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Eine musikalische Verneigung vor verfemten Komponisten: Die Toten Hosen um Sänger Campino spielten mit dem Sinfonieorchester der Robert Schumann Musikhochschule „entartete Musik“. 

Projekt der Punkband

Die Toten Hosen: Konzert-Album zu "Entarteter Musik" erscheint

Düsseldorf - Die Toten Hosen spielten 2013 mit einem Orchester von den Nazis verfemte Musik. Das Konzert damals war ein derart großer Erfolg, dass nun das Album erscheint.

Die Toten Hosen zusammen auf einer Bühne mit Geigern, Cellisten, Hornbläsern und einem Flügel – ganz neu ist das nicht: Vor zehn Jahren spielte die Düsseldorfer Band unterstützt von Cello und Klavier zwei Abende im Wiener Burgtheater, das damals vom heutigen Intendanten der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, geleitet wurde. „Nur zu Besuch“ war der Titel dieses erfolgreichen Konzerts, das in der Ohne-Strom-Reihe „MTV Unplugged“ veröffentlicht wurde.

Vor zwei Jahren taten sich die ehemaligen Punkrocker dann mit dem Sinfonieorchester der Robert Schumann Musikhochschule in Düsseldorf zu einem höchst spannenden Projekt zusammen. An drei Abenden spielte die Band mit den jungen Virtuosen Musik, die 75 Jahre zuvor in der Ausstellung „Entartete Musik“ von den Nazis verfemt worden war – also Werke von Komponisten, die vor dem NS-Terror fliehen mussten oder in den Konzentrationslagern umkamen.

Das öffentliche Echo auf die Konzerte in der Düsseldorfer Tonhalle im Oktober 2013 war enorm. Erst heute aber erscheint die zweieinhalbstündige Live-Aufnahme dieser denkwürdigen Abende. Denn eine Veröffentlichung war zunächst gar nicht geplant. „Wir haben nicht unbedingt damit gerechnet, dass die Konzerte so erfolgreich werden würden“, sagte Hosen-Frontmann Campino.

Natürlich sei die Band nervös gewesen, verrät der 53-jährige Sänger im Begleit-Film über die Entstehung des Projekts. Im Oktober 2013 hatten die Hosen gerade die erfolgreichste Stadiontournee ihrer Geschichte beendet. Nun fanden sich die Rockmusiker in der Musikhochschule wieder, vor ihnen Dirigent Rüdiger Bohn. „Wir mussten uns an Dinge gewöhnen wie die Zeichen vom Dirigenten. Wir konnten auch alle keine Noten lesen“, verrät Gitarrist Michael „Breiti“ Breitkopf ein offenes Geheimnis.

Konzert-Album: Die Toten Hosen harmonieren mit klassisch ausgebildeten Musikern

Dass die Toten Hosen als Autodidakten mit den klassisch ausgebildeten Musikern harmonierten, haben sie vor allem ihrem Arrangeur Hans Steingen zu verdanken, der bereits bei „Nur zu Besuch“ seine Hände im Spiel hatte und mit den Düsseldorfern seit dem Album „Opium für das Volk“ (1996) zusammenarbeitet. Nur eine Woche Zeit war für die Proben: Steingen und der Ideengeber des Konzerts, Thomas Leander, Prorektor der Musikhochschule, hatten daher alles akribisch vorbereitet.

Filmmusik des in die USA emigrierten Erich Wolfgang Korngold, sozialkritische Lieder von Kurt Weill und Hanns Eisler, Klezmer, jiddische Musik und berührende Lieder von KZ-Häftlingen sind zu hören. Zudem spielten die Künstler Lieder ein wie das im KZ entstandene „Moorsoldaten“ oder die Interpretation von Erich Kästners Gedicht „Stimmen aus dem Massengrab“.

Diese letzteren Werke gehören schon seit langem zum Repertoire der Toten Hosen, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1982 gegen Rechtsradikalismus stark machen. Auf dem Live-Album entsteht nun jedoch eine ganz andere Eindringlichkeit, wenn die Hosen mit zurückgenommenem Schlagzeug und begleitet von Streichern leisere Töne anschlagen. Plötzlich rücken die Texte mit ihren klaren Botschaften in den Vordergrund.

Campino singt auch das ironische Lied „Einen großen Nazi hat sie“, das aus der Feder des im KZ Dachau getöteten Kabarettisten Fritz Grünbaum stammt. Zudem erklärt der Sänger seinem Publikum die Geschichte der Musik und erzählt vom Schicksal der verfolgten und getöteten Komponisten. In Hochform zeigt sich Campino bei den Nummern aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“, schließlich hatte er im Jahr 2006 in einer Inszenierung von Klaus Maria Brandauer im Berliner Admiralspalast selbst den Mackie Messer gespielt. Anrührend ist das von Linda Hergarten gesungene Schlaflied „Wiegala“, zu dem der Kuddel genannte Hosen-Gitarrist Andreas von Holst und Mircea Gogoncea leise ihre Instrumente spielen.

Der ganze Schrecken des Nazi-Regimes wird hörbar in Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ – ein Höhepunkt des Konzertabends und der CD. Campino musste sich einen Ruck geben, die Rolle des Sprechers in dem Melodram zu übernehmen, berichtet Hochschullehrer Thomas Leander – und das sicher nicht nur wegen der schwierigen Zwölftonmusik. Zu der Sprechrolle gehört auch der Part des SS-Aufsehers, der mit schneidender Stimme Menschen für die Gaskammer abzählt. Nebenbei kann man diese Musik also nicht laufen lassen, man muss sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen.

Übrigens: Alle Einnahmen aus dem Verkauf des Albums gehen an die Stipendiaten und Konzertprojekte der Robert Schumann Musikhochschule.

Dorothea Hülsmeier

Die Toten Hosen/ Orchester der Robert Schumann Musikhochschule:

„Entartete Musik“ (Warner).

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