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Vermächtnis und Demonstration: Mit seiner Inszenierung der „Zauberflöte“ zeigt der scheidende Intendant David Pountney, dass kein anderer so gut mit den Dimensionen der Bregenzer Seebühne umgehen kann wie er.

„Die Zauberflöte“ in Bregenz

Eine intelligente Show

Bregenz - Märchen und maßvoll dosiertes Spektakel: Intendant David Pountney inszenierte „Die Zauberflöte“ in Bregenz.

Ganz hinten, 70 Kilometer Luftlinie entfernt, sieht das anders aus. Dort, auf der Mainau, da stehen die Blumen in Rabatten stramm. Da sind die Büsche mit der Heckenschere frisiert, da hat jedes exotische Bäumchen sein erklärendes Kärtchen. Dagegen in Bregenz: totaler Wildwuchs. Ein Grashalmwald, der sich per Luftdruck aufrichtet, Irrgarten sein kann, auch schlängelndes, bedrohliches Irgendwas. Einmal rauscht eine weiße Schlange die Inseltreppen herab und versinkt gluckernd im Bodensee, im Dickicht gurrt’s und zischelt’s. Später glotzen leuchtende Augenpaare aus dem Dunkel. Und wer nicht spurt, kassiert das Gebrüll dreier männchenmachender Giga-Drachenhunde. „Jurassic Park IV“? Viel besser: „Die Zauberflöte“. Nur eben keine dieser erklärenden Abende, die am „Bruch im Stück“ und dergleichen herumdeuteln. Das ginge auf der weltgrößten Freilichtbühne auch gar nicht, hier zählt die (intelligente) Show. Es ist eine Art Vermächtnis, das der 2014 scheidende Intendant David Pountney mit seiner mutmaßlich letzten Bregenzer Regie hinterlässt. Und es ist eine Demonstration: Kein anderer kann so gut mit den dortigen Ausmaßen umgehen wie er. Zweimal hat der Brite bislang dort gearbeitet, bei „Fidelio“ und „Nabucco“. In Mozarts Hit zieht er nun die Summe dieser Open-Air-Erfahrungen. Und das bei diesem Stück: Anders als frühere Bregenzer Musikbrummer à la „André Chenier“ oder „Tosca“, deren Klänge sich gierig Raum erobern, ist die „Zauberflöte“ ja viel kleiner dimensioniert.

Pountney und sein Bühnenbildner Johan Engels stellen sich dieser Intimität – und gewinnen. Gut, da startet die Ouvertüre von Null auf Hundertachtzig mit Feuerwerksraketen, an Seilen hangelnden Stuntmen und einer in Dolby Surround wimmernden Pamina: Es ist ihre Entführung durch Sarastros Schergen, die hier gezeigt wird. Immer wieder zieht vor der drehbaren Inselbühne, ob Todesgondel oder Goldhand, ein anderes Element vorbei. Tamino muss sich einer Vorarlberger Nessie-Schwester erwehren, die Königin der Nacht fährt per Hebebühne in ihre namensgebende Dimension. Doch noch viel öfter wird der Blick fokussiert, die Arien und Duette erfordern es schließlich, auf anderes: auf die Einsam- und Zweisamkeit der Figuren. Eine so „klassische“ Inszenierung ward hier selten zu sehen. Das ist nicht nur Pountneys siebtem Freiluftsinn zu danken, auch Johan Engels, der (abgesehen vom Gräserwald) seine Bühne ziemlich leer geräumt hat. Und vor allem den Lichtzaubereien von Fabrice Kebour, der das Dunkel der rückwandlosen Szenerie für magische Farbstimmungen nutzt.

Dass die drei Damen aus dem Off singen und durch Asia-Puppen vertreten werden, die auf bissigen Sauriern reiten, ist nur eine kurze Irritation. Märchen und Science-Fiction, Fantasy und maßvoll dosiertes Spektakel ist diese „Zauberflöte“ – und will auch kritisch sein. Letzterem droht jedoch die Verpuffung. Monostatos mag, ein zynischer Moment, zum salbungsvollen Priestermarsch verprügelt werden. Auch bleibt Sarastro mit fernöstlichem Turmkopfschmuck und ebensolchem Gewand (Kostüme: Marie-Jeanne Lecca) unnahbarer Pate statt Priesterväterchen. Doch zum Kampf der Generationen weitet sich der Abend nicht. Auch wenn Tamino und Pamina am Ende durch die Publikumsreihen davonschreiten und die Kampfinsel hinter sich lassen. Regenbogenleibchen tragen sie dazu wie der „Heil“-erbietende Chor: Abnabelung von der Elternriege? Sieht eher nach CSD aus.

Dass Mozarts Dreistünder um 45 Minuten gekürzt wurde, ist Bregenzer Brauch und tut dem Stück nicht weh. Das erste Chorfinale entfällt, zwei, drei andere Nummern auch, Sarastro muss wie Papageno jeweils eine Arienstrophe lassen. Dirigent Patrick Summers war da offenbar schmerzfrei. Mit den Wiener Symphonikern eiert er ein wenig durch die Ouvertüre. Die Tempi sind flott, die Nadelstichakzente sitzen, man ist auf Biegsamkeit bedacht – und bleibt doch in der redlichen Sekundantenrolle. Alle Hauptpartien sind dreifach besetzt, in der Premiere kommt es dabei zu ungewohntem Höreindruck. Norman Reinhardt ist kein Säusler, sondern ein sehr markanter Tamino auf dem Weg zum Helden. Gisela Stille singt eine reif timbrierte, klanglich gehaltvolle Pamina. Ana Durlovski feuert als Königin keine stechenden Spitzen ab, gestaltet mit gedecktem Ton und souveränem Verzierungsfuror. Daniel Schmutzhard liefert eine stimmschöne Portion Schmäh, ohne als Papageno zu dick aufzutragen. Alfred Reiters mächtiges Sarastro-Organ muss sich erst beruhigen. Und Dénise Beck ist als raunzende Alte eigentlich besser als enttarnte Papagena.

Zustimmender, recht kurzer Applaus: Eine Viertelstunde vor dem Schlussakkord öffneten sich die himmlischen Schleusen. Eine Wasserprüfung nicht nur fürs hohe Paar, das wäre ja stückgemäß, sondern auch für 7000 Besucher. Und ein Moment, den man gerade dieser Inszenierung nie wieder wünscht.

Aus Bregenz berichtet Markus Thiel

Weitere Vorstellungen:

bis 18. August (ausverkauft, eventuell Restkarten);

Telefon 0043/ 5574/ 4076

Ein ORF-Interview mit unserem Kritiker Markus Thiel finden Sie hier!

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