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Um dieses Werk geht die Debatte: Manche Franken behaupten, es sei von den Wittelsbachern „geraubt“ worden. Der These widersprechen jedoch viele historische Tatsachen.

Diebstahl oder Notverkauf?

München - Der Streit um die Ausleihe eines Dürer-Porträts nach Nürnberg hat eine alte Historiker-Debatte neu entfacht. Für die einen ist längst ausgemacht: München hat sich das Dürer-Werk ergaunert. Dem widersprechen aber andere historische Quellen.

Für Joachim Kalb vom Fränkischen Bund ist der Fall längst entschieden: „Das Dürer-Bild ist gewissermaßen als Hehlerware auf betrügerische Weise an das Haus Wittelsbach gelangt.“ Und auch die Franken-Partei hat an dieser Einschätzung keine Zweifel – und setzt bei der Aufklärung der rund 200 Jahre zurückliegenden angeblichen kriminellen Machenschaften nun auf die Münchner Staatsanwaltschaft. Seit die Alte Pinakothek in der bayerischen Landeshauptstadt sich weigert, das „Selbstbildnis im Pelzrock“ für eine Ausstellung im Sommer nach Nürnberg auszuleihen, schießen Legenden über den Weg des weltberühmten Werks von Nürnberg nach München ins Kraut.

Dass sich Kunsthistoriker in dem Streit bisher vergleichsweise bedeckt hielten, hat vor allem einen Grund: Die Quellenlage in der Frage, wie die Lindenholztafel mit dem Selbstbildnis in die damalige kurfürstliche Kunstsammlung in München gelangt war, sei vergleichsweise dünn, berichtet der Kunsthistoriker Daniel Hess vom Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg. Hess leitet dort ein Dürer-Forschungsprojekt und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Werk des Künstlers. Er arbeitet auch an der geplanten Ausstellung „Der frühe Dürer“ (24. Mai bis 2. September) mit, in der man das Porträt zeigen wollte. Doch die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen weigern sich, das empfindliche Bild, das auf der Sperrliste steht, auszuleihen. Dies führt seit Wochen zu heftigen Diskussionen (wir berichteten).

Die Nachverfolgung des Werks seit seiner Entstehung im Jahr 1500 sei schwierig, sagt Hess. „Das ,Selbstbildnis im Pelzrock‘ ist das anspruchsvollste der drei zwischen 1493 und 1500 gemalten Selbstporträts“, betont er. „Das derzeit in der Alten Pinakothek gezeigte Selbstbildnis ist im Laufe der Jahrhunderte immer wieder kopiert worden. Die ersten Kopien entstanden bereits vor 1800. Außerdem kann man nicht sicher sein, ob es sich bei den im Nürnberger Rathaus seit dem späten 16. Jahrhundert erwähnten Dürer-Selbstbildnissen tatsächlich immer um das heute in München verwahrte Bild gehandelt haben muss“, erläutert der Experte.

Daher ist die Geschichte des Selbstbildnisses bis zu seinem Verkauf außerordentlich schwer nachzuvollziehen. Jüngere Forschungen hätten allerdings gewisse Zweifel an der Theorie aufkommen lassen, dass die kurfürstliche Kunstsammlung in München das Bild ergaunert hat. Vieles deutet nach Einschätzung von Hess vielmehr auf einen Notverkauf der überschuldeten Stadt Nürnberg im Jahr 1805 hin. Schriftliche Zeugnisse belegten, dass der Nürnberger „Rechtskonsulent“ (städtischer Rechtsreferent) Georg Gustav Petz 1805 nach München gereist war, um das Porträt der Kunstsammlung des Hauses Wittelsbach anzubieten. Für rund 600 Gulden wechselte das Bild seinerzeit den Besitzer.

Dass sich seinerzeit der Kunstmaler Abraham Wolfgang Küffner (1760-1817) in Begleitung von Petz befunden hatte, nährte schon bald Spekulationen über angebliche betrügerische Machenschaften. Denn Küffner galt in Nürnberg als windige Gestalt; schließlich hatte er 1807 wegen Falschmünzerei in Haft gesessen. Dabei wurden bis heute zwei Betrugs-Versionen überliefert. Die eine behauptet, Küffner habe sich das Original des „Selbstbildnisses im Pelzrock“ für eine Kopie ausgeliehen; statt des Originals habe er später seine Kopie der Stadt Nürnberg zurückgegeben und das Original der kurfürstlichen Kunstsammlung verkauft. Geradezu den Stoff für einen Krimi bietet die zweite Betrugs-Version: Danach soll Küffner, um gar nicht erst Zweifel an seiner Kopie aufkommen zu lassen, die Rückwand der von Dürer bemalten originalen Lindenholztafel abgetrennt und darauf seine Kopie gemalt haben.

Diese Version hätten, so macht Dürer-Experte Hess deutlich, moderne kunsttechnologische Verfahren widerlegt. Die erste Räuberpistole geht im Wesentlichen auf das 1827 erschienene Werk des Nürnberger Kunsthistorikers Joseph Heller „Leben und Werk Albrecht Dürers“ zurück. Offen lässt Heller jedoch, auf welche Quellen er sich stützt. Hess zweifelt an beiden Betrugs-Versionen; er stützt sich dabei auch auf die Einschätzung von Expertin Gisela Goldberg und meint: „Wenn Küffner tatsächlich die Stadt Nürnberg genarrt hat, dann stellt sich die Frage, warum der Verkauf ausgerechnet über den Nürnberger Stadtkonsulenten Petz erfolgte.“ Petz sei schließlich ein hochrangiger Stadtbeamter gewesen. Tatsache sei, dass die Stadt in der Zeit hoch verschuldet war und schon seit Jahren Inventar zu Geld gemacht habe.

Von Klaus Tscharnke

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