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Am liebsten populär: Mick Hucknall, Ex-Frontmann der britischen Soul-Band Simply Red, will auch als Solo-Künstler so viele Menschen erreichen wie möglich.

„Die Stones waren mein Michelangelo“

München - Musiker Mick Hucknall spricht über Simply Red, seine Solokarriere und die Liebe zur „größten Rockband der Welt“

Mick Hucknall (52) war ein Vierteljahrhundert lang Stimme und musikalischer Kopf von Simply Red, einer der erfolgreichsten Bands, die Großbritannien je hervorgebracht hat. Zur Orientierung: Sie haben mehr Tonträger verkauft als Oasis oder Coldplay. Nach der ausgiebigen Abschiedstournee widmet sich der Ex-Frontmann nun aber seiner Solokarriere: Mit dem Album „American Soul“ kommt er am 13. März ins Münchner Kesselhaus (Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81). An Hucknall haftet zwar hartnäckig das Image des miesepetrigen Medienmuffels, aber im Interview erweist sich der Mann mit den roten Zotteln als entspannt, gesprächig, eigentlich sogar ziemlich nett.

Mr. Hucknall, weshalb haben Sie in den 80ern Soul gesungen, obwohl das damals völlig out war?

Keine Ahnung, es hat mir einfach immer Freude gemacht, diese Musik zu spielen. Mit „American Soul“ gehe ich jetzt gewissermaßen zu den Wurzeln dieser Musik zurück. Ich mag einfach den Biss, den diese Lieder aus den 50er- und 60er-Jahren haben. Später, in den 70ern und vor allem in den 80ern, wurde der Klang viel sanfter und bei diesem entspannenden Sound hat Simply Red damals angesetzt. Jetzt wollte ich natürlich eine Platte, die zeitgemäß klingt, aber letztlich bin ich der Musik der 60er verfallen.

Wie geht man mit so gewaltigen Vorbildern um, wenn man etwa ein Stück von Otis Redding einsingt?

Das Lustige ist, dass ich „That’s how strong my Love is“ als Kind nur in der Version der Rolling Stones kannte. Mick Jagger hat es übrigens wirklich schön gesungen. Die Originalfassung von Redding habe ich erst später entdeckt. Ich wollte niemanden kopieren und auch kein Retro-Album. Es sind einfach moderne Versionen von Liedern, die mich inspiriert haben. Sie sollen im Radio gespielt werden, die Leute sollen diese wunderbaren Lieder hören.

Wenn Sie schon die Rolling Stones erwähnen: Großbritannien war immer schon ein guter Boden für Soul. Bis heute. Warum sind die Briten so verrückt danach?

Gute Frage. Um ehrlich zu sein, erstaunt es mich selbst. Die Welle der Musik der letzten 50 Jahre ist im Grunde die britische Variante der italienischen Renaissance. Die Beatles und die Rolling Stones waren unser Michelangelo und unser Leonardo da Vinci. Ich glaube, diese Musik hat die Welt verändert, die Kultur unserer Zivilisation.

Inwiefern?

Diese Musik hatte die Kraft, die Art zu denken zu ändern. Die Vorstellung, dass man aus Konventionen ausbrechen konnte, etwas völlig anderes machen als seine Eltern, in einem anderen Teil der Welt – das alles kam aus dieser Musik. Mir scheint, viele begreifen heute nicht, was für eine umfassende Revolution damals stattgefunden hat. Es war der große Augenblick in der Geschichte Großbritanniens. Wir sind ein kleines Land und hatten so gewaltigen Einfluss durch die Popmusik. Wissen Sie, viele weiße Amerikaner haben das musikalische Erbe von Soul und Blues erst durch die Beatles und die Rolling Stones entdeckt.

Sie sind also ganz alte britische Pop-Schule?

Ich sehe meine Aufgabe darin, diese Tradition weiterzutragen. Meine Kultur sind die Beatles. Ich will populäre Musik machen und dafür schäme ich mich nicht. Ich will möglichst viele Menschen mit meiner Musik erreichen. Und mir gefällt die Idee, dass ich die Musik mit Konzerten zu den Menschen trage und nicht mit Multimedia-Marketing-Konzepten. Ich habe da wahrscheinlich eine romantische Vorstellung, aber ich denke, wenn ich etwa hier in München ein gutes Konzert gebe, gehen die Leute nach Hause und sagen: wenn der noch mal kommt, bin ich wieder dabei. Und dann bringen sie noch ein paar Freunde mit und dann spielt man in einer größeren Halle. Ich erwarte gar nicht, dass ich den Erfolg von Simply Red wiederholen kann. Das ist wie ein Neubeginn für mich und ich arbeite hart daran, möglichst viele Menschen für meine Musik zu begeistern.

Die Fans waren Simply Red immer treu. Ebenso zuverlässig wurden Sie von der Kritik angegangen. Stört Sie das noch?

Da geht es um Mode. Ein Musikkritiker ist immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, dem neuen Trend. Simply Red war nie die Band der Stunde, weil wir uns eben an Musik aus den 60er-Jahren orientiert haben. Und ich will auch nie der Mann der Stunde sein. Ich will bestehen. Ich denke, dass man die Musik von Simply Red auch nach 20 Jahren noch gerne hört. Und ich hoffe, dass man sie in 20 Jahren immer noch gerne hören wird. Die Moden kommen und gehen. Wir waren Traditionalisten. Und überhaupt: Egal wie sehr ein junger Punkrocker sich auch reinhängt, er wird nie so sehr nach Punk klingen wie die ersten Singles der Sex Pistols. Das Revier ist definiert. Diese Generationen von Neo-Punkrockern hatten nie eine Chance. Oder nehmen sie Gitarristen. Wie soll man besser spielen als Jimi Hendrix? Das geht einfach nicht.

Klingt ernüchternd. Leidet man als Musiker nicht daran?

Bei Simply Red war uns das immer bewusst. Wie sollten wir besser sein können als die Beatles oder die Stones? Unmöglich. Man kann einfach nur seinen Weg gehen und versuchen, etwas Anständiges zu machen, das Bestand hat. Man tut sein Bestes, aber die Sache ist: Die Rolling Stones sind immer noch die größte Rockband der Welt. Immer noch! Nach 50 Jahren im Geschäft.

Ich habe eine womöglich dumme Frage zum Schluss: Was können Sie als Mick Hucknall tun, was Sie nicht auch als Simply Red hätten tun können?

Nun, darauf gibt es eine einfache Antwort. Weil ich den Namen geändert habe, wecke ich Erwartungen auf Neues. Außerdem wurde ich nacheinander eingeladen, mit Bill Wyman, Charlie Watts, Ronnie Wood und Mick Taylor Rhythm and Blues zu spielen. Ich wäre nicht gefragt worden, wenn ich noch bei Simply Red wäre.

Letzte Frage: Was ist es für ein Gefühl, mit den Helden seiner Kindheit auf der Bühne zu stehen?

Mann, alleine, dass die mich gefragt haben, hat mich umgehauen. Es war wirklich ein Erlebnis.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

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