1. Startseite
  2. Kultur

Die vorletzten Salzburger Osterfestspiele mit Christian Thielemann: Im Auge des Tsunamis

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Markus Thiel

Kommentare

Christian Thielemann und Anja Kampe
Standing Ovations für Christian Thielemann, Sopranistin Anja Kampe und die Staatskapelle Dresden nach dem Wagner-Abend am dritten Tag der Festspiele. © Matthias Creutziger

Die „Osterfestspiele im Herbst“ werden zum Triumph für Christian Thielemann. Es ist sein vorletzter Salzburger Auftritt als Chef. Bei Wagner bleibt er konkurrenzlos, über Mozart müssen wir reden.

So gesehen ist der Minutenpreis dramatisch gefallen, von 4,60 Euro im Eröffnungskonzert auf 2,20 Euro bei der Wagner-Sause am dritten Tag. Wobei Ersteres eine Bizarrerie bleibt, finanziell und programmatisch. Nach nur 50 Minuten Mozart-Requiem ohne übliches Zweitwerk ist Schluss im Großen Festspielhaus und das Publikum bei Maximalpreisen von 230 Euro pro Karte entlassen zum Dinner. Das Kuriosum passt zum gesamten Event. Das muss sich „Osterfestspiele im Herbst“ nennen, weil im Frühling 2021 noch Lockdown war und nun, ohne gewohnte Oper, vier Ersatzkonzerte am Allerheiligen-Wochenende organisiert wurden.

Christian Thielemann, bald von Dresden über Bayreuth bis Salzburg aller Chefposten entledigt und seine endlich gewonnene Freiheit beteuernd, darf mit seiner Staatskapelle Dresden ein vorletztes Mal in Salzburg aufspielen. Nach den Osterfestspielen 2022 ist bekanntlich Schluss. Dann übernimmt Nikolaus Bachler, Ex-Intendant der Bayerischen Staatsoper, das Alleinregiment des kleinen, hyperfeinen Festivals und lädt sich jedes Jahr ein anderes Orchester ein.

Bachler und Thielemann haben ihren Krieg beigelegt

Man kann es Waffenstillstand nennen, friedliche Koexistenz oder Modus vivendi. Fest steht: Der öffentlich ausgetragene Zickenkrieg zwischen Bachler und Thielemann ist passé. Man liebt sich zwar noch immer nicht, verhält sich aber wie Profis. Und wenn man so gefeiert wird wie Thielemann an diesem Wochenende, schmerzt der erzwungene Abgang vielleicht gar nicht mehr so arg.

Schon nach dem ersten „Walküre“-Akt im Wagner-Konzert, das fast doppelt so lange dauert wie der Mozart-Auftakt, wird der irdische Stellvertreter von Richard selig ausgiebig gefeiert. Mit der großen Sahnetorten-Deutung, die man Thielemann gern andichtet, hat dieser überlegen entwickelte Wagner nichts zu tun. Anders als früher will Thielemann von seinen Dresdnern schon ab Beginn hohe Umdrehungszahlen, spitzt die 60 Minuten zum Thriller zu, lustvolle Verbremsungen inklusive. Für gelungene Mini-Momente gibt es ein Lächeln des Chefs. Überhaupt ist derzeit wohl einmalig, wie sich wissende Konzentration aufs Detail die Waage hält mit dem großen, spannungsvollen Aufriss.

Mozart-Requiem aus der Steinzeit

Auch nach der Pause, in den Schnipseln aus der „Götterdämmerung“, ist das so. Die Staatskapelle kennt ihren Wagner aus dem Effeff, Thielemann erst recht. Und auf einem Niveau, das andere nur mit Mühe erreichen, fängt dieses Gespann erst an. Anja Kampe muss in Brünnhildes Schlussmonolog kleine Kompromisse eingehen, eine genuin Hochdramatische ist sie nicht. Dafür singt sie zuvor eine bestechende, textbewusste Sieglinde und reißt den auch klanglich ergrauten Stephen Gould mit, der sich den Siegmund klug und tonbewusst einteilt. René Pape als Hunding ist Luxus, und das weiß er auch. Standing Ovations, der Wagner-Abend mit dem Titel „Winterstürme“ fegt wie ein Herbstorkan durchs Festspielhaus.

Fast hätte man da den Auftakt vergessen. Thielemann liefert da ein Mozart-Requiem aus der Dirigentensteinzeit. Fugen und große Tutti-Momente dröhnen al fresco. Der eigentlich famose Salzburger Bach-Chor, sonst Subtileres gewohnt, müht sich. Der Dirigent scheint sich fast nur für die Soli-Momente zu interessieren, die – ob Recordare oder Benedictus – viel mehr differenziert werden. Golda Schultz, Christa Mayer und René Pape bieten hier Erlesenes, auch Sebastian Kohlhepp, der sich mit feiner Klangrede irgendwie in die falsche Aufführung verlaufen hat.

Hilary Hahn und Arabel Karajan
Hilary Hahn (re.) erhält den Karajan-Preis von der Dirigententochter Arabel Karajan. © Matthias Creutziger

Traditionell wird für ein Konzert der Osterfestspiele ein Gast geholt. Daniele Gatti, beim Concertgebouw Orchestra Amsterdam wegen angeblicher #MeToo-Geschichten gestürzt, dirigiert, als wolle er sich in Dresden für Thielemanns Nachfolge ab 2024 bewerben. Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ wird zum vielschichtigen Klanggemälde, erst recht Schumanns dritte Symphonie. Klanglich ist das nur auf Halbfett-Stufe, dafür flexibel, handwerklich souverän gestaltet, energiereich, immer auf den Altgold-Charme der Staatskapelle vertrauend. Nur der Mozart, das Violinkonzert KV 219, kommt über eine Petitesse auf Samtpfoten nicht hinaus. Wie es anders gehen muss, zeigt Solistin Hilary Hahn mit ihrer offensiven, sehr plastischen Deutung. Die Kadenzen, die sich in Entlegenes versteigen, stammen von ihr selbst. Und für den Karajan-Preis, den Bachler und Karajan-Tochter Arabel übergeben, bedankt sich Hahn mit einer emotionalen Rede, die den Wiederbeginn des Kulturlebens feiert.

Zum Finale des etwas anderen Osterfestspiels gab’s Montagabend noch das „Heldenleben“ von Strauss. Und man darf sichergehen, dass es dieses Mal nicht nur um Autobiografisches aus dem Komponistenleben ging, sondern Thielemann auch sich selbst meinte. Einmal darf er noch ran, im kommenden Frühjahr, mit einer Woche, die sich um einen neuen „Lohengrin“ formiert. Der Salzburger Jubel für die Dresdner und ihren Noch-Chef ist wie eine Akklamation. Wäre doch unklug, würde Bachler bei einem künftigen Wagner-Projekt auf diese bestmögliche Kombi verzichten.

Auch interessant

Kommentare