„Die Paukerkomödie war tot“

München - Produzent Martin Moszkowicz spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Erfolg und Fortsetzung von „Fack ju Göhte“, die Film-Schwemme und „Tarzan“.

Kaum jemand hätte gewettet, dass 2013 eine Paukerkomödie der erfolgreichste Kinofilm in Deutschland werden würde. Inzwischen haben mehr als fünf Millionen Menschen „Fack ju Göhte“ gesehen. Dabei wird es nicht bleiben, denn Bora Daǧtekins Geschichte des Bankräubers Zeki Müller, der als Aushilfslehrer anheuert, läuft nach wie vor in den Kinos. Einer der Väter dieses Erfolgs ist Martin Moszkowicz, Vorstand bei der Constantin Film für den Bereich Kino und Fernsehen. Wir trafen den 55-Jährigen in seinem Münchner Büro.

Sie haben als verantwortlicher Produzent bei der Constantin „Fack ju Göhte“ initiiert und begleitet – wann war Ihnen klar, dass der Film ein Erfolg werden würde?

Dass es ein Erfolg werden könnte, war bereits vor dem Kinostart klar – aufgrund der Reaktionen des Testpublikums. Dass „Fack ju Göhte“ aber so erfolgreich werden würde, wie sich jetzt abzeichnet, wussten wir erst, nachdem er zwei Wochen lief. Da war klar, dass der Film zum Phänomen wird – und ein Publikum anspricht, das sehr viel größer ist als die Zielgruppe, für die er zu Beginn einmal entwickelt wurde.

Sie sagen ja, dass sich Kino-Erfolge nicht planen lassen...

Stimmt (Lacht.) – wobei der Plan bei diesem Film schon war, einen Erfolg zu produzieren.

Wie setzt man einen solchen Plan um?

Wir arbeiten seit drei, vier Jahren mit Regisseur Bora Daǧtekin, zunächst bei „Türkisch für Anfänger“. Schon bei diesem Film war zu sehen, was Daǧtekin kann und was sein Hauptdarsteller Elyas M’Barek kann – und wie gut dieses Duo funktioniert. „Türkisch für Anfänger“ war mit 2,5 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film 2012. Die Idee bei „Göhte“ war, ein klassisches deutsches Film-Genre wie die Paukerkomödie zu modernisieren.

Vor „Fack ju Göhte“ interessierte sich doch keiner für Paukerkomödien...

Das Genre war tot. Dennoch ist es eines der wenigen Film-Genres, das in Deutschland entwickelt wurde. Unser Plan war, diese Tradition wiederzubeleben, schließlich können alle Besucher damit etwas anfangen: Jeder war in der Schule, für jeden hat Schule eine andere Bedeutung. Zunächst haben sich dann auch vor allem Schüler „Fack ju Göhte“ angeschaut – inzwischen gehen alle Altersgruppen rein. Das ist die große Qualität Bora Daǧtekins: Seine Komödien sind frech, frisch – und heben sich von vielen anderen deutschen Komödien ab, denen oft zu Recht vorgeworfen wird, dass es ihnen an Qualität mangelt. Daǧtekins Film zeigt, dass man eine geistreiche, innovative und zeitgemäße Komödie machen kann, die auch beim breiten Publikum funktioniert.

Haben Ihnen die Kinobesitzer schon gedankt? Ihr Film rettet zum Ende des Jahres die Bilanz...

Ich höre oft, dass „Fack ju Göhte“ die Constantin-Bilanz und die der gesamten Branche rettet. Ich sehe das nicht ganz so, aber ohne solch enorme Erfolge würde Kino nicht funktionieren. Dass wir in diesem Jahr so lange darauf warten mussten, hat die Sache spannender gemacht als sonst. Doch wir versuchen, jedes Jahr mindestens einen Film zu drehen, der nach oben ausreißt. Klar, dass diese Produktion sich positiv auf das gesamte Portfolio auswirkt. Doch fairerweise muss man sagen, dass gerade jetzt auch Filme wie „Der Hobbit“, „Der Medicus“ oder „Die Eisprinzessin“ die Menschen in die Kinos locken.

In einem unserer letzten Gespräche unterhielten wir uns über die Tendenz in Hollywood, kaum Neues zu wagen, sondern vor allem Erfolgsfilme fortzusetzen. Nun wird es auch einen zweiten Teil zu „Fack ju Göhte“ geben...

(Lacht.) Ich kann Ihnen versprechen, dass das Team für eine Überraschung gut sein wird. Wir werden nicht einfach Zeki Müllers und Lisi Schnabelstedts Geschichte weitererzählen.

Lassen Sie uns über Ihren Hauptdarsteller sprechen. Elyas M’Barek ist sicher ein Grund für den Erfolg...

Ja!

Vergessen Sie bitte kurz Ihre Aufgabe als Produzent und antworten nur als Fachmann: Müssten Sie ihm nicht spätestens jetzt raten, auch einmal andere Figuren zu spielen – nicht immer nur die Machos und Prolls, die das Herz auf dem rechten Fleck haben?

Ich glaube schon, dass Elyas eine immense Bandbreite als Schauspieler hat – aktuell ist er ja auch im „Medicus“ zu sehen, in unserer Produktion „Mortal Instruments“ spielte er in einer kleinen Gastrolle ebenfalls mit. Aber Zeki Müller ist fast schon ein Klassiker: Den wird er noch ein paar Mal geben müssen. (Lacht.) Ich hoffe, dass er künftig seine Rollen so geschickt wie bisher wählt. Und da er trotz seines unglaublichen Erfolgs auf dem Boden geblieben ist, mache ich mir keine Sorgen.

Sie haben heuer auch „3096 Tage“ ins Kino gebracht. Rund 600 000 Menschen haben die Verfilmung der Geschichte von Natascha Kampusch gesehen. Enttäuschte Sie das geringe Interesse – gerade im Vergleich zum enormen Medienecho?

Das Ergebnis bewegt sich im Rahmen, den wir uns gesetzt haben. Es ist ein schwieriger Stoff, den schaut man sich nicht einfach so mal am Freitagabend mit einer Tüte Popcorn in der Hand an. Wir haben nicht erwartet, dass dieser Film ein Millionenpublikum erreicht.

Am 20. Februar bringen Sie „Tarzan“ ins Kino. Nach allem, was bislang zu hören war, ist der Film ein Sorgenkind, oder?

Nein, das kann man so nicht sagen. Vielleicht rührt Ihr Eindruck daher, dass der Film länger in der Fertigstellung gebraucht hat, als wir gedacht hatten. Aber die technischen Herausforderungen eines Motion-Capture-3D-Films (Animationsfilm, der auf von Computern umgewandelten Schauspielerbewegungen basiert; Anm. d. Red.) sind immens. Wir haben da in vielen Bereichen Neuland betreten. Im Mittleren Osten und Frankreich, wo „Tarzan“ bereits zu Weihnachten vorgestartet ist, sind die Reaktionen hervorragend.

Wie viele Zuschauer brauchen Sie, um hier die Kosten zu decken?

Der Film war teuer, keine Frage. Allerdings dürfen Sie nicht vergessen, dass er für den Weltmarkt ist – die deutschen Zuschauer sind wichtig, tauchen bei der Abrechnung am Ende aber nicht an erster Stelle auf. Verkauft haben wir „Tarzan“ in die ganze Welt. Unser Risiko ist daher überschaubar – wie bei allen unseren Produktionen. Wir sind weniger Hasardeure im Filmgeschäft, als man denkt. (Lacht.) Damit ein Film in Deutschland als erfolgreich gilt, muss er eine Million Zuschauer haben. Alles zwischen 500 000 und einer Million ist schön, bleibt er unter 500 000 Zuschauern, dann hat er sein Ziel verfehlt. Aber es ist schwer, mehr als eine Million Zuschauer zu erreichen. Große Produktionen mit Weltstars wie zuletzt etwa „The Counselor“ blieben bei ein paar 100 000 Zuschauern hängen.

Woran liegt das?

Ich glaube, dass es insgesamt zu viele Filme sind, die ins Kino drängen. Dem Markt würden weniger gut tun. Schauen Sie sich ein Hollywood-Studio wie Paramount an: Es hat einen geringen Marktanteil – ist aber das profitabelste Studio. Früher ging es beim Film nur um Marktanteile – heute blickt man stärker auf die Profitabilität. Diese Entwicklung wird auch vor deutschen Filmfirmen nicht haltmachen. Da es zu viele Filme im Kino gibt, werden die Zuschauer überfordert – und viele warten dann, bis es den Film auf DVD gibt oder er im Fernsehen läuft. Das spüren wir alle. Ich würde es nur nicht als Krise bezeichnen.

Was ist es stattdessen?

Der normale Gang der Dinge. Der Markt verändert sich – das Kino muss sich anpassen. Wie es das in den vergangenen 120 Jahren immer wieder getan hat.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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