend.

Um die Einheit der Germanen herzustellen, bediente Hermann sich mehrerer Listen. Sein Sieg hat zur Folge, dass der römische Kaiser beschloss, die Germanenfeldzüge zu beenden.

Ähnlich hat der Intendant des Berliner Gorki Theaters bereits in der vergangenen Spielzeit gearbeitet, als er am selben Ort Kleists „Robert Guiskard“ und Carlo Goldonis „La Guerra“ unter dem Titel „Der Krieg“ inszenierte. Doch während er jenen Abend bewusst in zwei Teile zerlegte, wirkt seine Bearbeitung der „Hermannsschlacht“ organischer. Grabbes Monologe erlauben eine zusätzliche Innenschau der Figuren. Es dauerte am Premierenabend jedoch, bis sich Ensemble und Zuschauer in dieser Inszenierung zurechtfanden, bis die Schauspieler ihre Nervosität vergaßen und herzhaft nach vorn spielten. Wobei angemerkt sei, dass es ihnen das Publikum dieses Mal schwer machte – auffallend viele Erkältete hatten sich in die Kammerspiele geschleppt (und dabei vergessen, ihre Mobiltelefone auszuschalten). Respekt vor Theater-Arbeit hört sich anders an. Dennoch wurde es ein spannender, dramaturgisch dichter Abend. Denn Petras konzentriert sich darauf, zu untersuchen, wie Krieg gemacht wird.

Die Besetzung:

Regie: Armin Petras.

Bühne: Katrin Brack.

Kostüme: Valerie von Stillfried.

Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel.

Darsteller: Peter Kurth (Hermann, Fürst der Cherusker), Wiebke Puls (Thusnelda, seine Frau), Helena Klause/ Marie-Charlotte Schmidt (Rinold, sein Knabe), Johanna Kitzbichler/ Johanna Koch (Adelhart, sein Knabe), Lasse Myhr (Eginhardt, sein Rat/ Quintilius Varus, römischer Feldherr), Katharina Hackhausen (Gertrud, Frau der Thusnelda/ Hally, Teutholds Tochter), Jochen Noch (Wolf, Fürst der Katten), Horst Kotterba (Thuiskomar, Fürst der Sicambrier), Michael Tregor (Selgar, Fürst der Brukterer/ Teuthold, ein Waffenschmied), Edmund Telgenkämper (Ventidius, Legat von Rom) und das Modern String Quartet: Joerg Widmoser (Violine), Winfried Zrenner (Violine), Andreas Höricht (Viola), Jost-H. Hecker (Violoncello).

Besonders eindringlich gelangen dabei jene Szenen, in denen Hermann seine Getreuen anstiftet, die Berichte über Kriegsverbrechen der Römer zu übertreiben und zu verbreiten. Nebel hüllt die Bühne ein, als dieser Propaganda-Feldzug startet. Er gipfelt in der Vergewaltigung Hallys, einer jungen Frau, deren Körper auf Hermanns Befehl zerteilt und an die germanischen Stämme geschickt wird, um diese durch ihren Römerhass zu einen. Es ist die schmerzhafteste, bitterste, beste Szene des Abends, der ansonsten viel über die Mechanismen von Kriegen verrät, ohne jedoch Gewalt zu zeigen: Katharina Hackhausen, neu im Ensemble der Kammerspiele, liegt, Sinnbild für alle Frauen, die Oper werden, nackt, geschändet und bespuckt auf der Bühne, hebt den Kopf und blickt – auffordernd? hilfesuchend? – den einzigen Germanen an, der sich (noch) nicht an ihr vergangen hat. Bis auch jener ihr ins Gesicht spuckt. Als sie getötet werden soll, entwendet sie ihrem Angreifer das Messer, um sich selbst die Kehle durchzuschneiden: Ihr Selbstmord ein Opfer für die nationale Sache? Oder ein Selbstmord, um das eigene Leid rasch zu beenden? Auch hier verweigern Schauspielerin und Regisseur eine eindeutige Antwort. Das mag schwer auszuhalten sein, ist aber richtig.

Die Übermacht der Römer erwächst vor allem aus der Sprache Kleists und durch das Modern String Quartet, das mit seiner Musik Legionen aufmarschieren lassen kann. Edmund Telgenkämper spielt den römischen Legaten Ventidius gerade nicht als Usurpator, sondern als schlichten Kerl. Valerie von Stillfried hat ihn in einen Smoking gesteckt, während sie den Germanen einfache Kleidung in gedeckten Erdtönen angezogen hat. Dass die Römer jenseits von Rhein und Donau nichts verloren haben, wird zudem klar, wenn man sieht, wie schwer es Ventidius fällt, ohne abzurutschen über die großen Schaumstoff-Quader zu klettern, die Katrin Brack als Symbol für das unsesshafte Leben der Germanen auf die Bühne bringen ließ. Gerade solches Spiel ohne Worte zeichnet die Inszenierung aus.

Ventidius, verliebt in Hermanns Frau Thusnelda (oder ist auch das eine List?), wird dem Hinterhalt der Germanen zwar entgehen, und muss dennoch sterben: Thusnelda verfüttert ihn an einen Bären, weil sie sich von ihm getäuscht glaubt. Es ist packend, wie Wiebke Puls die Wandlung dieser Frau zeigt: von der ob des Verehrers genervten Ehefrau, die sich dann widerwillig doch in den Römer verliebt, hin zur zornigen Rächerin. Am Ende sind alle Besatzer Germaniens vernichtet. Und um wirklich jeglichen nationalen Wahn zu meiden, lässt Regisseur Armin Petras die germanischen Fürsten ihrem Anführer Hermann auf Mittelhochdeutsch huldigen – das verfremdet selbst „Heil“-Rufe. Und der Cherusker? Peter Kurth greift sein Schwert wie eine Gitarre. Hermann bleibt eben schwer einzuordnen. Und trotzdem übertragen ihm die anderen die Verantwortung, stecken ihre Schwerter in seine Hose. Steif stakst Peter Kurth davon. Ein Held sieht anders aus. Oder?

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