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„Die Nase“ an der Bayerischen Staatsoper: Ein Staat entblößt sich

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Von: Markus Thiel

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Boris Pinkhasovich
Ein armer Mitläufer ist Kovaljov (Boris Pinkhasovich) in dieser Inszenierung. Der verliert nicht seine Nase, sondern mit der Fatsuit seine schützende, körperliche Identität. © Wilfried Hösl

Kulinariker haben Pech gehabt: Kirill Serebrennikov inszeniert zum Start der neuen Intendanz Schostakowitschs „Die Nase“ als böse Polizeistaats-Satire. Am Pult meidet Vladimir Jurowski das Überhitzte.

Man könnte sie an die Rampe stellen, fein aufgereiht. Oder zum Quadrat formiert. Oder schräg und quer über die Bühne. Alles probieren die Polizisten aus. Und was sie mit den Absperrgittern letztlich anstellen, das ist offen und auch wurscht, die Orchesterfuge dazu dauert ja noch eine Zeit. Es läuft nicht rund in diesem entblößten Obrigkeitsstaat. Was dagegen funktioniert: Demonstranten bekämpfen, sie einsperren und unbescholtenen Bürgern die Nasen entfernen, auf dass sie, zu Aussätzigen entstellt, mit Prothesen oder Masken herumlaufen.

Wer nach Logik fragt, hat Pech. Das ist in Russland so, wie Regisseur Kirill Serebrennikov meint, und ein bisschen auch andernorts: Eine Hand malt die Silhouette von St. Petersburg, doch auf den Jacken prangt das Wort „Polizei“. Vielleicht hat ja Serebrennikov einst auch vom „Münchner Kessel“ gelesen, von Wackersdorf oder vom Kokainhandel in den Wachstuben.

Operngänger müssen also stark sein. Keine Kulinarik zum Auftakt der neuen Intendanz an der Bayerischen Staatsoper. Dafür „Die Nase“, eine grelle Groteske über Identität und Ausgrenzung, mit der Jungkomponist Dmitri Schostakowitsch in den Baukasten der Musikhistorie griff und ein wildes, unerhörtes, zitatenreiches Partitur-Etwas zusammenklebte, an dem die Fliehkräfte zerren.

Als Leistungsschau der Bayerischen Staatsoper ist der Abend perfekt

Wobei: Als Leistungsschau ist dieses Abenteuer perfekt. Neben Gästen aus dem Osten ist das Gros des Münchner Ensembles aktiv. Der Chor hat sich eine vertrackte Partie anverwandelt. Und das Bayerische Staatsorchester lässt es lustvoll wetterleuchten, spielt bis in die Soli auf Angriff, verstärkt um eine Schlagzeugbatterie, die uns Schostakowitschs Rhythmen in die Bäuche hämmert.

Man könnte das als Interpret locker übersteigern. Doch Vladimir Jurowski, der neue Generalmusikdirektor, hat verstanden: Drastik bleibt hier Sache des Komponisten, nicht des Dirigenten. Es ist bestechend, wie abgebrüht Jurowski alle durch Schostakowitschs Irrsinns-Slalom lotst. Wie er balanciert, Klänge abschmeckt, Schichten abgrenzt, Details einbaut, sie abwägt, statt ständig Fontänen schießen zu lassen. Vielleicht auch, weil oben auf der Bühne genug Gaga herrscht.

Schlussapplaus auf der Bühne
Applaus für den Regisseur: Kirill Serebrennikov musste in der Premiere – wie schon beim Inszenieren – per Video zugeschaltet werden. Er darf Russland nicht verlassen. © Wilfried Hösl

Noch immer darf Serebrennikov, in Russland politisch verdächtigt und für angebliche Unterschlagungen verfolgt, nicht ausreisen. Erstaunlich, dass auch hier seine Fern-Regie per Videokonferenz funktioniert – was auf ein starkes Münchner Team um Co-Regisseur Evegny Kulagin deutet. Andere, man denke an Barrie Koskys Deutung, treiben den 100-Minüter gern in die Revue, Serebrennikov nimmt „Die Nase“ sehr ernst. Das Riechorgan ist außerdem kaum zu sehen. Auch wenn Kovaljov vom Verlust jammert, trägt sein Sänger eine im Gesicht. Erst im letzten Drittel wird ein Riesenzinken hereingefahren in diesen eisig erstarrten St. Petersburg-Raum, wo mal Schneeberge, mal Demonstranten von Raupen entfernt werden und manchmal auch Dinge, die an Leichensäcke erinnern.

Der Wahnsinn, so signalisiert Serebrennikov, lauert kurz hinter der Realität, vor allem hinter seiner russischen: Nur eine Gesellschaftsumdrehung weiter, und man ist bei Schostakowitsch und der zugrunde liegenden Erzählung von Nikolai Gogol gelandet, vor hundert Jahren wie heute zur Putin-Zeit.

Bariton Boris Pinkhasovich als Zentralgestirn

Wie der Komponist schneidet Serebrennikov szenische Zitate hart aneinander oder überblendet sie, spielt mit Klischee und Historie. Ein Balalaika-Ensemble zirpt vor Glühbirnen-Deko, besoffene Weihnachtsmänner tanzen. Eine Diva lässt sich im Sarg über die Bühne tragen (Doris Soffel mit einem Cameo-Auftritt). Massen formieren sich bedrohlich an der Rampe, während die Schlagstöcke tanzen. Und die personifizierte Nase wird zum ersehnten Volkstribun, der seinen stechenden Tenor (Anton Rositskiy) durch die Menge fräsen lässt. Serebrennikov zielt auf die böse Polizei-Satire. In der beherzten Bedienung des großen Staatsopern-Apparats läuft vieles heiß und dreht auch leer. Was der Aufführung vielleicht fehlt, ist eine Rhythmisierung des Wahnsinns. Eine Fallhöhe oder auch ein Kontrastmittel, um zu verhindern, das alles nur hochtouriges Grundrauschen der Tollheit ist.

Kovaljov ist hier weniger Satirefigur, sondern ein Mitläufer. Ein Polizist, unterer Dienstgrad, der in eine Geschichte geworfen wird, die ihn dazu zwingt, sich zur Umgebung und zur sozialen Situation zu verhalten. Boris Pinkhasovich spielt das schonungslos aus – bei aller stimmlichen Kontrolle. Was er seinem Bariton abverlangen kann, wie er sich nimmermüde in Randzonen bewegt, wie trotzdem noch Text und Phrasenformung möglich sind, das macht ihm derzeit wohl keiner nach.

Vieles in dieser Aufführung bleibt offen, ist Andeutung – und damit im Sinne einer Partitur, die über alle Grenzen suppt. Auch das Ende ist Ahnung, wenn Kovaljov heimkehrt in seine Mietskaserne wie nach einem üblen Traum. Dorthin, wo ein kleines Mädchen auf ihn wartet, das er zur Tür hereinbittet. Manches, auch das sagt der Abend, will man gar nicht so genau wissen.

Internet-Übertragung
am 27. Oktober, 19 Uhr, unter staatsoper.tv.

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