Simon Rattle
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Für München ein Glücksfall, für London ein herber Schlag: Simon Rattle wechselt 2023 zum Bayerischen Rundfunk.

2023 Wechsel von London nach München

Die logische Wahl: Sir Simon Rattle wird Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Keine Überraschung - gerade weil seine Verpflichtung so naheliegt: Simon Rattle wird beim BR Nachfolger von Mariss Jansons.

  • Sir Simon Rattle verlässt das London Symphony Orchestra, um Chefdirigent beim BR-Symphonieorchester zu werden - eine Übergangslösung?
  • Seine Fähigkeiten als Kommunikator werden auch für das geplante Konzerthaus und in einer sich verschärfenden Spardebatte benötigt.
  • Seit seinem Debüt im Jahre 2010 versteht er sich bestens mit den Münchner Musikerinnen und Musikern.

Schnell geht anders. Schon vor über einem halben Jahr war schließlich klar: Es läuft beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks alles auf ihn zu, darüber wurde auch in dieser Zeitung mehrfach berichtet. Sir Simon Rattle war irgendwann – erst recht, als der hohe Mitfavorit Yannick Nézet-Séguin ans heimische Kanada gefesselt war – die sehr erwartbare Wahl für den Chefposten. Immer häufiger tauchte der Brite, manchmal kurzfristig, bei Münchner Ersatzkonzerten während der Pandemie auf. Und mutmaßlich war Rattle diese Position nur zu gut bewusst: Bei den Vertragsverhandlungen mit dem scheidenden BR-Intendanten Ulrich Wilhelm saß er am längeren Hebel.

Doch auch, wenn manch Ensemblemitglied sich zunächst anderes gewünscht hatte, vielleicht auch den Auf- und Umbruch mit einem jüngeren Dirigenten oder einer jüngeren Dirigentin: Die Wahl Rattles entfaltet vor dem Hintergrund der Orchestergeschichte bemerkenswerte Logik. Rattle gehört nun zu jenen BR-Chefdirigenten, die unter Musizieren stets auch Musikantisches verstehen. Die jene Emotion sowohl beim Orchester als auch beim Publikum entfachen können, die über Strukturelles, Analytisches, zuweilen auch genialisches Posieren hinausgeht. Ein Animateur, ein Motivator, dem das Herz mindestens ebenso wichtig ist wie das Hirn. Nicht umsonst erinnert Rattle in seiner Mitteilung zur Vertragsunterzeichnung an Rafael Kubelik; auch Sir Colin Davis, vor allem Mariss Jansons zählen zu dieser so besonderen Dirigenten-Spezies.

München bietet ihm ein Wohlfühl-Umfeld

Rattle hat sich nie nur als Interpret begriffen. Er ist der große Kommunikator der Zunft. Seine Neugier auf Musik und Menschen spiegelt sich wider in seinem Repertoire und in seinen interpretatorischen Ansätzen. Der jetzt 65-Jährige fühlt sich ebenso wohl beim Barock und in der Wiener Klassik wie bei den Mahler’schen Schwergewichten und in der Moderne. Wie er Rameau aufführt, hat Kultstatus, vor fast genau einem Jahr war dies beim BR zu erleben. Kein anderer Dirigent trifft auch Haydns Humor so genau wie er.

Die Errungenschaften der historisch informierten Spielweise sind für Rattle Selbstverständlichkeiten, aber nie Dogmen – und Ausgangspunkte für seine so besondere Partituren-Jonglage. Auch als kulturpolitischer Kommunikator wird er in München gebraucht, um das geplante Konzerthaus im Werksviertel voranzubringen und das Orchester in einer sich verschärfenden Spardebatte zu schützen.

Immer wieder wird Rattle angekreidet, er komme mit den deutschen Romantikern Brahms und Bruckner, mithin also mit dem Kernrepertoire der großen Symphonieorchester, nicht zurecht. Als er Chef der Berliner Philharmoniker war, setzte eine (auch merkwürdig nationalistisch gefärbte) Debatte um den „deutschen Klang“ ein, dem das Orchester der Hauptstadt angeblich verlustig geht. Mit Rattles Eigenart, der Musik alle Erdenschwere zu nehmen, hat das zu tun. Schuld war aber auch das Verhältnis zu den Philharmonikern, die mit dem ergrauenden, bald erweißenden Lockenkopf nie ganz zurechtkamen. Als Rattle seinen Abschied verkündete, um zum London Symphony Orchestra, einem im Vergleich zu den Berlinern niederrangigeren Ensemble, zu wechseln, kam dies einer wohlplatzierten Ohrfeige gleich. Rattle, dieser so emotionale Musiker, der im Gespräch britische Dauer-Ironie pflegt, braucht – mehr als die Dominatoren unter den Dirigenten – ein Wohlfühl-Umfeld.

Dass er dies in München bei zahlreichen Gast-Dirigaten seit seinem Debüt 2010 gefunden hat, dürfte ihm (und dem Ensemble) bald klar geworden sein. Als er einmal frustriert eine Probe mit dem BR-Symphonieorchester verließ, herrschte dort Aufregung: Ob man ihn verärgert habe? Ob es musikalisch nicht nach Wunsch funktioniere? Als Rattle nach der Pause zurückkam, schüttelte er den Kopf und sagte einem Musiker: Jetzt sei ihm klar geworden, was ihm in Berlin fehle.

„Rein persönliche Gründe“ für den Abschied von London

Dass er für die Münchner nun das London Symphony Orchestra verlässt, ist ein Schlag für den britischen Klangkörper. Mit diesem verbinden Rattle auch viele persönliche Kontakte. Seinen Vertrag dort hat er um ein Jahr bis 2023 verlängert, also bis zu seinem Wechsel. Für die Londoner ist das nur ein schwacher Trost. Rattle begründet den Abschied mit „rein persönlichen Gründen“. Mit der Münchner Chefstelle könne er eine bessere Balance für Arbeit und Familie finden. Er sei damit seinem Berliner Zuhause und seinen Kindern „in einer sinnvollen Weise“ nahe genug. Wieder einmal hat also das BR-Symphonieorchester ein anderes Ensemble ausgestochen, mutmaßlich auch mit einem entsprechenden finanziellen Angebot: Bekanntlich war einst Mariss Jansons Wunschkandidat der Berliner Philharmoniker – kurz vor der Chefwahl dort verlängerten die Münchner eilends seinen Vertrag.

Zum Zeitpunkt seines Amtsantritts wird Rattle 68 sein. Das ist bei Dirigenten kein biblisches Alter, und dennoch: Rattle darf auch als eine Art Übergangskandidat betrachtet werden. Ob er seinen Fünfjahresvertrag verlängert, vielleicht nur um ein, zwei Spielzeiten, ist offen. Gut möglich, dass danach Kollegen wie Yannick Nézet-Séguin zum Zuge kommen – oder Namen, die man noch nicht auf der Liste hat. Voraussetzung ist hierfür, dass sich das sehr selbstbewusste BR-Symphonieorchester mit Blick auf seine Gastdirigentinnen und -dirigenten in den nächsten Jahren breiter aufstellt und nicht weiter auf Ü70-Künstler und andere wohlbestallte Schwergewichte vertraut. Die städtische Konkurrenz von den Münchner Philharmonikern gibt sich in dieser Hinsicht wesentlich offener. Auch vor diesem Hintergrund ist die Verpflichtung Simon Rattles also vollkommen logisch. Ohne andernorts ausreichend geprüfte Stars scheint das BR-Symphonieorchester nicht zu funktionieren.

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